laut.de-Kritik

Katy wirkt wie eine Fehlbesetzung auf dem eigenen Album.

Review von

Andere können besser singen, aber keine ist so kunterbunt wie Katy Perry. Bisher verstand sie den Pop besser als jede andere und erschuf um sich eine eigene Kirschkuchen-Parallelwelt voller Farben, brüllenden Löwen, tanzenden Haien und niemals verblassenden Ohrwürmern. Ihre charmanten Bubblegum-Songs präsentierte die Sängerin immer mit entwaffnender Leichtfüßigkeit.

Über "Witness" steht in großen Leuchtbuchstaben der Wunsch nach Veränderung. Ein verletzlicher Zeitpunkt, in dem nicht wenige Künstler ihre interessantesten Alben veröffentlichen. "This is intimacy" singt Katy Perry in der abschließenden Ballade "Into Me You See", doch genau diese verweigert sie. Viel mehr baut die Produktion über weite Strecken des Longplayers undurchdringliche Schutzschirme um Perry auf, hinter denen sich ihre Gefühle verbergen. Erstmals wirkt sie wie eine Fehlbesetzung auf ihrem eigenen Album.

Hit-Amokläufer Max Martin bleibt Katy auf sechs Tracks erhalten, aber ihr bisheriger Stammproduzent Dr. Luke gehört der Vergangenheit an. Der leichte Rockansatz fliegt zusammen mit ihm komplett aus dem Fenster. An seine Stelle treten kühle, an die frühen 1990er angelehnte Clubbeats und Synthesizersounds, die sich schnell zwischen Crystal Waters' "Gypsy Woman (She's Homeless)" und Snaps "Rhythm Is A Dancer" ansiedelen. Mit "Witness" legt Perry Kieszas "Sound Of A Woman" neu auf. Nicht das einzige Mal, dass die kalifornische Sängerin ihren Kolleginnen diesmal unglücklich hinterher läuft.

Auch in seiner Präsentation, die fest zum Pop gehört, gerät "Witness" zu einem Potpourri der vergangenen Jahre und so berechnend wie das Bruttoinlandsprodukt. Es zeigt nur die Entwicklung der Vergangenheit auf. Dabei kommt alles mindestens drei Jahre zu spät. Zu viel Zeit, um frisch zu wirken, zu wenig, um schon retro zu sein.

Das Glotzkovski-Cover wirkt seltsam vertraut, erinnert in seiner frostigen Ästhetik an Christina Aguileras "Bionic"-Phase. Die blonde Kurzhaarfrisur trug Miley 2013 schon zu "Bangerz". Eine Zeit, an die auch der verunglückte Saturday Night Live-Auftritt erinnert. 2015 hat angerufen und will sein Nicki Minaj-Feature bloß nicht zurückhaben.

All dies hat keinen Einfluss auf die Wertung der Musik, doch ergibt das Gesamtpaket ein seltsames, reichlich verunglücktes Bild. Katy Perry geht mit "Witness" nicht einen Schritt nach vorne, sondern stolpert unbeholfen zwei Schritte zurück. Würde man es nicht besser wissen, man könnte es aus Versehen aufgrund der künstlerischen Entwicklung und der Außendarstellung in der Diskografie vor und nicht nach dem vier Jahre zurückliegenden "Prism" einordnen.

Zu diesem windschiefen Eindruck passt, dass sie den Longplayer Anfang des Jahres als neue Ära, als "purposeful Pop" ankündigte. Als eine Abrechnung und Verarbeitung der amerikanischen Wahlergebnisse im Jahr 2016. Ein politisches Statement, ein Anti-Trump-Album. Davon blieb nur wenig übrig. Stattdessen leckt sie die Wunden, die eine verlorene Liebe hinterließ ("Miss You More"), versucht sich am Beef mit Taylor Swift ("Swish Swish") und reichlich plumpen Oral-Sex-Metaphern ("Bon Appétit").

Bei all den bereits vorhandenen Problemen umschließt "Witness" ein viel zu eng geschnürtes Klangkorsett, das schnell ein Problem darstellt. Viele Songs funktionieren vielleicht auf sich alleine gestellt. Zusammen treten bereits beim Erreichen von "Swish Swish" erste Ermüdungserscheinungen auf. Nur wenige treten einen Schritt nach vorne und hinterlassen einen bleibenden Eindruck.

Trotzdem finden sich zwischen zu viel Füllmaterial starke Momente. Mit dem sarkastischen "Bubble"-Song "Chained To The Rhythm" greift sie die Fake News des Internets auf. Zusammen mit Sia, Martin und Bob Marleys Enkel Skip Marley gelingt ein glanzvoller Track. Er hält das Versprechen des "purposeful Pop" tatsächlich ein und verbindet Message und sommerlichen Leichtigkeit mit einem Ohrwurmrefrain. Gleichzeitig zeigt das Stück, wie großartig "Witness" hätte sein können, wenn Perry den ganzen Weg gegangen wäre. Dass sich politische Aussage und lebensbejahender Pop nicht zwangsweise im Weg stehen. Ein kurzer "Roar", bevor sich die Clinton-Anhängerin für das restliche Album selbst in Ketten legt. Ein "Roar", bevor ihr der eigene Mut, die Lust, die Inspiration, die Fähigkeit oder die Unterstützung für ein solches Album abhanden kamen. Schade.

"Hey Hey Hey" klingt wie eine flachbrüstige Kopie eben dieses Löwen-Hits ihres letzten Albums. Ein unter Ibiza-Synthesizern begrabener Remix, dem die Kraft des Originals fehlt. Über den Eindruck des Zweitaufgusses hilft auch eine Zeile wie "I'm Marilyn Monroe in a monster truck" nicht hinweg. Weitaus mehr Spaß bereitet "Roulette" mit seinem "Rhythm Is A Dancer"-Basslauf und einem stürmischen Refrain. Das fröhlich im Hintergrund dudelnde Achtziger-Jahre-Saxofon in "Power" setzt einen gelungenen harten Kontrast zum dunklen Elektro-Soul-Funk und den wabernden Bassflächen des süßsauren Songs.

Mit dem bereits jetzt legendär gefürchteten Taylor Swift-Diss-Track "Swish Swish" bietet Katy einen kaum topbaren Fremdscham-Faktor. Ein von Duke Dumont produzierter Neunziger-House-Track, überladen mit nicht vorhandenen Ideen. Der Ätschibätsch-Song eines beleidigten Kindergartenkindes. Dass Nicki Minaj ausgerechnet hier eine Hommage an Biggy unterbringt ("Da ha da ha / They never thought the swish God would take it this far"), treibt einem fast die Tränen in die Augen. "They know what is what / But they don't know what is what / They just strut / What the fuck?"

Das unterkühlte "Tsunami" bietet einen Kontrapunkt zum überfrachteten Rest des Albums. Ein minimales Stück, herunter gebrochen auf einen sich behäbig voranschleppenden Synthesizer-Basslauf. Anstatt im Refrain die übliche Reise ins Drama-Land anzubrechen, geht auch dieser die entgegengesetzte Richtung, dimmt den Song eine weitere Stufe herunter. Mit seiner Miami Vice-Ästhetik wohl der interessanteste Track des Albums, dessen Produktion auch gut in die Hände von Hot Chip gepasst hätte. Diese übernehmen hingegen die abschließende Ballade "Into Me You See". Eine austauschbare Ballade von der Stange, in der sich "Into Me You See" auf "Open Sesame" und "Intimacy" reimen und Katy Perry sich als gute, aber nicht überragende Sängerin präsentiert. Eine weitere von vielen verpassten Chancen.

Nach dem gelungenen "Prism" verspielt Katy Perry mit "Witness" die Möglichkeit, sich weiter freizuschwimmen, sich künstlerisch zu entwickeln und eine weitere Facette von sich zu zeigen. Vielleicht, weil sie bereits das Optimum erreicht hatte. Ihr gelingt kein "Miley Cyrus And Her Dead Petz", kein "Joanne", sondern nur ein unterdurchschnittliches Pop-Album. Viel zu wenig für ihren Status. Auf das Brüllen des Löwens folgt leider nur das Tschilpen eines Kükens.

Trackliste

  1. 1. Witness
  2. 2. Hey Hey Hey
  3. 3. Roulette
  4. 4. Swish Swish feat. Nicki Minaj
  5. 5. Déjà Vu
  6. 6. Power
  7. 7. Mind Maze
  8. 8. Miss You More
  9. 9. Chained To The Rhythm feat. Skip Marley
  10. 10. Tsunami
  11. 11. Bon Appétit feat. Migos
  12. 12. Bigger Than Me
  13. 13. Save As Draft
  14. 14. Pendulum
  15. 15. Into Me You See

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8 Kommentare mit 25 Antworten

  • Vor einem Jahr

    Ein keckes Cover mit Frau Perry dass ihre großen Vorzüge erahnen lässt und mich erschaudert. Wenn es wäre ein Doppelalbum mit diesen Vorzügen auf dem Cover von CD2, würde der gemeine Geizmarktkunde sofort seinen geilen Samen versprühen und Sven 2 Punkte mehr geben, wie er das immer macht. Aber so nicht

  • Vor einem Jahr

    Der erste Absatz macht schon deutlich, dass Sven Kabelitz zumindest von moderner Popmusik so gar nichts versteht. "Ihre charmanten Bubblegum-Songs präsentierte die Sängerin immer mit entwaffnender Leichtfüssigkeit." Wtf? Da hat sich jemand aber mächtig verscheißern lassen.

    Das Album offenbart nur, was Katy Perry schon immer war, nämlich eine total austauschbare, unauthentische Plastik-Künstlerin mit dünner Stimme, der ab und an mal ganz durchschnittlich Ohrwürmer geschrieben wurden.

  • Vor einem Jahr

    Seitdem sie kurze Haare trägt, taugt sie leider nichtmal mehr als Wichsvorlage. Rein musikalisch natürlich schon immer total belanglos gewesen.

    • Vor einem Jahr

      Naja, also stoßbar ist sie doch schon nachwievor.

    • Vor einem Jahr

      Ist wie damals mit Miley: bei redneck-party-in-the-usa war sie noch ein Top Gerät, dann wollte sie einen auf wild und frech machen und direkt hatte man Gedanken an Geschlechtskrankheiten und schmutzige Nadeln. Katy bleibt natürlich sauber, aber wäre sie ne Stripperin würde ihr Pascha verlangen, dass sie ne Perücke trägt. Sieht doch von hinten sonst aus wie ein 12 jähriger Junge.

    • Vor einem Jahr

      Sie ist so hübsch, sie könnte MOKs Prinzessin werden.

  • Vor einem Jahr

    Hab für die Frau keinen künstlerischen Respekt. Sie bedient sich immer bei anderen Künstlern, besonders wenn's um visuelle Trends geht und verpackt den aktuellen Zeitgeist wie ein Stück Hackfleisch, das dem Massenpublikum verkauft wird. Die Tante ist komplett austauschbar.

    • Vor einem Jahr

      Ich glaube nicht, dass irgendeine x-beliebige andere mit denselben Songs auch 4-6 Millionen jedes Albums verkauft hätte. So funktioniert das nicht. Dann könnte man auch schreiben, Britney Spears wäre total austauschbar. Bei der lagen die Verkaufszahlen im 8-stelligen Bereich pro Album. Katy ist neben Rihanna und Ariana Grande immer noch eine der aktuell Großen.

  • Vor einem Jahr

    Für mich fehlen da die typischen Gänsehaut-Hooks a la Backstreet-Boys, die bei Bubblegum Pflicht sind. Wenn sie die mit 32 nicht mehr will, dann muss sie mit was anderem überzeugen. Und das ist irgendwie nicht richtig gelungen. Einen großen Smash Hit enhält das Album imho nicht. Obwohl Max Martin an einigen Songs beteiligt war. Aber am Ende bestimmt halt die Künstlerin die Songauswahl. Sie will jetzt wohl langsam mehr die Katheryn als die Katy geben.

  • Vor einem Jahr

    Das Album ist echt extrem schlecht. Bisher ihr schlechtestes. Mag nur Witness, Swish Swish, Miss You More, Chained To The Rhythm und Bigger Than Me.

    1,5 Sterne.