laut.de-Kritik

Kompromisslos. Bodenlos. Großartig.

Review von

Nimm eine provokative Grundhaltung, brachiale Präsenz, Berliner Straßenschnauze, bzw. kein Blatt vor den Mund, politische Beobachtungsgabe, entwaffnende Realness, chronischen Zynismus, ausgeprägten Sarkasmus, musikalisches Talent, rhetorisches Geschick sowie einen aus Prinzip überspannten Bogen - und Du bist überfordert. Oder Du bist K.I.Z. und präsentierst Dein neues Album.

Während mich die jüngeren Ergüsse anderer hoffnungsvoller Newcomer dieses Jahrzehnts unlängst eher enttäuschten, machen Nico, Tarek, Maxim und DJ Craft alles richtig: nämlich genau da weiter, wo sie 2007 mit "Hahnenkampf" aufgehört haben. "Sexismus Gegen Rechts" unterscheidet sich vom Vorgänger tatsächlich nur geringfügig und macht seinem Namen alle Ehre: politisch inkorrekte, ethisch unhaltbare und den Geschlechterkampf ins 13. Jahrhundert zurück katapultierende Thesen zu einem überwiegend synthetischen Haudruff-Soundtrack.

Das Ganze einmal mehr verpackt in einen intelligenten Mix aus Persiflage, Selbstironie, Übertreibung und Gesellschaftskritik, der auch weniger hell strahlenden Zeitgenossen schnell klar machen dürfte, dass hier nicht ausschließlich der gemeine Hooligan bedient sein will. Das Bürgertum wird aufs Korn genommen, die Elite abgewatscht, das Weib – wenngleich subversiv – gefeiert und die Droge zelebriert. Die Maxime lautet: Es muss Spaß machen. Das Ergebnis: Mission complete.

Um Genregrenzen haben sich K.I.Z. dabei noch nie gekümmert. So halten sie es auch hier weitläufig: Da wird bei einem Ausflug in Deutschlands Sechziger "Halbstark" von den Yankees gecovert, mit "Klopapier" die obligatorische Punkrock-Bierdose runtergeballert oder in "Gute Alte Zeit" zum Klavier eine ungewohnt sentimentale Retrospektive zum Besten gegeben. Nico bringt es dort auch auf den Punkt: "Ich kann mich bis heute nicht zwischen Wu-Tang und Metallica entscheiden." Hip Hop, wie er sein kann.

Letzterer kommt bei aller Experimentierfreudigkeit nicht zu kurz: Wenn in der Patriarchen-Hymne "Ohrfeige" als Antwort auf die Frage, "Was die Müllsäcke angeht" ein gesampleter Jay-Z mit "Bring 'em Out, Bring 'em Out" erschallt, hat das mehr interkontinentalen Charme als das plakativste US-Feature.

Wer dann auch noch WBM-Zitate verbaut, einen lupenreinen Flow, saubere Technik und kreativen Wortwitz vorweist, sowie über ein hauseigenes Produktionsteam verfügt, das so verstörende Bass-Mörser wie "Lass' Die Sau raus" konstruiert, kann sich über allfällige Kritik eigentlich erhaben wähnen.

Dennoch: Etwas irritierend empfinde ich den eigentlich einzigen Song, der das "Gegen Rechts" im Albumtitel vollauf rechtfertigt. So spielt "Straight Outta Kärnten" in erster Linie auf unsere österreichischen Nachbarn an und kommt obendrein formal ein wenig blass daher. Das wäre mal besser ein Freetrack geblieben. Auch der etwas schleppende "Scheiterhaufen" will in Anbetracht des restlichen Bombardements erstmal nicht so recht Feuer fangen.

Ein absolutes Highlight der Platte ist dagegen "Ringelpiez Mit Anscheissen": Was mit einem harmlosen Glockenspiel beginnt und sich dann zu einer akkordschwangeren Tanztempelromanze aufplustert, wird spätestens dank der menderes'schen Hook zur bodenlosesten und gleichzeitig großartigsten R'n'B-Demontage, die Deutschland bis dato gehört hat. "Liebes Lied" von den Beginnern, erneut derbe reloaded. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Apropos: Wer gegen gesungene und melodische Refrains eine Allergie hat, wird auch dieses Mal bei einem Gros der Titel Ausschlag bekommen. Wie schon erwähnt, finden sich frappierende Parallelen zum letzten Album. Was vor zwei Jahren "Pogen" war, heißt heute "Einritt", "Der Schöne Und Das Biest" tanzen diesmal in der "Straße", die "11. Plage" wird zur "Selbstjustiz" und dergleichen mehr. Doch anstatt das als fehlende Entwicklung zu rügen, werte ich es als kompromisslose Erfüllung hoher Erwartungen.

Kurzum: K.I.Z. zeigen erneut, dass sich ein Hirn und zwei Eier, respektive vier Hirne und acht Eier, nicht gegenseitig ausschließen. Gerade im zeitgenössischen Deutschrap ist das eine nicht zu unterschätzende Leistung. Danke dafür.

Trackliste

  1. 1. Rohmilchkäse (Skit)
  2. 2. Lass' Die Sau Raus
  3. 3. Halbstark
  4. 4. Rauher Wind
  5. 5. Einritt
  6. 6. Ohrfeige
  7. 7. Straight Outta Kärnten
  8. 8. Selbstjustiz
  9. 9. Scheiterhaufen
  10. 10. Hurensohn Episode 1
  11. 11. Preisschild
  12. 12. Auch Nutten Wollen Pendlerpauschale (Skit)
  13. 13. Ringelpiez Mit Anscheißen feat. M-Hot
  14. 14. Das System feat. Sido
  15. 15. Klopapier
  16. 16. So Alt
  17. 17. Töten
  18. 18. Halbstark (Tai Jason RMX) feat. Orgi 69, Corus 86 & DJ Graf

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