11. Juli 2013

"Warum sollten wir uns auch aufführen wie Arschlöcher?"

Interview geführt von

Seit mittlerweile 20 Jahren rocken die Jungs von Jimmy Eat World nun schon quer über den Erdball. Die unbekümmerte Frische ihres neuen Albums "Damage" lässt vermuten, dass sich daran auch in Zukunft nichts ändern wird.Allüren? Star-Gehabe? Sonderwünsche? Wenn es eine Band gibt, die oberflächlichem Rockstar-Getue ungefähr genauso viel abgewinnen kann, wie Cola ohne Kohlensäure, dann sind das die vier Jungs von Jimmy Eat World. Daran hat sich auch anno 2013 – neun Jahre nach unserem letzten Interview mit den Herren aus Arizona - nichts geändert. Zwei Wochen nach dem Release ihres aktuellen Albums "Damage" treffen wir uns im Berliner Astra Kulturhaus mit Drummer Zach Lind. Knapp drei Stunden vor ihrem Exklusiv-Auftritt im Herzen der Hauptstadt sitzen wir im Backstagebereich der Location und wischen uns erst einmal den Schweiß von der Stirn.

Hi Zach, schön, dass du es einrichten konntest.

Zach: Oh, gerne. Kein Problem. Hast du vielleicht ein Taschentuch für mich?

Natürlich. Bist du verschnupft?

Nein. Mir läuft nur die Brühe den Rücken runter. Wir waren ja schon oft in Deutschland. Aber so heiß wie heute wars glaube ich noch nie.

Du wohnst in Arizona auf dem Land. Müsstest du dich bei solchen Temperaturen nicht eigentlich wie zuhause fühlen?

Naja, Hitze ist nicht gleich Hitze (lacht). Bei uns ist es ziemlich trocken. Hier in der Stadt hingegen, herrscht eine ziemlich hohe Luftfeuchtigkeit. Da öffnen sich die Poren um einiges schneller (grinst).

Ich habe gestern einen Haufen Privatfotos von dir im Internet entdeckt. Frau, Kind, Haus, Garten: Ziemlich ungewöhnlich für einen "Rockstar", oder?

(lacht) Ich fühle mich nicht als "Rockstar" – keiner von uns in der Band tut das.

Und das, obwohl ihr nach zwanzig Jahren Businesszugehörigkeit allen Grund dazu hättet. Wie kommt's?

Wir fühlen uns nicht privilegiert, nur weil wir in einer Rockband spielen. Wir versuchen eigentlich immer, diesem ganzen Zirkus, der abseits der Bühne veranstaltet wird, möglichst aus dem Weg zu gehen. Warum sollten wir uns auch aufführen wie Arschlöcher? Ich finde, dass jede Band, denen wildfremde Menschen zuhören, zutiefst dankbar dafür sein sollte. Unsere Häuser, unsere Gärten und unsere Autos wurden schließlich von unseren Fans bezahlt. Wer stellt sich schon vor seinen Geldgebern hin und plustert sich dabei auf? Wir sind einfach nur glücklich, dass wir in einer Band spielen, die es uns ermöglicht, seit zwei Jahrzehnten ein erfülltes Leben zu führen. Und wir wissen ganz genau, wem wir diesen Zustand zu verdanken haben.

20 Jahre Jimmy Eat World! Eine lange Zeit.

Ja, das stimmt. Das ist wirklich etwas Besonderes für uns. Ich glaube nicht, dass irgendwer von uns bei der Bandgründung davon ausgegangen ist, dass wir zwanzig Jahre später immer noch um die Welt reisen. Das ist ein Geschenk.

Wir treffen uns nicht nur zum Arbeiten.


Viele Bands halten nicht mal halb so lang durch. Was ist euer Geheimnis?

Wir gründeten die Band als Freunde. Und wir sind auch heute noch Freunde. Ich glaube, dass das der Schlüssel ist. Wir treffen uns nicht nur zum Arbeiten. Die Band ist wie eine Familie für uns. Das war sie schon immer. Wenn wir proben, reden wir nicht nur über Akkordabfolgen oder Melodielinien, verstehst du?

Könntest du dir vorstellen in zwanzig Jahren immer noch Interviews als Mitglied von Jimmy Eat World zu führen?

Puh, das ist eine schwere Frage. Wir sind eigentlich keine Band, die sonderlich lange im Voraus plant. Ich weiß nur, dass ich dir vor zwanzig Jahren wahrscheinlich einen Vogel gezeigt hätte, wenn du mir gesagt hättest, dass wir uns im Jahr 2013 immer noch über aktuelle Geschehnisse rund um die Band unterhalten werden.

Rick (Rick Burch, Bass) würde sich jedenfalls über weitere zwei Dekaden freuen.

Wirklich?

So wurde er zumindest letztens in einem Interview zitiert.

Wenn alle gesund bleiben und die Kreativität nicht irgendwann nachlässt: Warum nicht? Ich finde die Vorstellung schön, irgendwo auf der Welt ein Konzert zu geben, während verschiedene Fan-Generationen vor der Bühne eine gute Zeit haben und es sich meine Kinder und Enkelkinder im Backstagebereich gutgehen lassen (lacht). Wir werden sehen, was die Zukunft bringt.

Gab es je einen Moment, in dem irgendeiner von euch ausbrechen wollte?

Nein. Zumindest kann ich mich an keinen erinnern. Warum sollte man auch etwas Funktionierendes und Harmonisches aufgeben wollen?

Der Herausforderung wegen?

Gibt es eine größere Herausforderung, als eine funktionierende Einheit intakt zu halten, ohne sich dabei künstlerisch zu wiederholen? Es ist ja nicht so, dass wir seit zwanzig Jahren Hitsingles am Fließband produzieren. Ich denke, dass jedes unserer Alben einen eigenen künstlerischen Charakter besitzt und sich von dem jeweiligen Vorgänger unterscheidet. Diese Vorgehensweise ist immer wieder aufs Neue herausfordernd und spannend.

Was war denn für euch das Spannendste bei der Entstehung eures neuen Albums "Damage"?

In erster Linie, Material zusammenzustellen, das unsere Basis nicht in Frage stellt, aber dennoch Neues bietet. Hast du das Album gehört?

Ja. Ich habe mich nach dem zweiten Durchlauf gewundert, wie es eine Band, deren Mitglieder seit Jahren in harmonischen Beziehungen leben, es schafft, derart authentisch klingende Breakup-Songs zu schreiben.

(lacht) Stichwort: Herausforderung.

Ich spielte Schlagzeug, während ich vor mir auf eine Wand mit Familienfotos blickte.


Ein geplantes Konzept? Oder hat sich die Grundthematik während des Songwritings einfach so ergeben?

Jim wollte einfach ein strukturiertes Album schaffen, welches sich primär mit Zweisamkeitsproblemen aus der Sicht eines Ü-30-Menschen beschäftigt. Ich meine, je älter man wird, desto komplexer werden die Dinge im Leben – insbesondere innerhalb einer Partnerschaft. Als Teenager konnte man sich bei Bedarf einfach umdrehen, den Stinkefinger heben und ohne weitreichende Folgen Reißaus nehmen. Wenn man älter wird, gestaltet sich das Beenden einer Beziehung schon weitaus schwieriger. Es geht nicht mehr nur um einen selber. Alles ist viel komplexer. Um diese Schwierigkeiten und Zwickmühlen geht es auf dem neuen Album.

Aber macht man sich denn über solch verzwickte Dinge Gedanken, während man im Cabrio über den Highway braust?

Warum müssen Liebeslieder immer in Molllandschaften versinken? Ich meine, in jedem Drama steckt doch auch ein Fünkchen Hoffnung, oder? Musikalisch ging es uns vor allem darum, eine homogene Balance zwischen Abschluss und Aufbruch zu schaffen.

Ihr habt das Album im Haus eures Produzenten Alain Johannes aufgenommen. Das Drumset stand im Wohnzimmer und die restlichen Instrumente parkten im Schlafzimmer. Wie kam es dazu?

Wir wollten von vorneherein, dass das Album einen sehr natürlichen und energievollen Sound bekommt. In Alains Haus fanden wir perfekte Bedingungen vor. Das Haus ist nicht sonderlich groß. Wir haben also nahezu jedes verfügbare Zimmer gebraucht, um unser Equipment unterzubringen. Das Schlagzeug stand zuerst in einem kleinen Gästebereich. Später haben wir dann gewechselt und es im Wohnzimmer aufgestellt. In einem anderen Gästezimmer befand sich der "Kontrollraum" und die ganzen Gitarren- und Bass-Amps wurden im Schlafzimmer gestapelt. Das war eine unheimlich inspirierende Umgebung für uns.

Es war das pure Leben. Ich spielte Schlagzeug, während ich vor mir auf eine Wand mit Familienfotos blickte. Das war schon ziemlich cool. So entstand ein sehr intimes Arbeiten. In einem Studio kommt nur selten lebendige Stimmung auf. Da gibt es keine Tapeten, keine Kommoden und keine Fotos an den Wänden. Dort wird 24 Stunden am Tag nur gearbeitet. Und dementsprechend sieht es dann auch aus. In einem Haus wird aber in erster Linie gelebt. Und dieses Leben, diese Energie, spürt man auf dem Album auch.

Es gab in der Vergangenheit einige Fans von euch, die sich über Jims (Jim Adkins, Sänger) Überraschungsauftritt während der letzten Taylor Swift-Tour aufgeregt haben. Kannst du diese Leute verstehen?

Nein, absolut nicht. Ich meine, welcher Musiker würde nicht gerne einmal vor 20.000 Menschen, auf einem unterirdischen Aufzug stehend, auf die Bühne gefahren werden? Was soll dieses Gemosere? Jim hat mir erzählt, dass dieselbe Crew, die für Taylor Swift arbeitet, auch mit den Jungs von Metallica unterwegs ist. Hallo? Wo ist das Problem? Die Frau arbeitet hart, schreibt ihre Songs selber und hat Erfolg damit. Was ist bei uns denn anders, außer, dass wir vielleicht ein bisschen lauter sind? (grinst). Ich beneide Jim sogar ein bisschen darum. Ich denke, für einen Musiker, der in den Achtzigern mit Heavy Metal aufgewachsen ist, ist es schon etwas Besonderes, unter derartigen Bedingungen eine Bühne zu betreten.

Jimmy Eat World mit Donner, Blitzen und Pyros?

Oh, keine Angst. Das wird nicht passieren. Auch wenn es viele Acts gibt, die die Verbindung zwischen Musik und Show mittlerweile perfektioniert haben. Für uns wäre das nichts. Damit hätten wir schon zu Beginn anfangen müssen. Aber wer weiß, ob ich dann heute noch hier mit dir sitzen würde.

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