laut.de-Kritik

Gegenwind ficht Jens nicht an.

Review von

Familie Friebe zeigte sich beim weihnachtlichem Pre-Listening wenig begeistert von der dritten Platte des Zöglings. Darauf lässt jedenfalls Jens Friebes Blog "52 Wochenenden" schließen: "Erst kurz vor Heiligabend waren die Rohversionen fertig geworden, meine Blutsverwandten somit die ersten Testhörer, von denen ich nichts weniger erwartete als einen Vorschuss auf meinen Ruhm in der Währung Jubel."

"Jeder von ihnen repräsentierte in meinen Augen eine Komponente der Öffentlichkeit. Mutter das Radio, Vater die Presse, meine Schwester das Publikum. Vor meinen Ohren nahm dementsprechend der folgende Austausch Fahrt auf..."

Radio: So richtige Ohrwürmer wie auf der letzten sind ja irgendwie nicht drauf. Publikum: Dafür ein sehr prominentes Schlagzeug. Radio: Ja. Ziemlich monoton, dieses Gewummer. Publikum: Statt der gewohnten Gitarren prägt nun außerdem avantgardistisches Gequietsche das Klangbild. Presse: Die Texte sind noch anspruchsvoller geworden. Muss man bestimmt ein paarmal hören, bevor man sie versteht."

Doch so leicht lässt sich der Mann, der gekommen ist, Glam und Sex in die deutsche Popmusik zu bringen, nicht unterkriegen. Friebe ist in Bestform. Nur dass er diesmal nicht die Discokugel, sondern die E-Gitarren rausholt. Kein Wunder, dass ihn Christina Rösinger von Britta am liebsten adoptieren würde, wie sie gerne erzählt, wenn der Multi-Instrumentalist bei ihnen live aushilft.

Friebe beweist, dass er keine Angst vor großen Gesten hat. Doch im Gegensatz zu Tocotronic oder Blumfeld lauert hinter Kitsch und Ernst ein doppelter Boden. Abgedrehte Elektroschlager mit 90er-Discobeats wie "Lawinenhund" vom vielgepriesenen Debüt gibt es diemal nicht. Dafür bietet die Single "Neues Gesicht" ein faszinierendes Gesangsspektrum von schnöde blubbernd bis jaulend. Im Video flackert der Sänger sich mit der Taschenlampe im Gesicht herum und sorgt so für Gothic-Federboa-Charme.

Es funkelt schön düster auf "Das Mit Dem Auto Ist Egal, Hauptsache Dir Ist Nichts Passiert". Doch sphärisch wie Glitzerelf Finn wirkt er nie, eher grotesk. So wie die ersten, ganz lapidar dahergesprochenen Sätze der Platte: "Komm und setz dich / Und jetzt mach deine Augen zu / Zähl bis dreißig / So, jetzt kannst du gucken / Aber Du freust dich ja gar nicht!"

Die Stücke beginnen unaufgeregt, dann summst du die Popmelodien mit, bis ein Keyboard losquietscht und das Schlagzeug kracht und am Ende fragst du dich: Halt, redet er von einem Autounfall, vom Verlassenwerden oder der Musikindustrie? Jens' Reaktion auf Erwartunsghaltungen auf ein Wort gebracht: Pusteblume!

Trackliste

  1. 1. Du Freust Dich Ja Gar Nicht
  2. 2. Das Mit Dem Auto Ist Egal,Hauptsache Dir Ist Nichts Passiert
  3. 3. Neues Gesicht
  4. 4. Jeu De Cons
  5. 5. Nothing Matters When We're Dancing
  6. 6. Hass, Hass, Hass
  7. 7. Über Den Weg
  8. 8. Was Es Will
  9. 9. Erschreckend Aktuell
  10. 10. Frau Baron
  11. 11. Geheime Party

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1 Kommentar

  • Vor 12 Jahren

    Lächerliche Kritik.
    Was davon rechtfertigt bitte 3 Punkte?

    Einer der genialsten deutschen Songwriter überhaupt, das hat die Platte wieder bewiesen.

    Bei der Acoustic- Version von "Neues Gesicht" ist man dan spätestens vollkommen erstaunt, dass der Mann auch andere Wege gehen kann, ohne sich dabei selbst zu unterfordern.

    Ich bin nicht der User, der seine Lieblingsstars in den Himmel feiert und Platten gegenüber unkritisch bleibt.
    Sicher nicht.

    Aber 3 Punkte für diese genialen Liedinhalte?
    Kein Verständnis.