laut.de-Kritik

Rocksteady, Jamaika-Jazz und Rub-a-dub als Inspirationsquellen.

Review von

Der wahrhaft vielseitige US-Songwriter Jason Mraz wies im Januar, zu Beginn des US-Wahljahres, mit dem Kampagnen-Song "Vote Louder", schon Richtung Reggae. Dass nun ein gesamtes One Drop-Album nachrutscht, überrascht. "Look For The Good" betreibt, wie es der Titel proklamiert, das positive Denken des Reggae. Die musikalische Gestaltung schöpft aus dem Eingängigsten und an vielen Stellen auch dem Besten, was Jamaika über die Jahrzehnte aufbot.

Immer wieder liebäugelte Mraz mit den Offbeats, gewinnt aber nun glaubwürdig und mitreißend Track für Track jede Schlacht auf fremdem Terrain. Er zielt mit völlig organischen Sounds auf Hängematte und Balkon ab, liefert den Soundtrack fürs Segelboot. Befreit von Hektik, oder wie es Dschungelbuchs Bär Balu sagen würde, mit Ruhe und Gemütlichkeit, steuert der Akustikgitarrist durch lauter lange Stücke. Sie gewinnen mit dem zweiten Hören deutlich an Wirkung.

Fairerweise muss man aber warnen: Beim ersten Durchskippen kann die Platte auch belanglos herüberkommen. Denn, oberflächlich wahrgenommen, scheint das schöne Werk als 'Happy go lucky'-Island-Pop die Inner Circle-Mainstream-Ausflüge Ende der 90er Jahre ("Rock With You") und die Platten von Big Mountain ("Oh Baby I Love Your Way") zu wiederholen. Jedoch, slowly growing, bietet das Album hier doch viel mehr.

Außer Beatmustern des Reggae kennzeichnen Kernbotschaften des Roots-Rasta-Milieus die freundlich gestimmte Platte. Die Stücke sind explizit pazifistisch (Tradition seit Jimmy Cliffs "Vietnam" im Reggae), und in "You Do You (feat. Tiffany Haddish)", setzt Mraz sich für Gleichheit ("equality") und Authentizität ("act naturally") ein. Dafür nutzt er einen hypnotischen Groove und eine kämpferische Ragga-Einlage als Break in der Mitte des Tracks; diese Einlage liefert Schauspielerin Tiffany Haddish. "Keeping the music fresh" und "together we make harmony" verspricht Gastgeber Jason.

Klavierabschnitte in "Good Old Daze" und "You Do You (feat. Tiffany Haddish)" wurzeln dezent im karibischen Jazz Ernest Ranglins und Monty Alexanders, uralter Musik, hier 'fresh' präsentiert. Allen Purismus-Fanatiker*innen, die amerikanischer Musik von Grund auf keine kredible Reggae-Realness bescheinigen würden, nimmt der Songwriter kräftig den Wind aus den Segeln.

Als gelungenen Kunstgriff holt er die 61-jährige Sister Carol an Bord. Diejenige Sister Carol, Pionier-Frau in den lange maskulin geprägten Segmenten Roots-Dub, Rub-a-dub und Raggamuffin, dürften viele älteren Genre-Fans vermisst haben, mit ihrer eigenartigen Stimme, kratzig, abgebrüht, zugleich elastisch, unbekümmert, mit Rap-Vibes und auch ein bisschen wie die Synchronstimme eines wütenden Donald Duck. Mancher Jamaikaner dürfte sich um eine Kooperation reißen.

Jason Mraz überlässt ihrem tiefen Organ, ihrer harten Aussprache, die basslastige Rolle, und Jason mutet im Duett wie der feminine Part an. Chatting-Style im Wechselspiel mit versonnenem Harmoniegesang - mit dieser Hart-Weich-Mischung reißt "Time Out (feat. Sister Carol)" rundum mit; ein unbedingter Anspieltipp, Highlight der Platte. Textlich argumentiert der Song übrigens, dass der 'westliche' Lebensstil sich nur mit Medikamenten ertragen lasse (wobei man da unausgesprochen wohl Cannabis in seiner medikamentösen Funktion meint).

Auch alle anderen Tracks verfügen lyrisch über vertraute Inhalte, musikalisch über kurvenreiche Verläufe, gewisse Kniffe, dank derer auch in der vierten und fünften Track-Minute noch Spannendes passiert. Es purzeln zahlreiche magnetisch anziehende Melodien aus den Lautsprechern, und es findet eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Musikgeschichte statt. Keyboard-Stil und atmosphärische Background-Gesänge zum Beispiel in "Make Love" gehen wohl auf die Early Roots mit Ken Boothe und John Holt zurück, teilweise den frühen Rocksteady-Soul von Alton und Hortense Ellis. Liebhaber*innen mancher Trojan-Schatzkisten kommen hier auf ihre Kosten. In "Hearing Double" führt Mraz MC Solaars Technik der Wortverdopplung fort ("Dieu Dieu Créa Créa L'Homme L'Homme Comme Comme MC MC"): "I I love love you you so so much much, I I have have to to say say it it twice twice", drei Minuten lang.

Für "Wise Woman" könnte man sich sofort Dawn Penn als Duettpartnerin vorstellen, denn ihr Vintage-Rocksteady taucht dort wieder auf, eine Musik, die in Jamaika heute allenfalls noch von Keith & Tex praktiziert wird. Der Reggae-Gospel-Soul-Abschlusstrack "Gratitude" vermeidet jenes Berechnende, das Gospel-Soul sonst oft so gezwungen und kommerziell wirken lässt. Schöne Momente! Manchmal, wie in "Take The Music", wirkt Gutgemeintes gleichwohl erschöpfend: Jason breitet aus, was für einen großartigen Nutzen Musik hat, bloß beschränkt er sich gerade hier auf tausende Male gehörten soliden Standard, und der besteht aus schrillen Bläsersätzen und Bassläufen, die überhaupt nicht grooven.

Überhaupt fällt als Manko des Albums auf, dass es mit Basslines sparsam umgeht und allzu sehr auf Höhentöne vertraut. Dafür kann man den lieblichen Kompositionen nichts ankreiden, aber die Masterings zielen allzu plakativ darauf, dass alles nach Meer, Inseln und Freiheit klingt. Etwa "My Kind" gelingt fast perfekt, mit tollen Keyboards und Drums, einer genialen Melodie, aber der hell-hohe Gesang passt nicht dazu, die allzu quietschigen Bläser irritieren, der dürftige Bass macht zu wenig Wumms.

Dass die Songs trotz dieser Dysbalance detailverliebt und herzlich sind, Wärme ausstrahlen und miteinander gut zusammenhängen, das alles dringt aber durch. "Look For The Good" wirkt ermunternd, 'up-lifting', sinnstiftend.

Trackliste

  1. 1. Look For The Good
  2. 2. Make Love
  3. 3. My Kind
  4. 4. Good Old Daze
  5. 5. You Do You (feat. Tiffany Haddish)
  6. 6. Wise Woman
  7. 7. Take The Music
  8. 8. Time Out (feat. Sister Carol)
  9. 9. DJ FM AM JJason
  10. 10. Hearing Double
  11. 11. The Minute I Heard Of Love
  12. 12. Gratitude

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