laut.de-Kritik

Mit neuem Outfit und E-Gitarre weg vom Softie-Image.

Review von

Hut ab, Haare kurz, weg vom Singer-Songwriter-Softie Image: Der Brite James Bay, der mit "Hold Back The River" die Radios stürmte, setzt mit seiner zweiten Platte "Electric Light" auf zeitgemäßen Pop, indem er Akustik-Gitarre gegen E-Gitarre austauscht und ambitioniert Genres mischt. Leider wirkt das Resultat oft zu hektisch und herzlos.

So ist "In My Head" das reinste Klang-Chaos. Bay vereint verschiedenste Einflüsse und Instrumente zu einem Track, der wohl eine Happiness-Hymne werden sollte. Dem eingängigen Hook hätte es aber besser getan, sich auf einen Stil festzulegen. Stattdessen spielen Klavier, E-Gitarre, Streicher und Trompeten gegeneinander an und werden noch von einem Soundteppich aus Synthesizern und Percussions untermalt. Dazu versucht sich der Sänger an Macklemore-artigem Sprechgesang. Zum Schluss kommen all diese Instrumente, Beats und schließlich auch noch ein Gospelchor zu einem riesigen Durcheinander zusammen. Zum Glück erlöst das abrupte Ende.

Auch "Wasted On Each Other" ist in sich selbst kontrastreich. Die Verse kommen mit derben E-Gitarrenriffs und einem stampfenden Beat rockig daher. Dazu singt Bay mit verzerrter, kratziger Stimme, die im Hook durch hohen, klaren Gesang und Pop-Synths abgelöst wird. Immerhin hat man sich auf zwei Motive beschränkt und diese in Brücken vereint, um sie ineinander überzuleiten.

Ein Aspekt von Bays Debüt "Chaos And The Calm", der sich auch auf dem aktuellen Album fortsetzt, sind die Hooks, die von vielen Stimmen Gospel-artig im Chor gesungen werden. Das animiert zum Mitsingen, zumal die Melodien meist recht simpel und einprägsam gestaltet sind. So auch beim sphärischen Pop-Song "Wild Love": Auf einen langsamen Beat singt Bay "I wanna give you wild love". Nicht nur der Text, auch der Tropical-House Einfluss erinnert an Justin Biebers jüngere Hits. Der Hintergedanke des kommerziellen Erfolgs schimmert hier doch recht deutlich durch.

Dennoch gehören die vorab veröffentlichten Singles zu den Highlights des Albums, darunter auch "Pink Lemonade". Die schrammigen Gitarren und das Schlagzeug stehen im Mittelpunkt und erinnern zusammen mit der spacy Synthie-Melodie an Indie-Pop-Rock. Bay singt patzig "I don't wanna talk to you", inspririert von einem kindlichen Trotzanfall. Die Ehrlichkeit ist erfrischend, und so macht der sprudelige Song beim Hören Spaß.

Bei den restliche Liedern sucht man interessante Lyrics aber vergebens. Probleme in der Liebe beschreibt Bay sehr allgemein und oberflächlich, ohne besonders persönlich zu werden. Andere Texte wirken sehr platt und floskelhaft und wiederholen sich.

So singt Bay in "Sugar Drunk High": "We were just kids living young and naïve / Running round streets like the King and the Queen". Schlimm genug, dass sich das anhört wie aus dem 'Pop Lyrics für Dummies'-Buch abgeschrieben. Schon im nächsten Song "Stand Up" lautet der Chorus: "We were Kings / We were Queens of an empire / We were made out on these streets". Das wirkt dann halt nicht mehr sehr originell. Auch musikalisch haben beide Songs wenig zu bieten. Das Durcheinander von Instrumenten und Soundeffekten wird lediglich um einen Grusel-Autotune Teil in "Stand Up" ergänzt. Musikalische Höhepunkte werden durch immer lauter werdende Instrumente eher erzwungen.

Schwankend zwischen chaotisch produzierten Tracks und vereinzelt guten Singles wirkt "Electric Light" eher wie ein experimentelles Mixtap als wie ein fertiges Album. Es gibt zwar ein "Intro" und ein "Interlude", die kurze Einblicke in die Gespräche einer brüchigen Beziehung geben. Trotzdem erschließt sich kein Gesamtkonzept, das sich durch die Lyrics zieht oder an der Reihenfolge der Songs erkennbar wäre.

An sich ist es ja mutig, als Künstler Veränderung zu wagen, statt beim altbewährten Konzept zu bleiben. In dem Fall stehen Bay aber die ruhigeren Folk-Songs besser. "Slide" z.B. ist eine emotionale Klavierballade, die im Vergleich zu den anderen Liedern dieser Platte angenehm minimalistisch produziert ist. Dadurch kommen auch Bays Stimme und sein charakteristischer Gospelchor viel besser raus.

Ein Talent dafür, Herzschmerz-Lyrics über Liebe und Gemeinschaft ehrlich rüberzubringen, hat der Brite ja. Auch bei "Us" gelingt ihm das mit dem Lagerfeuer-Sound, den man gleich mit James Bay verbindet. Hier hat er schon seinen eigenen Stil gefunden, in den anderen Genres sucht er ihn dagegen noch sehr unschlüssig. So vereint Bay letztlich Elemente von verschiedensten Künstlern, ohne an diese heranzukommen.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Wasted On Each Other
  3. 3. Pink Lemonade
  4. 4. Wild Love
  5. 5. Us
  6. 6. In My Head
  7. 7. Interlude
  8. 8. Just For Tonight
  9. 9. Wanderlust
  10. 10. I Found You
  11. 11. Sugar Drunk High
  12. 12. Stand Up
  13. 13. Fade Out
  14. 14. Slide

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