laut.de-Kritik

Der momentan hellste Stern am Singer/Songwriter-Himmel.

Review von

England ist mal wieder Feuer und Flamme. Der Grund: James Bay. Ein auf den ersten Blick eher unscheinbarer 24-jähriger Singer/Songwriter mit den Gesichtszügen Kevin Bacons samt Hut. Der langhaarige Schlacks aus dem verschlafenen Londoner Vorort Hitchin habe das Potential, der neue Jake Bugg zu werden, heißt es.

Zumindest was den Erfolg betrifft. Denn musikalisch gehts in eine etwas andere Richtung. Während sich Bugg eher mit Wollust am Liedgut der Fünfziger und Sechziger reibt, orientiert sich James Bay eher an Zeiten, in denen ein Bruce Springsteen noch mit Koteletten unterwegs war. Man sollte allerdings betonen, dass es primär um das Herzblut und die Leidenschaft geht, die Bays Treiben an das des jungen Bruce erinnern lässt. Inpuncto Songwriting und Harmonien wird man eher in den Achtzigern und frühen Neunzigern fündig.

Schon der Opener des Debütalbums "Chaos And The Calm" lässt die Herzen all derer höher schlagen, die sich vor dreißig Jahren bei Leuten wie John Farnham und Bryan Adams etwas mehr Mut zur Basis gewünscht hätten. James Bay hat sie nämlich im Gepäck, diese langlebigen emotionsgeladenen Melodien, mit denen viele Stadionrocker der Bundfalten-Ära Millionen Fans um den Finger wickelten.

Nur paart der Brite seine Ohrwürmer nicht mit aufgedunsenem Arenabombast sondern mit einem feinfühligen Background aus Blues, Rock, Pop und Folk. Was dabei herauskommt, lässt neidisch auf die Insel blicken. Denn sie hatten mal wieder Recht.

Wie bei Jake Bugg kommt man auch bei James Bay nicht umhin, bereits nach den ersten Klängen auf die Knie zu fallen. Eine markante, zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt pendelnde Stimme, eine Gitarre, die sich vor den Großen der Rock- und Blueshistorie nicht zu verstecken braucht, und ein Dynamik-Verständnis, bei dem eine Florence Welch anerkennend mit dem Haupte nickt: James Bay hat den Dreh raus.

Mehr noch: Mitunter steht er mit seinen Inspirationsquellen auf einer Ebene. U2 ("Craving")? Bruce Springsteen ("Scars")? James Bay hat die Gladiatoren des Arenarock verinnerlicht. Die Welt sollte die Ohren aufsperren und sich bewusst werden, das mit Feuer und Esprit aufgepeppte, simpel strukturierte Pop-Musik zu mehr in der Lage sein kann, als nur dem bloßen Zeitvertreib zu dienen ("If You Ever Want To Be In Love", "When We Were On Fire").

James Bay sitzt vor dem lodernden Lagerfeuer und leidet, er sprüht nur so vor Lebensfreude, wenn sich energiegeladener Indierock mit eingängigem Pop paart und findet nebenbei immer wieder Pfade, auf denen kein anderer wandelt. "Hold Back The River" soll DER Hit des Albums sein? Toller Song, keine Frage. Allerdings wird bereits nach dem ersten Durchlauf klar, dass es sich bei der momentan auf allen Radiostationen laufenden Single nur um einen von insgesamt zwölf glänzenden Songs handelt.

Trackliste

  1. 1. Craving
  2. 2. Hold Back The River
  3. 3. Let It Go
  4. 4. If You Ever Want To Be In Love
  5. 5. Best Fake Smile
  6. 6. When We Were On Fire
  7. 7. Move Together
  8. 8. Scars
  9. 9. Collide
  10. 10. Get Out While You Can
  11. 11. Need The Sun To Break
  12. 12. Incomplete

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