laut.de-Kritik

Gedankenverlorener Roadtrip durch eine Welt, die es nie gab.

Review von

Isobel Campbell ist die Magie, die Belle And Sebastian nach ihrem Ausstieg verloren ging. Sie umströmt etwas Unwirkliches. Mark Lanegan erdete auf drei gemeinsamen Alben diesen Zauber mit seiner vernarbten Stimme. Mit "There Is No Other..." funkelt die schottische Sängerin nun wieder alleine.

All dies liegt nun schon lange zurück. "Hawk", die letzte Zusammenarbeit mit Lanegan, zehn, ihr letztes Solo-Album "Milkwhite Sheets" bereits ganze vierzehn Jahre. Die Pleite ihrer Plattenfirma kam ihr in die Quere. Sie musste die Rechte an ihrem eigenen Album einklagen, ein neues Label finden. "Ich fühlte mich wie im Ruhestand oder im Gefängnis", erinnert sie sich. "Aber wenn man das Glück hat, lange genug zu leben, wird es immer Höhen und Tiefen geben."

Man hätte einfach neu starten, die alten Aufnahmen hinter sich lassen können. Aber wer weiß am Anfang schon, wie lange eine solche Reise dauert? Wer lässt schon gerne sein eigenes Kind zurück? Zudem hätte Campbell dann auf das bisher beste Werk ihrer Solo-Karriere verzichtet.

Vom Twee Pop ihrer Anfangszeit hat sie sich entfernt. Am ehesten in die Richtung ihrer alten Band geht das nicht schlechte, aber seltsam fehlplatzierte und auf eine falsche Fährte führende Tom Petty-Cover "Runnin' Down A Dream". Das Arrangement erinnert etwas an "Sleep the Clock Around" ("The Boy With the Arab Strap"). Das Fehlen dieses Songs hätte "There Is No Other…" definitiv besser gestanden.

Viel mehr lässt die Songwriterin zu großen Teilen Folk und Americana in ihren Indie-Pop einfließen. Als grober Leitfaden dienen entrückte Erinnerungen an Kalifornien. Wie ein gedankenverlorener Roadtrip durch eine Welt, die es nie gab. Wie eine verträumte Erinnerung an eine Fahrt auf dem Beifahrersitz der Beach Boys der späten 1960er, den Blick in Richtung Sonne. Bei der Umsetzung halfen ihr unter anderem Gitarrist Jim McCulloch (Soup Dragons), Keyboarder Dave McGowan (Teenage Fanclub) und Elijah Thomsen (Everest).

Der Opener "City Of Angels" beginnt mit zirpenden Zikaden und einer sanften Akustikgitarre, bevor Streicher und Campbells zerbrechliche Stimme hinzukommen. Dabei wirkt ihr Blick auf Los Angeles romantisch verklärt, wie die Vorstellung des Sonnenuntergangs nach einem heißen Sommertag am Hollywood Sign, unter dem sich die Stadt langsam mit Licht füllt.

"There is No Other..." zeigt mit jedem Lied eine große Vielfalt, verfügt aber trotzdem über große Geschlossenheit. "Rainbow" spielt mit Bossa Nova, lässt zeitweise Parallelen zu Astrud Gilberto erkennen. Nicht aber, ohne mit knarzenden Percussionloops und einem Glockenspiel einen ganz eigenen Touch zu erhalten. In "The National Bird Of India" unterstützen Wellen schlagende Streicher die psychedelische Ausrichtung. "Ant Life", in dem sie unser hektisches Alltagsleben hinterfragt, führt mit seinem einfühlsamen Arrangement wiederum zu Campbells Anfängen zurück.

Ganz seinem Titel entsprechend, wird "The Heart Of It All" zum Herzstück des Albums. Ein schwerer Country-Gospel, der an die Arbeit mit Lanegan erinnert. "We poison the ocean / We frack the earth", singt sie und übergibt das Stück dann an McCullochs einfühlsames Gitarrensolo.

Fast schon war Isobel Campbell in Vergessenheit geraten, nur um in dieser Zeit zu einer noch besseren Songwriterin zu reifen. "There Is No Other..." ist ein Hauch, vergänglich wie der Moment, zeitweise kaum greifbar. Genau darin liegt seine Schönheit.

Trackliste

  1. 1. City Of Angels
  2. 2. Runnin' Down A Dream
  3. 3. Vultures
  4. 4. Ant Life
  5. 5. Rainbow
  6. 6. The Heart Of It All
  7. 7. Hey World
  8. 8. The National Bird Of India
  9. 9. Just For Today
  10. 10. See Your Face Again
  11. 11. Boulevard
  12. 12. Counting Fireflies
  13. 13. Below Zero

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2 Kommentare mit 2 Antworten

  • Vor 17 Tagen

    Bin sehr gespannt! Die Kollaboration mit Lanegan war zwar sehr geil, allerdings war ihre Stimme stets zu leise unter Lanegans Organ gemischt. Ich freue mich darauf, sie alleine zu hören. Und ja, Belle & Sebastian haben nach ihrem Abgang noch zwei-drei gute Platten gemacht, aber mit der Campbell ist ihnen sehr viel verlorengegangen.

    • Vor 17 Tagen

      Naja, was heißt "sehr viel" verloren gegangen. Danach klangen sie halt etwas anders, wurden allgemein etwas poppiger. Ist aber doch trotzdem so, dass die Band auch weiterhin gute Arbeit abgeliefert hat. Auch wenn die Hitdichte in den Alben durchaus etwas dünner wurde.

      War NC bei "The life pursuit" noch dabei?

    • Vor 17 Tagen

      Ne, sie war bei "Dear Catastrophe Waitress" schon nicht mehr dabei. Das und "The Life Pursuit" mag ich ja noch sehr, auch ohne die magische Isobel. Irgendwie habe ich aber keinen Zugang mehr zu den Platten danach bekommen. Deshalb vermute ich, daß die Campbell für mehr Abwechslung gesorgt hätte, wäre sie noch dabei gewesen. Aber was weiß denn ich?

  • Vor 12 Tagen

    Diese Stimme ist wie Samt. Gefällt mir.