31. August 2010

"Interpol ist kein leichter Weg!"

Interview geführt von

So einen verrückten Tag erlebt man selten. Morgens schwankt man noch deutlich verkatert und mit hängenden Augenlidern in die Redaktionssitzung, raus kommt man dann mit einem Interviewtermin mit Interpol – noch am selben Abend. Okay, Schweiß abtupfen, leichte Kost essen und nicht einem Tunnelblick verfallen, der auf einen Anruf um 19.30 Uhr starrt.Ziemlich pünktlich klingelt dann das Telefon, auf der anderen Seite der Leitung blökt mir eine Promoterin ins Ohr. Ob ich denn bereit sei für das Interview. Ich stammele etwas, das sie wohl als Zustimmung interpretiert. Dann sitzt auch schon Interpol-Drummer Sam Fogarino am Apparat und begrüßt mich herzlich aus South Carolina, USA. Die gerade neu formierten Jungs aus New York stehen am Anfang einer langen Tour, die sie im November auch in deutsche Gefilde führen wird.

Der Trommler ist ein freundlicher Mensch, der viel lacht und auch die dümmste Frage in messbaren Inhalt umwandelt. Im Interview redet er über die neue Situation innerhalb der Band, das Tourleben und das im September anstehende Album "Interpol".

Ihr Jungs seid ja wieder zurück auf Tour und werdet in ein paar Tagen für einige Auftritte zu U2 und ihrem epischen 360°-Set stoßen. Seid ihr aufgeregt oder gar nervös angesichts einer solchen Menge an Zuschauern?

Naja, das ist eine Sache, die so außerhalb unserer Norm ist, dass es sogar schwer ist, nervös zu werden. Das Ausmaß dieser Geschichte ist derart enorm, dass es schon fast wieder lustig ist. Nervosität gibt's natürlich trotzdem. Das ist ganz natürlich, denn schließlich macht es einen Unterschied, ob man vor 500 oder 50 000 Menschen spielt. Da gibt es schon ein Element der Nervosität (lacht).

Ihr werdet also nach 13 Jahren immer noch nervös?

Ja klar, uns flattern vor den Gigs immer ein wenig die Nerven. Obwohl es mehr eine nervöse Spannung vor dem Auftritt ist. Wer aufhört nervös zu werden, sollte sich nach einem anderen Job umschauen.

In deinem Blog habe ich gelesen, dass du deinen Drum-Style ganz ähnlich wie den von U2s Larry Mullen U2 beschreibst.

Naja, nicht so ganz. Ich ziehe keine klaren Parallelen zwischen uns, aber ich habe auf jeden Fall einen ordentlichen Respekt vor ihm.

Gibt es vielleicht trotz der vielen Unterschiede einige Ähnlichkeiten zwischen Interpol und U2?

In musikalischer Hinsicht denke ich nicht, aber (überlegt kurz) ich denke es gibt einen ähnlichen Ansatz, wie die Bands an das herangehen, was sie tun. Ich glaube, es ist eher auf sich selbst gestellt und frei von Dingen, die andere machen. Genau das macht ja U2 aus – und zwar seit über 30 Jahren.

Habt ihr euch überhaupt schon einmal gesehen?

Ja, ich habe vor allem Bono und The Edge bei einigen Gelegenheiten getroffen. Sehr nette Menschen sind das. U2 selbst haben von unserem Zeug gehört und wollten uns für die Tour haben.

Nachdem Carlos D. [der Bassist, Anm. d. Red.] die Band verlassen hat, kamen ja zwei neue Gesichter hinzu. Wie ist das Feeling in der Band nach einem solch starken Verlust?

Es fühlt sich brandneu an! Es ist wirklich toll mit David Pajo und Brandon Curtis.

Wie äußert sich der Wechsel der Besetzung auf den Konzerten?

Ich persönlich finde, dass es sich zum Besseren geändert hat. Die Band geht einen Weg, der sehr stark auf Performance ausgelegt ist. Wir alle wollen die Songs mit sehr viel Leidenschaft spielen, und das ist etwas, das Brandon und David von Natur aus auf die Bühne mitbringen. Mich, Paul [Banks] und Daniel [Kessler] hat das sehr inspiriert.

Wie fühlst du dich nach diesen all diesen Jahren mit der Band Interpol? Denkst du, dass es noch genügend Raum gibt, um mit diesem Projekt weiter nach vorne zu kommen und in wiefern kannst du Carlos' Entscheidung verstehen?

Ich denke, es gibt genügend Raum und bin wirklich froh, dass es weitergeht. In welche Richtung das geht, wird man erst noch sehen müssen. Wir werden schließlich noch eine Weile auf Tour sein; für ein Jahr oder so (lacht). Es fühlt sich einfach komplett anders an ohne jemanden, der mit der Situation unzufrieden ist. Es wirft ein ganz anderes Licht auf das, was wir tun, um unsere Brötchen zu verdienen. Das bringt natürlich Aufregung mit sich, aber auch viele Möglichkeiten, um uns weiterzuentwickeln.

Du siehst die Situation im Moment also eher als Neuanfang, denn als Bruch?

Ja, denn jemand ist aus eigenem Antrieb gegangen. Carlos war sichtlich unzufrieden, in der Band zu sein und, na ja, wir waren es nicht (lacht). Wir wollen uns einfach weiterentwickeln. Hätten wir nach Carlos' Weggang aufgehört, wäre das eine schiere Zeitverschwendung gewesen. Nachdem man acht Monate zusammen ein Album schreibt und dann noch mehrere Monate mit der Aufnahme verbringt, gibt es für mich nur noch eine Option: rausgehen und die Songs spielen. Ich habe schon oft gesagt, dass ich keine Musik in einem Vakuum machen möchte. Interpol ist nun mal eine Live-Band.

"Wir sind alle ein bisschen älter geworden."


Ist es dann nicht komisch, dass eure Performance auf der Bühne doch stets sehr reduziert ist?

Ja, ich glaube, ich weiß worauf du hinaus möchtest. Ich glaube, dass der Akt des Live-Gigs nicht von Hampeleien auf der Bühne gesäumt werden muss (lacht). Wir lieben es, unsere Musik zu spielen und wie das genau passiert ist unerheblich. Ich glaube, die Leute mögen unsere reduzierte Art zu spielen, die sich vom ganzen Rock'n'Roll-Zirkus anderer Bands abhebt. Für so etwas steht Interpol einfach nicht.

Wenn schon eure Auftritte derart unaufgeregt sind, wie steht es dann um das Tourleben?

Na ja, wir sind alle ein bisschen älter geworden (lacht).Wir sind alle mehr darauf erpicht, ein gesundes Essen zu bekommen statt einen Beutel voller Kokain (lacht lauthals).

Das ist auf jeden Fall die bessere Wahl.

Irgendwann muss man ja mal erwachsen werden.

Lass uns ein doch wenig über das neue Album "Interpol" sprechen. Ist es nicht etwas ungewöhnlich, das vierte Album nach sich selbst zu benennen?

Genau deshalb haben wir das getan (lacht). Es war eigentlich eine sehr leichte Entscheidung: Als wir in der Mitte des Schreibensprozesses waren, hatte Paul die Idee, ein selbstbetiteltes Album zu machen. Da konnten wir alle nur zustimmen. Wir dachten einfach alle, dass es zur Musik passen würde. Schon war der Titel im Kasten.

Der Titel des Albums wurde also bereits während des Schaffensprozesses gefunden und nicht erst nach Carlos' Ausstieg?

Ja, der entstand lange davor. Carlos saß mitten unter uns (lacht).

Dann kann ich mir die Frage nach dem Symbolismus also sparen ...

Nein, nein! Da gab es keinerlei tieferen Sinn dahinter. Es war eher eine spielerische Entscheidung. Natürlich gibt es diese Verbindung zur Musik an sich, aber man sollte da nicht so viel hineininterpretieren. Der Titel passt einfach.

Wenn ihr also das neue Werk "Interpol" nennt, würdest du sagen, dass dieser Moment DEM Interpol-Stil entspricht?

Ja, das ist genau das Level auf dem wir jetzt sind. Das Album ist ein gutes Beispiel dafür, was wir alles durchgemacht haben. Keine Ahnung, wo wir jetzt hintreiben, aber wir sind jedenfalls alle sehr glücklich mit dem Album, da es diesen Augenblick unserer Karriere sehr genau beschreibt.

Ich finde das Album hört sich sehr verträumt und fragil an, ebenso elektronisch. Wenn man das nun mit "Our Love To Admire" vergleicht, ist es doch etwas Grundverschiedenes. "OLTA" hört sich da ja eher organisch und rockig an. Wie kommt es zu diesem Wandel?

Das kommt wahrscheinlich daher, dass wir wieder die Produktion an uns gerissen haben. Es gibt keinen Co-Producer in den Credits. Wir hatten auch mehr Zeit zum Schreiben...na ja, eigentlich hatten wir genau so viel Zeit zur Verfügung, aber es war auf jeden Fall diese größere Kontrolle, die uns half das zu erreichen, was wir wollten. Wir schreiben das Album immer allein, da lassen wir niemanden mitreden. Und dieses mal haben wir das Ganze etwas weitergetrieben. Wir hatten einfach ein sehr klares Bild vor Augen wie es später aussehen sollte.

Ich glaube, dass wir in unserem Tun einfach fähiger geworden sind. Wir konnten es mit viel mehr Erfahrung angehen, als wir es bei "Our Love To Admire" taten. Dazwischen lagen immerhin ein Jahr voller Gigs und drei Jahre des Band-Daseins. Das macht enorm viel aus, wenn man ein Album macht.

"Interpol ist nicht gerade ein leichter Weg."


Ich habe mal gelesen, dass du den Prozess des Schreibens gar nicht so sehr magst, da es mit vielen Diskussionen verbunden ist. Wie verhielt sich das beim aktuellen Album?

Weißt du, Interpol ist nicht gerade ein leichter Weg. Als Carlos noch dabei war, waren wir vier sehr selbstbewusste Musiker, weshalb es natürlich schwierig ist, einen Kompromiss zu finden. Doch dieses mal hatten wir ein klares Ziel und so ging es viel entspannter zu. Wir mochten das Material total und konnten uns schneller aufeinander einstellen. Das macht einen entscheidenden Unterschied. Es war einfach das richtige Album zur richtigen Zeit.

Also lediglich Erfahrung plus kreative Kontrolle machten dieses Album zum Besten aller Interpol-Alben?

Ähm, na ja ... das KÖNNTE man so sagen (lacht). Das klingt jedenfalls richtig, mir geht es definitiv so. Letztendlich weiß man nie, was dabei rauskommt und wir sind alle froh, dass es hingehauen hat. Auf jeden Fall fiel es uns nicht so schwer wie es "Our Love To Admire" tat.

Ist es nicht komisch, dass ihr beide Alben im selben Studio und mit dem gleichen Label aufgenommen habt, es aber trotzdem derart anders klingt?

Das beweist einfach, dass wir unsere eigenen Platten machen, ein Label spielt da keine Rolle. So arbeiten wir nun mal. Wir gingen zwar in dasselbe Studio, waren allerdings in einem anderen Raum (lacht). Es war also schon ein anderes Studio – wir bezogen Studio A des Electric Lady Studios, ein magischer Ort.

Findet man etwas von dem Vibe, der das legendäre Electric Lady Studio umgibt, auf dem Album wieder? [Hier nahmen Legenden wie Jimi Hendrix, Led Zeppelin oder The Clash auf, Anm. d. Red.]

Das denke ich auf jeden Fall, ja. Ich liebe diesen Ort einfach, den Vibe hat man definitiv gespürt. Man entdeckt immer wieder neue Platten, die dort aufgenommen wurden. Man sollte das nicht so einfach hinnehmen, wir wollten auch die Magie kanalisieren, sie in die Aufnahme so gut es geht einfließen lassen. Natürlich kann dieser Ort einen ebenso gut einschüchtern.

Das ist auf jeden Fall eine ganz andere Geschichte als Connecticut. [Dort nahmen Interpol ihre ersten zwei Alben auf, Anm. d. Red.]

Klar, aber die anderen Alben waren doch auch nicht schlecht?!

Überhaupt nicht, die waren spitze! Hast du noch irgendwelche Shout-Outs?

Ähm, ich freue mich einfach ein paar Shows in Deutschland zu spielen!

Alles klar, vielleicht läuft man sich ja über den Weg. Vielen Dank für das Interview und viel Spaß noch auf Tour!

Dankeschön. Machs gut!

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Interpol

"Nichts darf so klingen, als würde es nicht dahin gehören, wo es ist", erklärt Interpol-Sänger Paul Banks in einem Interview 2003. Perfektion ist …

Noch keine Kommentare