laut.de-Kritik

Eines der stärksten Metal-Alben des Jahres.

Review von

Was schrieb ich letztens noch zu "Shadows Of The Dying Sun"? Der Winter naht. Jetzt ist er da. Und nicht nur ich, sondern auch Niilo Sevänen ist offenbar großer Game Of Thrones-Fan. Die entsprechende Catchphrase taucht in seiner Kurzgeschichte "Winter's Gate" sogar wortwörtlich auf. Und das zugehörige Album hält die hohen Qualitätsstandards George R. R. Martins zum Glück ein.

Auf die Sekunde genau 40 Minuten lassen Insomnium ihr neues One-Track-Opus laufen. Und schaffen es tatsächlich, dieses von Anfang bis Ende spannend zu halten. Zu Beginn kriegt man nicht mal die Chance, auf die Uhr zu gucken: In den ersten Minuten entfachen die Finnen ein Gewitter aus Black Metal-Anleihen, Oldschool-Melo-Death und Tremolo-Melodien zum Abschütteln par excellence. Ein gewisser Amon Amarth-Vibe ist dabei nicht zu leugnen.

Jedenfalls solange bis ein Synthiepart das Tempo etwas rausnimmt und atmosphärisch eher gen Townsend schielt. Daraus erwächst ein Akustikpart, der zum ersten Mal Raum für Clean-Vocals (in latentes Folk-Chant-Gewand gehüllt) bietet. Der erste deutliche Break folgt dennoch erst nach fast einer Viertelstunde, wenn sich der Sturm beruhigt, und die Band ihr Instrumentarium auf ein Minimum herunterfährt.

Nachdem bisher die Melodik im Mittelpunkt stand, ist nun die Zeit der Rhythmik gekommen, und Niilo packt einen Spoken Word-Teil obenauf. Doch gerade als man es sich in dem wogenden, leicht verträumten Tool-Bett gemütlich gemacht hat und eine filigrane Sologitarre einsetzt, kracht die Distortion wieder rein. Zunächst im weiterhin rhythmisch dominierten Heavy/Doom-Modus, doch bald sind auch Doublebass und Tremolosalven wieder zurück.

Wir sind jetzt noch nicht mal bei der Hälfte angelangt. In selber Manier bestreiten Insomnium auch den Rest ihrer Reise durch den Schnee. Ein ständiges Auf und Ab zwischen brachialen Metalparts und zerbrechlich anmutenden Verschnaufpausen, die teils stark an Pink Floyd erinnern. Tatsächlich hat man das Gefühl, die Band würde in der zweiten Hälfte, je näher sie dem Höhepunkt kommt, noch facettenreicher, noch besser werden.

Ein Highlight folgt auf das andere: Kommt nun der spartanische Klavierteil oder der anschließende "Voice of doom"-Hammer mit (zweistimmiger) Growl-/Gitarrensoloparallele intensiver? Oder doch der darauffolgende Harmonie-Part, der nicht depressiv, sondern eher hoffnungsvoll der Melancholie fröhnt und mit Träne im Knopfloch an die Herr Der Ringe-Finalszene denken lässt? Wir segeln hinein ins Licht ...

Aber nein: Den stärksten Moment heben sich Insomnium bis ganz zum Schluss auf. Nachdem sie am Klimax das Aggressivitätslevel noch ein letztes Mal anziehen, wechseln sie abrupt ins Akustische und machen mit einem feinen Solo klar, dass danach absolut nichts mehr kommen kann als das Rauschen des kalten Windes. "Sing a quiet song to me / Sing of spring and sing of sea / Sing a silent song to me / Sing of home and sing of steel.".

Es war ambitioniert, was Insomnium sich für "Winter's Gate" vorgenommen haben, aber sie hätten es kaum besser umsetzen können. Egal, ob man Fan von epochalen Songlängen ist oder nicht: "Winter's Gate" sollte man als metalaffiner Musikliebhaber gehört haben. Ganz besonders als Fan der Band. In vierzig Minuten bringen Niilo Sevänen, Markus Vanhala, Ville Firmen und Markus Hirvonen alles auf den Punkt, was sie ausmacht.

Und ja: Das auf den Punkt bringen meine ich genau so. "Winter's Gate" ist sperrig, aber nicht ausufernd und schon gar nicht ziellos. Zu keinem Moment wünscht man sich, die Finnen hätten sich kürzer gefasst. Wenn es nach mir ginge, hätten sie im Gegenteil den ein oder anderen ruhigen Part sogar gerne noch ausbauen können. Hier wären durchaus Anknüpfungspunkte vorhanden gewesen. Aber wer bin ich, dass ich hier anfange, an einem der stärksten Metal-Alben des Jahres herumzumäkeln?

Trackliste

  1. 1. Winter's Gate

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9 Kommentare mit 5 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    bei "amon amarth vibe" und townsend referenz kriege ich ausschlag :frapp: werd trotzdem mal reinhören

    • Vor 3 Jahren

      Warum? Vor einiger Zeit waren Amon Amarth mal ganz groß darin, noch größere Melodien und Atmosphären zu schaffen. Das ist heute zwar nicht mehr wirklich der Fall, aber gekonnt haben sie's mal :D

    • Vor 3 Jahren

      nein. hör mal das "in the glare of burning churches"demo oder die 1000 swords... und dann... dann reden wir weiter über größere melodien und noch größere atmosphäre

    • Vor 3 Jahren

      es ist ganz ok, so nach mehrmaligem hören, vllt wächst es noch, wenn es winterlicher wird. wobei ich ja großer sommerfan bin :dsweat:
      es ist sicher kein schlechtes album, aber wenn dieses eines der stärksten metalalben 2016 war... dann siehts finster aus :/

    • Vor 3 Jahren

      Dieser Kommentar wurde vor 3 Jahren durch den Autor entfernt.

    • Vor 3 Jahren

      Jep hoffentlich setzen Dark Tranquillity noch einen drauf.

  • Vor 3 Jahren

    Ich würde die Scheibe schon nach ein paar mal Hören auf Platz drei meiner Lieblings Insommnium Alben schieben. Finde die ersten beiden Alben weiterhin am gelungensten. Wobei sich Winter's Gate nicht verstecken braucht. Der wenige Clean Gesang hätte ruhig etwas experimenteller ausfallen können. Sonst bereue ich keinen Cent den ich für diese CD investiert habe.

  • Vor 3 Jahren

    uneingeschränkte freude :) insomnium spielen ihre ganze bandbreite an können durch, endlich ohne song-korsett, zusammengehalten nur durch ein ungefähres thema, das aber natürlich melancholisch angehaucht und mit ner gewissen dosis epik. bin begeistert. für mich auf einer stufe mit "above the weeping world" und "one for sorrow", so zumindest mein bisheriger euphorischer eindruck.