laut.de-Kritik

Die unsubtilste Band der Welt ist zurück.

Review von

Die ersten drei Songs auf dem neuen Imagine Dragons-Album hören auf die Titel "My Life", "Lonely" und "Wrecked". Muss man mehr sagen? Man erwartet von der Genre-fluiden Vegas-Band ja wirklich keine Meisterklasse des Subtilen, aber trotzdem ist man nicht auf Stumpfheit vorbereitet, wenn sie mit dem Morgenstern zur Therapie-Sitzung einreiten. Stellenweise geht es um sehr ernste Themen auf diesem fünften Album. Aber auch ernste Grundideen können sich dieser ästhetischen Zirkusisierung nicht erwehren: Mit ungebrochenem Hang zum Theatralischen und Melodramatischen haben die Imagine Dragons ein Songwriting entwickelt, dass das musikalische Pendant zum Schreiben im Capslock ist. Dieses Album klingt einmal mehr gigantisch, erschlagend und bis zur Frustration anstrengend.

Irgendwo zwischen Folk, Alt-Rock, Electro, Emo und Hip Hop siedeln sich die meisten Songs dieser Platte an. Eine große musikalische Spannweite also, aus der man sehr vieles hervorbringen könnte, wenn man es darauf anlegt. Aber jenseits von sehr uninspirierten Versatzstücken ist fast jedes Genre hier nur Basis für ein Ziel: Lautstärke. Sänger Dan Reynolds wirkt in Interviews wie ein sympathischer und ehrlicher Mann. Aber warum kann er nicht lernen, dass ein Song weder besser noch tiefsinniger wird, wenn man ihn sehr laut singt?

Ein gutes Drittel der Platte baut auf diese Stellen hin, in denen Reynolds seine bezauberndste Zeh-trifft-Amboss-Singstimme walten lässt. Wenn er auf "Cutthroat" gegen Ende den völligen Overdrive einlegt, klingt es in der Tat nach Schmerz - nach physischem. Muss Gesang auf einem Pop-Rock-Album wie die Keller von Guantanamo klingen? Und egal wie oft er diesen Wink mit dem Gorenoise auch einlegt, weder "Cutthroat" noch "Giant" noch "Dull Knifes" klingen deswegen intensiv. Sie klingen dadurch sogar noch leerer.

Offensichtlich sucht all diese extreme Lautstärke ein Gefühl von Katharsis. Immerhin geht auch auf "Mercury: Act 1" nichts unter den allergrößten, existenzialistischsten Gefühlen. Gott sei Dank sind die völlig lächerlichen Überproduktionen und Synth-Blobs der letzten Alben verschwunden, aber trotzdem fühlt sich das alles bis zum Absurden aufgepumpt an. Hätten diese Songs eingängige Motive oder gute Lines, dann würden die schon von selbst Atmosphäre entwickeln. Stattdessen muss der arme Mann sich auf diesen seelenlosen Alt-Electro-Beats die Seele aus dem Leib schreien, damit man irgendetwas fühlt. Was man fühlt, ist aber leider meistens auch nur der zuckende Finger zum Leiser-Knopf.

Der Feldzug zur größten, monumentalsten und epischsten Stadion-Musik wird aber noch aus der anderen Richtung unterwandert. Zwischen diesen CGI-farbenen Klangtürmen finden sich nämlich wieder Songs, die klanglich so dünn und so zuckersanft klingen, dass man sich im falschen Album wähnt. "Monday" klingt wie kommerzieller Electro-Pop, der für den Apple-Imagefilm nicht eingängig genug war, "Easy Come Easy Go" klingt, als hätte OneRepublic versucht, einen Twenty One Pilots-Song zu schreiben. "No Time For Toxic People" ist generischer Pop mit den irritierendsten Vocals der Welt. Die bizarrste musikalische Entscheidung ist die Indie-Instrumentierung für die (unter anderem an die LGBTQ-Community gerichtete) Selbst-Akzeptanz-Hymne "It's Ok", die inhaltlich wohl versucht, versöhnlich und emotional zu klingen, aber Beat-technisch irgendwo zwischen McDonalds-Werbespot und das dänische Bettenlager anzusiedeln ist.

Die Highlights sind schnell erzählt. Der überraschend groovige zweite Song "Lonely" ist eingängig und ich höre ihn schon im Radioprogramm der nächsten zehn Jahre. "Wrecked" setzt sich mit der realen Erfahrung auseinander, dass die Schwägerin des Sängers an Krebs erkrankt ist. Hier finden sich der eine Moment, in dem die emotionalen Ausbrüche Reyonlds sich wirklich fundiert und geerdet anfühlen; der Mann hat sicherlich Dinge zu erzählen und viel auf dem Herzen. Trotzdem macht er über weite Strecken des Albums daraus keinen authentisch klingenden Pop-Rock. Wie der Album-Titel es nahelegt, verliert sich alle Aufrichtigkeit in der Nebelkerze des Theatralischen, in dem Überzeichnen von Emotionen ins Cartoonhafte.

Es wäre ja wirklich schön, den Imagine Dragons mal ein gutes Album zuzugestehen. Die wirken wirklich, als hätten sie ihr Herz am rechten Fleck. Aber sie bringen dann halt nur diese verwirrenden, überzüchteten Rock-Homunculi, die selbst nicht wissen, was sie sein wollen. "Mercury: Act 1" sattelt ein Dutzend Songs mit breiter Genre-Experimentierfreude. Song um Song türmen sie nichtssagende Melodien und leere Hülsen von emotionalen Refrains aufeinander, alle geeint davon, trotz sehr viel Radau, viel Peng-Peng, viel Kabumm und vielen Inception-Hörnern absolut nichts im Hörer auszulösen.

Trackliste

  1. 1. My Life
  2. 2. Lonely
  3. 3. Wrecked
  4. 4. Monday
  5. 5. #1
  6. 6. Easy Come Easy Go
  7. 7. Giants
  8. 8. It's OK
  9. 9. Dull Knives
  10. 10. Follow You
  11. 11. Cutthroat
  12. 12. No Time For Toxic People
  13. 13. One Day

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