laut.de-Kritik

Das Vermächtnis der Berliner Band hallt bis heute nach.

Review von

1980: Ronald Reagan wird Präsident der USA. Der Iran und der Irak hauen sich im ersten Golfkrieg derbe eins auf die Mütze. Die chinesische Mauer wird unter Denkmalschutz gestellt. Die Grünen gründen sich in Karlsruhe. Die Bundesrepublik und Kiribati nehmen diplomatische Beziehungen auf. Der kalte Krieg schwingt sich noch einmal zu neuen Höhen auf.

Die DDR existiert noch und Berlin fristet (noch) ein Dasein als geteilte Stadt. In der Insellage von Westberlin, das vor allem von jungen Männern als neues Zuhause aufgesucht wird, um dem Dienst in der Bundeswehr zu entgehen, gedeiht eine äußerst vielseitige Kunst- und Musikszene.

Auch die in Hagen geborene Annette Humpe zieht es aus dem beschaulichen Herdecke in die Mauerstadt, um dort nach einem abgebrochenen Musikstudium ihr Glück zu finden. Das Konglomerat an Bands, aus dem später Ideal hervorgeht, ist kaum zu durchschauen. Die wichtigsten Eckpfeiler sind die X-Pectors, in der sich Humpe und der Berliner Gitarrist Frank Jürgen 'Eff Jott' Krüger zum ersten Mal über den Weg laufen, sowie die Neonbabies, bei denen Annette Humpe mit ihrer Schwester Inga musiziert. Bei den X-Pectors entsteht bereits der spätere Ideal-Klassiker "Hundsgemein", bei den Neonbabies "Blaue Augen".

Die Genese von Ideal ist indirekt Inga zu verdanken, die ihre Schwester vor die Wahl stellt, entweder bei den X-Pectors zu spielen oder bei den Neonbabies. Die ältere Schwester entscheidet sich für den dritten Weg. Unter Hinzunahme des aus Trier stammenden (Kontra-)Bassisten Ernst Ulrich Deuker und dem vorher in Volker Kriegels Mild Maniac Orchestra muckernden Hans-Joachim Behrendt hebt sie eine eigene Combo aus der Taufe. Die Namensgebung läuft streng demokratisch ab. Zur Auswahl stehen die Namen Optimal, Ideal und Deutsche Bundesband. Letztere Bezeichnung findet noch Eingang auf die Cover-Rückseite des Debüts: "Es singt der Männerchor der Deutschen Bundesband".

In dieser Quartett-Besetzung machen sich Ideal auf den Weg, um einen Plattenvertrag zu ergattern. Unter welchen Konditionen ist der Bandchefin egal: "Wir wollten unbedingt einen Vertrag. Dass wir dann bei Klaus Schulze landeten, war im Nachhinein das Beste, was uns passieren konnte". Richtig gelesen. Ideal unterschreiben beim Indie-Label des Elektro-Pioniers, wo sie mehr oder minder schalten und walten können, wie sie wollen. Das kommt dem Sound und den Kompositionen zugute, denn Ideal orientieren sich kaum an angesagten Trends, sondern greifen New Wave und Postpunk auf und übersetzten das Ganze ins Deutsche. Die Neue Deutsche Welle waberte noch im Untergrund vor sich hin, erst mit Ideal bekommt sie kommerziell erfolgreiches Aushängeschild.

Schon der Opener "Berlin" prescht mit schneidenden Gitarrenriffs und drängendem Schlagzeug nach vorne. Humpe singt gehetzt und bringt den schnellen Pulsschlag der Stadt perfekt auf den Punkt. Der Text über die spätere Hauptstadt kommt einem auch heute noch recht bekannt vor ("Auf dem Gehweg Hundekot"), selbst wenn das damalige Berlin mit dem modernen Hipster-Mekka kaum mehr etwas gemein hat.

Die Produktion des Albums von Klaus Dieter Müller ist kühl und furztrocken, was auch dem Image der Band entegen kommt, denn Ideal stehen damals völlig abseits jeder Rockmusik-Tradition, wie man sie in der Bundesrepublik der 70er kennt. Mit langhaarigen Kommunen-Muckern, Schlager oder sonstigem Firlefanz können die vier recht wenig anfangen. Auch optisch macht sich das nicht nur auf dem Cover bemerkbar. Speziell bei Eff Jott, der schon Anfang der Achtziger wie völlig aus der Zeit gefallen aussieht und dessen Klamottenstil Erinnerungen ans Wirtschaftswunder-Deutschland weckt. Jener versorgt auch seine beiden männlichen Kollegen mit Kleidung der Marke Ludwig Erhard meets Konrad Adenauer.

Ideal ist aber keine reine Humpe-Show, auch wenn Annette Humpe bandintern die Hosen anhat. zwei Bombentracks seien hier ganz besonders hervorgehoben. Zum einen das manische, von Deuker mehr gesprochene als gesungene "Telepathie" mit wabernden Keyboard-Klängen und Humpes Seufzen und Schreien im Hintergrund. Auf der anderen das grenzgeniale "Hundsgemein". Auf einem hoppelndem Beat knurrt und geifert Eff Jott Krüger seinen Text ins Mikro. "Du hast im Ritz gesessen, echten Lachs gegessen, alles ohne mich! Sekt und Grappa saufen mit von Hohenstaufen. Alles ohne mich!" Schmunderbar.

Der große Rummel um Ideal hat einen recht ungewöhnlichen Gebursthelfer. Die Bombast-Rocker Barclay James Harvest geben am 30. August 1980 vor dem Reichstag ein Konzert vor ca. 175.000 Zuschauern. Im Vorprogramm: Humpe und Co. Im Sog dieses Gigs steigt das Debüt bis Juni 1981 auf Platz drei der deutschen Charts. Als Ideal mit Conny Plank (u.a. Kraftwerk) schon am Nachfolger arbeiten, erhalten sie dann die Goldene Schallplatte. Es ist damals die erste Edelmetall-Auszeichnung für einen Releases eines Indie-Labels in Deutschland überhaupt. 1982 folgt Platin für 500.000 verkaufte Einheiten.

Aus Songs wie "Luxus" trieft der Sarkasmus nur so heraus und konterkariert den Eskapismus der folgenden NDW-Welle aufs Trefflichste. "Im Hilton miete ich zehn Zimmer, das wollte ich schon immer. Ich springe nackt in den Swimmingpool, so fühl ich mich wohl. Ich fresse Krebs und Hummer bis ich nicht mehr mag, nur dass ich schwitz ist angesagt. Totaler Luxus beruhigt meine Nerven, ich will mit Geld nur so um mich werfen, totaler Luxus kann mich retten, Luxus ist wie Vitamintabletten". Geld und Sex sind die Themen, die auch in der Folge ("Rote Liebe", "Roter Rolls Royce") auftauchen.

Was Anfang der Nullerjahre ein eher peinliches Revival feiert, hat hier seinen Ursprung. Egal, wie die Nachfolger auch heißen, die sich am Sound von Ideal festhalten, die unangestrengte Eleganz der Arrangements, die Kompromisslosigkeit des Sounds und die dazu passenden eleganten Lyrics sind in ihrer Kombination in dieser Form in Deutschland auch Jahrzehnte nach Veröffentlichung noch völlig eigenständig und unverwechselbar.

Das Feuer, das Ideal mit ihrem Siegeszug entfachen, ist leider nur ein Strohfeuer. Schon im März 1983 verkünden sie das Aus als Band. Der weitere Weg von Annette Humpe ist dank Produzentenjobs für Die Prinzen und als Strippenzieherin im Hintergrund für Ich + Ich und Max Raabe wohlbekannt. Der 2007 verstorbene Eff Jott Krüger steigt 1984 bei den Lassie Singers ein und steht ebenfalls noch weiter im Rampenlicht. Deuker musizierte nach Ideal unter dem Radar der öffentlichen Aufmerksamkeit in Performance-Projekten und Jazz-Combos. Hans-Joachim Behrendt nimmt unter eigenem Namen Platten auf und ist auch mit Ich + Ich auf Tour, seine Spur als Musiker verläuft sich jedoch etwas.

Drei Jahre, drei Platten: Das Vermächtnis von Ideal hallt auch heute noch nach. Das Ende der Band nach dem Album "Bi Nuu" (bis heute nicht auf CD erschienen) kam wohl rechtzeitig. Mit den ersten beiden Outputs hatten die Musiker schon alles gesagt. Wir lauschen aber auch weiterhin dem Männerchor der Bundesband. Und Annette Humpe.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Berlin
  2. 2. Irre
  3. 3. Telepathie
  4. 4. Blaue Augen
  5. 5. Hundsgemein
  6. 6. Luxus
  7. 7. Rote Liebe
  8. 8. Da Leg Ich Mich Doch Lieber Hin
  9. 9. Telephon
  10. 10. Roter Rolls Royce

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LAUT.DE-PORTRÄT Ideal

Wenn der komische Mythos, der sich um die Neue Deutsche Welle rankt, ins Spiel kommt, dann sind damit meist auch Ideal gemeint. Annette Humpe (Keyboards), …

6 Kommentare mit 7 Antworten

  • Vor 2 Jahren

    "Bi Nuu" hat's im Januar auf CD geschafft. Im Rahmen der "Original Album Series" wurde eine 5-CD-Box veröffentlicht "NDW Classics 2" mit Alben von Peter Schilling, Clowns & Helden, Paso Doble, Scala 3 und halt "Bi Nuu" von Ideal.
    Gruß
    Skywise

    • Vor 2 Jahren

      Schon. Aber als Einzelalbum gibts das in neuer Form nur als Download. Was brauch ich denn den Clowns & Schilling-Kokolores, wenn ich mir nur die "Bi Nuu" zulegen möchte? Hä? ;-)

    • Vor 2 Jahren

      @Alex:
      Ich hab' mir für bestimmte Anlässe ein Graviergerät zugelegt. Damit kann man die überschüssigen CDs schön verzieren und beispielsweise als personalisiserte Untersetzer oder zur Aufhübschung von Tischkarten verwenden. Ich wollte mir noch einen entsprechenden Bohraufsatz zulegen, dann eröffnen sich neue Möglichkeiten durch Gummi-oder Fadentechnik.
      Und dadurch, daß der Titelaufdruck der CDs erhalten bleibt, kann man dem Betreffenden auch noch schöne kleine Kommentare unterjubeln.
      "Ach Quatsch, ich hatte nur ein Exemplar von Christian 'Es ist geil, ein Arschloch zu sein' zuviel im Bestand, da isse halt auf dem Stapel gelandet ... ist reiner Zufall, daß die bei dir aufschlägt. Es hätte ja auch 'Du hast den schönsten Arsch der Welt' werden können. Wie - deine Frau hat die abgekriegt ... So was aber auch ..."
      Gruß
      Skywise

    • Vor 2 Jahren

      Clever!

    • Vor 2 Jahren

      Sky wo wohnst du? Selbst gebrannte geht doch auch oder? :P

  • Vor 2 Jahren

    Jetzt mal Spaß bei Seite, die Scheibe ist die Beste Deutsche Scheibe der Anfang 80er Jahre...nach der Monarchie und Alltag von Fehlfarben. Alleine das Trio "Berlin", "Blaue Augen" und "Hundsgemein" ist schon unschlagbar...hab das Ding auch noch von damals auf Vinyl....

  • Vor 2 Jahren

    Die Bläser bei Hundsgemein sind absolut untypisch für diese Zeit- da muss man erstmal drauf kommen so etwas einzusetzen. Klasse Album.

  • Vor 2 Jahren

    Fand ich auch überragend damals. Schön schräg und fernab des alten Miefs.

  • Vor 2 Jahren

    Ideal !!!
    Die 80´ger waren ne tolle Zeit damals.
    Schon ihr Bandname war super gewählt.
    Berlin, Blaue Augen und Eiszeit,
    gut arangiert vorgetragen,
    da ging die Post ab.

  • Vor 2 Jahren

    Ideal, Spliff & Kraftwerk. Drei Riesenbands mit eigenen Sounds & Lyrics. Welche deutsche Band kann da mithalten?

    • Vor einem Jahr

      Welche deutsche Band kann da mithalten? HÄÄÄÄ
      Kraftwerk kommt aus ..Düsseldorf..aber klar.. das liegt nicht in Deutschland
      SPliff war zuerst die Nina Hagen Band..bevor sie nach der Trennung zu Spliff wurde..und kam aus West Berlin.... aber klar..auch nicht Deutschland
      und last but not least
      Ideal..aus West-Berlin ..aber auch das ist nicht Deutschland ..
      übrigens stammt Anette Humpe aus Hagen, ganz klar = nicht Deutschland. Ernst Ulrich Deuker stammt aus Trier und als einziger ist Ernst Ulrich Deuker ein waschechter Berliner