laut.de-Kritik

K-Pop zeitreist mit Wes Anderson ins Jazz-Zeitalter.

Review von

Als sich IU 2012 nach ihrem gigantischen zweiten Album "Last Fantasy" auf der Highspeed-Autobahn befand, einer von Koreas definierenden Popstars zu werden, sah es kurz so aus, als geriete ihr der Celebrity-Gossip zwischen die Füße. Wegen eines "aus Versehen" um die Welt gegangenen Pärchen-Bildes waren Klatschpresse und Öffentlichkeit so eingeschnappt, dass sie einen waschechten Redemption Arc brauchte. Es musste ein Album her, das so unweigerlich gut ist, dass es den Fans die Griesgrämigkeit aus den Gesichtern klatscht. Und Druck schafft bekanntlich Diamanten: Ein Jahr später veröffentlichte sie mit "Modern Times" ein makelloses Konzeptalbum, das bis heute die Grenzen des im K-Pop Möglichen auf die Probe stellt. In einem nostalgischen Streifzug durch die Sounds der Roaring Twenties zeitreist sie in eine imaginäre Ballroom-Welt, um im Laufe eines auditiven Wes Anderson-Films ein paar der besten Popsongs aus Koreas Gegenwart zu finden.

Es fasziniert, wie logisch und stimmig die musikalische Ausrichtung dieses Albums durch verschiedenste Regionen und Kapitel der Musikgeschichte schwebt und unsichtbare Fäden sichtbar macht. Jazz-Manauché dockt an Bossa Nova, der dockt wiederum an Tanz-Standards, die finden Wiederhall im Trot-Boom von Koreas Neunzigern. So spielen auf dem Titeltrack "Modern Times" Klarinetten, perkussive Gitarren-Strums und Ragtime-Klavier, um mit IUs lebhafter, kristallklarer Stimme in einen unwiderstehlichen Refrain zu verschmelzen. Das federleichte Hook-Motiv und die Poor-Man's-Jazz-Ästhetik echot unscheinbar im übernächsten Song "Obliviate", der mit spanischen Gitarren und energetischem Bossa-Nova spielt. Die beiden Genres wirken nicht wie wahllose Vintage-Moods, sondern wie sinnvoll in Kontext gesetzte musikalische Erbfolgen, derer musikalischer Verwandtschaft IU und ihre Musiker folgen.

Vielleicht liegt der Charme von "Modern Times" genau darin: Das Album verklärt offensichtlich die Vintage-Aura alter Musik, ordnet sie aber mit den Adleraugen modernen Pops. Kulturell gehen manche Dinge durcheinander, es bleibt schwammig, ob die Atmosphäre nun französisch, spanisch oder kubanisch sein möchte. Aber diese Ortlosigkeit ist nur folgerichtig, denn aus der Perspektive der koreansichen Gegenwart wachsen diese Felder ohnehin fließend ineinander, und IU wirkt wie ein spielerischer Dandy, der die transkulturellen Linien zwischen allen Referenzpunkten dreht und bricht, wie es ihrer Sache gerade dienlich erscheint.

Vielleicht könnte man den Vergleich so ziehen, als würde Taylor Swift ein Frank Sinatra-Album singen. Natürlich ist die Heldenverehrung ein großer Faktor, aber IU geht über reine Nostalgie hinaus. Das ist der Punkt, an dem der K-Pop und seine analytische, hocheffiziente Songwriting-Logik durchschlägt. Der nämlich gar nichts von der respektvollen oder historisch sinnvollen Anordnung wissen will, sondern dem Weg des maximalen Refrains folgen.

So klingt ein Song wie "The Red Shoes" vertraut – aber es gibt da draußen quasi nichts, was diesem Herzstück der Platte wirklich ähnelt. Auf einem euphorischen Big Band-Ensemble rezitiert IU das berühmte Andersen-Märchen für einen exzentrischen und malerischen Fantasie-Trip in einen röhrenden Ballroom. Das Arrangement, die Energie, das Spielen – alles ist authentisch bis zum Kern – aber der Refrain ist trotzdem reiner K-Pop: Energisch wirft sie sich mit einem euphorisch gesungenen "Summertime" in diese Killerhook, bevor der Song mit jeder neuen Passage den Jazz-Faktor aufdreht. Das Level an Energie, der in der letzten Bridge entsteht, ist übermannend. Ein Key-Change, ein Tempowechsel, Blechbläser und tanzende Piano-Lines geben sich in den letzten, hysterischen zwanzig Sekunden dieses opulenten Zwanziger-Camps die Klinke in die Hand. "Dashi!" singt IU, zu deutsch "nochmal", wieder und wieder - und die aufsteigende Energie ist keine Kostümparty, keine Heldenverehrung. Für die Länge eines Tracks kanalisierte IU den heiligen Geist von Wilbur De Paris und performte dieses Konzept, als hinge ihr Leben daran.

Sie ist der perfekte Performer für dieses Album. Als Sängerin und Schauspielerin haftet ihr die Aura der klassischen Showmanship an. Sie begegnet den vielseiten Arrangements mit Charme und Autorität, sie hat so viel natürliches Charisma, sie könnte jeden jemals stattgefundenen ESC im Schlaf gewinnen. Sie performt das Material mit Respekt und Grandeur, ohne sich anzubiedern, aber ihre Begeisterung schlägt durch, nichts hieran wirkt, als würde nicht ihr Herz und ihre Seele in diesen Vocals stecken.

Jeder Duettpartner muss absolutes A-Game bringen, um Schritt zu halten. Dabei entstehen Juwelen wie der sinnliche Samba-Cut "Everybody Got Secret" mit der tieferen Gegenstimme von Ga-In von den Brown-Eyed Girls oder dem folkigen Trot-Feature mit dem traditionellen Sänger Choi Baek-ho. Mit Jonghyun von der Boygroup Shinee trifft sie für die ätherische und stille Ballade "A Gloomy Clock" zusammen, auf der beide charakterstark und mit beachtlicher Chemie singen. Das Instrumental ist ruhiger, aber die Produktion liebevoll und lebendig, eine Uhrwerk-Percussion wird unterschwellig von Xylophon und Jazz-Klavier durchschnitten.

Generell gilt das für alle vorhandenen Balladen. Sie wirken auf den ersten Blick nicht wie das Kernstück des Albums, aber gerade Songs wie "Bad Day" und "Daydream" schlagen gleichermaßen so still und so intensiv auf, dass sie nicht nur den energetischeren Songs Tiefe und Schlagschatten verleihen, sondern auch ihren unverzichtbaren Platz im Pacing der Platte finden. Es finden sich auf "Modern Times" keine vier Takte Musik, deren Textur nicht interessant ausstaffiert ist oder deren Melodien spannend geschichtet sind.

Das ist generell das, was "Modern Times" letzten Endes so herausragend macht. Was auf den ersten Blick wie gefällige Vergangenheits-Aufwärmarbeit wirkt, ist durch die ganze Spielzeit von so viel liebevollen Kompositions-Ideen durchsetzt, so detailliert ausgeführt und immer wieder von virtuosem Spielen unterbrochen. Seien es die Klarinetten auf dem Titeltrack oder die Jazz-Gitarre von Bak Ju-Won auf dem Opener "Love Of B", kaum ein Track bringt nicht einen oder mehrere sofort einprägsame Momente mit sich. Dazu spiegeln sich immer wieder Motive, Songs spielen sich gegenseitig Melodieläufe oder instrumentale Kniffe zu, die vierzig Minuten Spielzeit schmelzen regelrecht dahin.

"Modern Times" ist ein Songwriting-Meisterwerk von einer von Koreas größten Pop-Stimmen. Es ist dabei nicht nur die Virtuosität, mit der sie musikalische Elemente aus der Vergangenheit problemlos in moderne Pop-Gewohnheiten einpflegt – es fühlt sich wirklich an, als zaubere sie hier Schwarz-Weiß-Filme in Technicolor. Es ist auch die kompositorische Fähigkeit, all das wie aus einem Guss darzubieten. Aber als Performerin nimmt sie den Hörer auf eine emotionale Reise mit, die durch ihre nostalgischen Tagträume von unlokalisierbarer vergangener Schönheit führt. Das Geheimnis ist: Den zitierten Ort, die zitierte Ära gibt es gar nicht. "Modern Times" ist voll und ganz das Kind von IU s ästhetischen Empfinden, von ihrem unverwechselbaren Gefühl für Atmosphäre und Emotion. Es ist ein Album, das man auf keinen Fall nur mit Korea oder dem K-Pop verbinden sollte, denn die darin versteckte Welt ist liebevoll gewebt, musikalisch umwerfend und unwiderstehlich stimmungsvoll.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Love Of B
  2. 2. Everybody Has Secrets (feat. Ga-In)
  3. 3. Between The Lips (50cm)
  4. 4. The Red Shoes
  5. 5. Modern Times
  6. 6. Bad Day
  7. 7. Obliviate
  8. 8. Walk With Me, Girl (feat. Choi Baek-Ho)
  9. 9. Havana
  10. 10. A Gloomy Clock (feat. Jonghyun)
  11. 11. Daydream (feat. Yang Hee-eun)
  12. 12. Wait
  13. 13. Voice Mail

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