laut.de-Kritik

Die jungen Expertinnen des Flickenteppich-Pops.

Review von

Schon vor ihrem Debüt war klar, dass ITZY in große Fußspuren treten. Einerseits nehmen sie das Erbe der größten koreanischen Girlgroups aller Zeiten an, und der Schatten von TWICE steht auf halbmast über ihren unbeschriebenen Nachfolgern. Dabei haben die Gezeiten für Girlgroups sich schon eine Weile gedreht und seit Blackpink, Red Velvet und Loona hat die Idee von Girl Crush sich im Zeitgeist festgesetzt. Einfach hübsch und cute sein reicht als Selbstinszenierug nicht mehr aus.

Obendrein sollen ITZY dann auch noch den Dreh der globalen Pop-Landschaft in Richtung Trap und EDM gleichzeitig abdecken. Um so überraschender, wie konsequent das Fünfer-Gespann seit seinem Debüt von 2019 abreißt. "Dalla Dalla" und "Icy" waren konsequent kompromisslose Hyperpop-Banger, die im besten Flickenteppich-Stil Hip Hop mit Electronica mit Teenage-Empowerment verweben. "It'z Me" legt nun für die dritte Single "Wannabe" endlich ein erstes Minialbum nach. ITZY haben einen dritten Volltreffer in der Hand.

Über die Lead-Single am ausführlichsten zu sprechen, drängt sich auf. "Wannabe" ist der stärkste der sieben Tracks und die Augenweide des Projekts. Die Verses driften mit Karacho auf einem Slap Bass-getriebenen House-Beat. Ryujin hebt sich in dieser Ära besonders ab, skandiert charakterstarke Chant-Raps mit Feuerhilfe von Chaeryeong und kommandiert die Aufmerksamkeit sowohl im Dancebreak als auch im ersten Verse mit absolutem No-Bullshit-Charisma. Die wahre Hook des Songs entfaltet sich, wenn gegen diesen modernen, tanzbaren Sound ein Power-Pop-Chorus spielt, der mit treibenden Gitarren und Arena-tauglicher Melodie an die Großen Pop-Punk-Refrains der 2000er erinnert, in der Bridge dann wieder in einen reinen House-Beat zerfällt und die chaotische Dramaturgie des Songs für immer in der Achterbahn-Kurve hält.

In der Hook, die von Lia und Yuna mitgetragen wird, zeigt sich, warum Yeji das unangefochtene Flagschiff von ITZY ist. Ihr mittelhohes Register regiert die Songs stimmlich, sie strahlt eine bestechend natürliche Präsenz in den Videos und den Songs aus, die schwer zu ignorieren ist. So talentiert und verlässlich jedes Mitglied der Gruppe ist, steht diese Ära doch klar im Zeichen von Yejis Gesang und Ryujins eigenwilligem Rap, die auch im Laufe der anderen Songs von "It'z Me" den Ton angeben. Auch wenn diese nicht an die wunderbar chaotische Energie von "Wannabe" heranreichen, haben die ihre Momente.

"Ting Ting Ting" ist ein etwas anonymerer, dafür aber umso eingängigerer Club-Song unter den Segeln von Future House-Pionier Oliver Heldens. Kollaborativer Geist, der auch am Ende im zweiminütigen Banger "24HRS" wiederkehrt, wo mit SOPHIE eine der spannendsten Tonangeberinner der modernen Electro-Szene auftaucht. Rubber-Bass gegen Cheerleader-Rap, die Synergie von K-Pop und PC Music stand schon auf "Dalla Dalla" unweigerlich im Raum und breitet sich hier auf einen kurzen, aber prägnanten Track aus. Zwar darf SOPHIE hier nicht ihren vollen "PRODUCT"-Wahnsinn ausleben, muss eine gewisse Kompromiss-Bereitschaft eingehen. Trotzdem entsteht ein Song, so wacky wie das Genre zuletzt bei Red Velvet oder BIGBANG klang.

Aber nicht alles ist Techno und Tanzen auf "It'z Me": Ein besonderer Instant-Fan-Favorit ist "Nobody Like You". Dieser schmalzige Lovesong zielt in die Avril Lavigne-Vene und schämt sich seines eigenen Kitsches kein bisschen. Wer nach den ersten anderthalb Minuten des bitterernst gespielten Camps noch an Bord ist, singt die Pop-Punk-Hook in ihrer letzten Wiederholung wahrscheinlich sowieso mit. Ein bisschen schade ist, dass sie ihre Genre-Fluidität, die sie sonst problemlos in Titeltracks auf einen Song gepresst haben und dadurch ihren so spannenden Crossover-Sound erzeugten, hier auf verschiedene Titel auslagern. Nur "Wannabe" dribbelt über drei Minuten durch fünf Genres. Das sorgt zuletzt auch dafür, dass "You Make Me" und "That's A No-No" eher generischer Pop bleiben, statt sich in die Songwriting-Wildnis ihrer besten Songs einzureihen.

"Wannabe" ist die genau richtige Fortsetzung für ITZY, die beweist, wie präzise die Gruppe der Kurve voraus ist. "It'z Me" setzt Trends, statt ihnen zu folgen, macht Pop frei und energetisch von der Leber weg und traut sich, mit Oliver Helden und SOPHIE Produzenten anzuwerben, die nicht unbedingt die erste Wahl aus Popularitäts-Sicht sind. Zwar steht das Mini-Album ein wenig im Schatten der spektakulären Lead-Single, die sich in Sachen Songwriting und Produktions-Bombast definitiv am meisten traut, aber mit "24HRS", "Ting Ting Ting" und "Nobody Like You" bleibt genug Futter für den Club und den Roadtrip, um alle Teen Pop-Bedürfnisse zu stillen.

Die Ansprüche an ITZY waren in der Tat groß, aber das dritte Comeback und erste Mini-Album seit Debüt zeigt, dass sie das Talent und den Innovations-Drang mitbringen, um dem gerecht zu werden. ITZY hat ihre eigene Sparte im K-Pop-Genre in Rekordzeit etabliert und so bald dürfte es um die Gruppe dementsprechend nicht still werden.

Trackliste

  1. 1. Wannabe
  2. 2. Ting Ting Ting (feat. Oliver Heldens)
  3. 3. That's A No No
  4. 4. Nobody Like You
  5. 5. You Make Me
  6. 6. I Don't Wanna Dance
  7. 7. 24HRS (feat. SOPHIE)

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9 Kommentare mit 16 Antworten

  • Vor 2 Monaten

    Soundtrack für eine Generation, die unterm Banner "Ehe für alle" protestiert, um in absehbarer Zeit ihre bedruckten Kissen heiraten zu dürfen.

  • Vor 2 Monaten

    Dieser Kommentar wurde vor 2 Monaten durch den Autor entfernt.

  • Vor 2 Monaten

    Bin mir nicht so sicher, was ich von diesen ganzen Vermischungen seitens der üblichen Verdächtigen in der Kommentarspalte von Elementen aus ursprünglich japanischer Popkultur und K-Pop halten soll. Das wirkt dann doch ein wenig ignorant. Es wäre mir auch nicht geläufig, dass es da auf westlicher Seite eine riesige Durchmischung von Weeb-Kultur und K-Pop-Fandom gibt. Ist jetzt aber tatsächlich auch nicht so mein Metier.

    • Vor 2 Monaten

      Joa, ich geb zu, dass meine überspitzt pauschalisierende Bemerkung auf Grundlage meiner persönlichen Erfahrungen im Arbeitsumfeld erfolgte und mit n=3 wirklich nicht repräsentativ ist, aber mir ist's wohl auch deswegen im Gedächtnis geblieben, weil alle drei aus derselben Region stammten, eine sehr ähnliche Vermengung asiatischer (Sub)Kulturen in ihren Interessen aufwiesen, im gleichen Alter waren, sich dem Vernehmen nach nicht kannten und in relativ kurzem Abstand alle mit F84.1 (atypischer Autismus) als Diagnose kamen, ohne vorher bei denselben Ärzten, Schulen oder Kindergärten besagter Region gewesen zu sein.

    • Vor 2 Monaten

      Ok, gut, dann möchte ich in dem Fall auch nichts gesagt haben. Klang halt in der Masse für mich eher nach "ist halt beides asiatisch, nä?".