laut.de-Kritik

Murks mit teurer Sound-Fassade bleibt weiter Murks.

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Oft mag man ja nicht so recht glauben, dass Musik-Produzenten angeblich einen dermaßen großen Einfluss auf den Sound eines fertigen Studioalbums haben. Sind es doch zuallererst Hirn und Herzblut, die in den Tönen und den Texten guter Songs stecken. Was sollen ein paar gedrehte Knöpfe daran schon ändern können? Und auf der anderen Seite wird Murks mit teurer Sound-Fassade weiter Murks bleiben.

Nein, irgendwie muss sie schon gerechtfertigt sein, die Mär von den Top-Produzenten Rick Rubin, Brian Eno oder Kanye West. Zu dieser Riege zählt beinahe auch David Sitek, der nicht nur Gitarrist der freigeistigen Indie-Rocker TV On The Radio ist, sondern auch den Foals, Scarlett Johansson und den Yeah Yeah Yeahs ein extravagantes Soundkleid auf den Leib geschneidert hat.

Nun hat sich Sitek auch Holly Miranda vorgenommen. Diese hat einen Background als Frontfrau der semierfolgreichen Grey’s Anatomy-Rocker The Jealous Girlfriends. Manche dichten ihr schon das Potential einer Cat Power an. Wie schon Johansson scheint jedoch auch Miranda ihr gleichwohl etwas gütigeres Schicksal mit blindem Vertrauen in die Hände von Sitek gelegt zu haben.

So klingt ihr Solodebüt "The Magician’s Private Library" weniger nach an Gitarre und Klavier ausformulierten, eigenen Songideen als vielmehr nach dem Taktstab und dem zweifelsohne elegischen Sound-Zauberwald der Software David Siteks. Das Endprodukt pendelt irgendwo zwischen digitalem Dream-Pop, Indie-Rock mit Glöckchen und Free Jazz mit Seele hin und her.

Ja, "The Magician's Library" klingt wie ein TV On The Radio-Album, es könnte genauso gut der Nachfolger zu "Dear Science" sein – nur eben mit weiblicher Sängerin, zumal deren Frontman Kyp Malone noch bei "Forest Green, Oh Forest Green" und "Slow Burn Treason" für Duette einspringt. Will auch heißen: Holly Miranda hat zwar die richtigen Freunde und einen ordentlichen Klang auf der Habenseite, ihr fehlt aber die eigene Identität, das können auch ein paar schöne Lyrics nicht kaschieren.

Die mystische, teils jedoch etwas arg überfrachtete Soundästhetik und das eher stoisch-nervöse Song-Design Siteks wollen sich nicht so recht mit Holly Mirandas ab und an soulig ausbrechendem Gesang vertragen: Vom Rauschen von "Waves" wird sie mit ihrer Stimme beinahe ertränkt, in "Sweet Dreams" dagegen gerät sie inmitten von zig Synthesizern und Bläsern völlig ins Schwimmen.

So zerfallen viele der Songs in ihre Einzelteile, bevor überhaupt Stimmung aufkommen mag. Das Wochenmagazin Die Zeit schreibt in seiner Online-Ausgabe, mit Holly Miranda mache mal wieder jemand den Soundtrack zur Krise. Die der Banken oder des Kapitalismus kann es ja nicht sein. Dafür schon eher die Krise einer weiblichen Kunst, die mehr Zutrauen in das Handwerk anderer hat als in das eigene musikalische oder literarische Können. Helene Hegemann, bitte übernehmen Sie.

Trackliste

  1. 1. Forest Green Oh Forest Green
  2. 2. Joints
  3. 3. Waves
  4. 4. No One Just Is
  5. 5. Slow Burn Treason
  6. 6. Sweet Dreams
  7. 7. Everytime I Go to Sleep
  8. 8. High Tide
  9. 9. Canvas
  10. 10. Sleep on Fire

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