laut.de-Kritik

Zum festlichen Anlass gibts Rizinusöl für den Goldesel.

Review von

Eigentlich hätte ich es wissen müssen. Die Mail verhieß ja schon nichts Gutes. Könntest du dir vorstellen, das hier zu besprechen. Mh, okay. Dazu ein nichtssagender Amazonlink. Oh. Mit zittriger Hand den Link geklickt. Und ja: Eine Helene Fischer Weihnachts-CD. Ich hätte es wissen müssen.

Doch schieben wir alle Vorurteile mal beiseite und beginnen die Analyse – jetzt gibt es kein Zurück mehr. Eigentlich ist dieses Projekt schlicht und einfach logisch. Deutschlands größter weiblicher Superstar und Rekordebrecher, Everybodys Darling von der Butterwerbung bis zum Schweiger-Tatort und Weihnachten, das Fest der Liebe, aber eben auch das Fest des Schenkens und Kaufens und Kaufens und Kaufens, das passt wie Arsch auf Eimer. Das ist wie Rizinusöl für den Goldesel und wird im Hause Universal für prall gefüllte Gabentische sorgen (zumal neben der Studioversion auch noch eine in Wien aufgenommene Live-DVD und Live-CD käuflich zu erwerben sind). Die Umstände also sind schnell geklärt.

Die im Studio produzierte Kompilation selbst beinhaltet zwei zum Platzen gefüllte Scheiben. Numero Uno arbeitet sich durch traditionelles deutsches Liedgut und startet standesgemäß mit "Stille Nacht" (eingeleitet von aufbrausenden Orchester-Geschwurbel) und endet noch standesgemäßer mit "Ave Maria". Numero Due reitet in internationale Gefilde und feiert dort gleichermaßen "White Christmas" wie auch "Feliz navidad", wartet aber auch mit der längst überfälligen Fischer-Version von Leonard Cohens "Hallelujah" auf.

Puh, stark bleiben. Fensterläden runter. Auch die gegenwärtig sommerlichen November-Temperaturen sollen uns jetzt nicht ablenken. Schneekugel auf den Tisch und rein mit der Scheibe. Klaro, Helene Fischer kann 2015 kein pfeifendes Blockflöten-Album abliefern, die Massen erwarten Bombast, die ganz große Show. Und die bekommt man als Hörer auch auf "Weihnachten" vorgesetzt. Helene singt zusammen mit dem Royal Philharmonic Orchestra und hat sich zudem einige namhafte Chorknaben mit in die Grippe geholt.

Xavier Naidoo (wer auch sonst) ergänzt Helene auf "Vom Himmel hoch, da komm' ich her". Die Version beginnt fast soulig, Helene und Xavier treten abwechseln ans Mikrofon. Der Song steigert sich mit jedem Part, wird immer lauter und größer und emotionaler, ehe er sich in wilden Duett-Arien überschlägt, in denen Naidoo beinahe wie eine Wochenshow-Parodie von sich selbst klingt.

Hier zeigt sich ein echtes Problem der Platte: Teilweise verlassen die Kompositionen die altbekannten Liederbuch-Pfade und werden mit poppigen Elementen unterfüttert. Allerdings hält Helene strikt ein äußert bedächtiges und besinnliches Tannenbaumtempo, und diese beiden inszenatorischen Elemente stoßen sich regelrecht ab. Stellenweise fühlt man sich dazu angehalten, "Schneller!" zu brüllen oder die Abspielgeschwindigkeit auf doppeltes Tempo zu stellen. Aber nun gut, das hier ist weder eine Pop- noch eine Schlagerplatte, und auf der zweiten Scheibe funktioniert der Spagat dann auch eindeutig besser.

Dort werden zudem Frank Sinatra und Bing Crosby in "Have yourself a merry little Christmas" beziehungsweise "White Christmas" an den Adventskranz gesampelt und Plácido Domingo und Ricky Martin (ihr lest richtig) als fleischechte Sänger ins Studio geholt. Der Startenor unterstützt den Schlagerstar auf "What child is this" und sorgt damit für das herausstechende Highlight der Platte. Die beiden Stimmen harmonieren wunderbar, die orchestrale Untermalung hält sich angenehm zurück, sorgt in den entscheidenden Momenten aber doch für eine massive Schicht Pathos. Da wird einem ja ganz warm ums Herz. Das zusammen mit Latino-Lover Martin eingespielte "Last Christmas" lässt indes jede Leichtigkeit und auch jedweden Charme vermissen und wird in puren Kitsch zerjodelt. Und passend dazu fallen die letzten Schneepartikel auf den Plastiktannenwald meiner Schneekugel.

Doch was könnte jetzt hier ein passendes Fazit sein? Also ... Aber ... Ich weiß nicht ... Denn natürlich dürfte selbst eingefleischten Helene-Fans klar sein, dass die Entscheidung, eine Weihnachts-CD einzuspielen, in erster Linie kommerziell motiviert sein dürfte. Andererseits kann ein solches Projekt ja kaum nach gewöhnlichen Kritikerparametern gemessen werden. Die Songs hat jeder tausendfach gehört oder selbst geträllert, Überraschungen sind de facto ausgeschlossen. Die Produktion ist ein Selbstläufer, die Scheibe klingt technisch glänzend, Und auch Helene macht objektiv einen echt soliden Gesangs-Job. Und sind wir mal ehrlich. Am Ende des Tages wird dieser kleine Text am Ende niemanden davon abhalten, diese CD zu kaufen und auch keinen zu einer Shoppingtour motivieren. Die Rollen sind verteilt, die Grenzen tief gegraben. Und so bleibt wohl nur eins zu sagen: Frohe Weihnachten!

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Trackliste

CD 1

  1. 1. Stille Nacht
  2. 2. O Du fröhliche
  3. 3. Ihr Kinderlein kommet
  4. 4. Fröhliche Weihnacht überall
  5. 5. Alle Jahre wieder
  6. 6. Süßer die Glocken nie klingen
  7. 7. Vom Himmel hoch, da komm' ich her
  8. 8. Lasst uns froh und munter sein
  9. 9. Leise rieselt der Schnee
  10. 10. Maria durch ein' Dornwald ging
  11. 11. Adeste Fideles
  12. 12. Tochter Zion
  13. 13. Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen
  14. 14. In der Weihnachtsbäckerei
  15. 15. O Tannenbaum
  16. 16. Es ist ein Ros' entsprungen
  17. 17. Heilige Nacht
  18. 18. Ave Maria

CD 2

  1. 1. White Christmas
  2. 2. Winter wonderland
  3. 3. Rudolph the Red – Nosed Reindeer
  4. 4. Let it snow
  5. 5. Have yourself a merry little Christmas
  6. 6. Little drummer boy
  7. 7. We wish you a merry Christmas
  8. 8. What child is this
  9. 9. The power of love
  10. 10. Driving home for Christmas
  11. 11. Last Christmas
  12. 12. Santa Claus is coming to town
  13. 13. Jingle bells
  14. 14. Feliz navidad
  15. 15. The Christmas song
  16. 16. Hallelujah
  17. 17. I'll be home for Christmas

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7 Kommentare mit 11 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    Das ist eine bemerkenswert ausgewogene Rezension! So sehr man hübsch formuliertes Popstar-Bashing liest, so freut man sich doch ab und zu über ein wenig Reflexion. Danke dafür!

  • Vor 3 Jahren

    "Helene macht objektiv einen echt soliden Gesangs-Job" Das ist gut :lol: Manche der deutschen Songs mögen einen arg sakralen Charakter haben, stimmlich ist das trotzdem herausragend für eine Mainstream-Künstlerin. Wer das nicht mag, kann ja zum Dudel-Pop von Kylie Minogue greifen.

  • Vor 3 Jahren

    kein comment von unserem lauti? er ist doch nicht etwa homosexuell?

    • Vor 3 Jahren

      ich bin auch etwas in sorge

    • Vor 3 Jahren

      Vielleicht ist er ja endlich mal auf dem passenden Ufer angekommen. ;)

      Ich brauche von euch Beiden außerdem dringend mal eine Einschätzung der Genrefirmheit von lauti! Wie firm ist lauti auf einer Skala von 1 bis 10 eurer Meinung nach?

    • Vor 3 Jahren

      hach craze,ist wirklich traurig mit dir.hast offensichtlich deine hassgefühle gegenüber lauti immer noch nicht in den griff bekommen.
      können wir ja bald wieder mit einer welle alkoholsüchtiger altkicker rechnen.

    • Vor 3 Jahren

      Dieser Kommentar wurde vor 3 Jahren durch den Autor entfernt.

    • Vor 3 Jahren

      sicherlich gab es in der Vergangenheit einige Unregelmäßigkeiten zu beobachten: das sture festhalten an sogenannten "alten Helden" wie smudo, das konstante und ebenso sture ignorieren von untergrundkünstlern wie Kaisa oder auch das "deltron-durcheinander" bei dem er erschreckende wissenlücken offenbarte kratzen natürlich ordentlich am image. wenn das offenkundige "loaden" mit der ausrede Musik sei Kunst gerechtfertigt wird, sowie mit voreingenommenen Meinungen zu ganzen fangruppierungen und diversen Künstlern garniert wird, kommen ebenso berechtigte Zweifel auf. aber es hat ja auch keiner, außer ihm, je behauptet dass der exfahrlehrer sich hier knowledge-mäßig auf der überspur befände. jedoch hat er nicht nur zu allem was zu sagen, sondern es ist auch oft fundiert und er scheint sich, trotz der angesprochenen ausfälle, recht sicher im Umfeld der älteren wie jüngeren Vergangenheit des rapbizz auszukennen und macht auch vor aktuellen Entwicklungen nicht halt. so gesehen ist die besagte "genrefirmheit" aller ehren wert