laut.de-Kritik

Der wunderschöne Horror einer Schwangerschaft.

Review von

"So many things that I self identify with are not compatible with motherhood", erzählt Halsey Zane Lowe. Die beiden sitzen in ihrem altmodisch, aber opulent eingerichteten Wohnzimmer. Zane trägt weiße Sneaker, Ashley Frangipane sieht aus, als wäre sie einem barocken Gemälde entsprungen. Es ist ein Bild, das unwirklich anmutet und nur noch surrealer wird, je länger das Gespräch andauert. Frangipane erzählt mit stoischer Ruhe von ihrer Schwangerschaft, ihrer mentalen Gesundheit, ihrem Reifeprozess und fangirlt über ihre Zusammenarbeit mit Trent Reznor und Atticus Ross. "I don't think since Nine Inch Nails and How To Destroy Angels Trent and Atticus have turned their hands to producing a project outright", wundert sich Lowe und fragt die Frage, die wohl jedem durch den Kopf ging, als die Nachricht eines von Reznor und Ross produzierten Halsey-Albums publik wurde: "How?"

Dabei ergibt die Kollaboration durchaus Sinn. Tief vergraben unter dem Pop-Glitzer von "Manic" versteckte sich eine deprimierende Düsternis und ein offen-verletzlicher Umgang mit der eigenen Psyche. "Hopeless Fountain Kingdom" versuchte sich wiederum an einer filmreifen, bombastischen Nacherzählung der Romeo-und-Julia-Geschichte, wenn auch mit mäßigem Erfolg. Produzenten wie Ross und Reznor wirken wie das fehlende Puzzlestück, um die Atmosphäre und die Ambitionen, die Halseys Lyrik schon seit jeher versprechen, auch endlich musikalisch umzusetzen.

Wer allerdings ein neues "The Downward Spiral" erwartet, der wird enttäuscht. Auch wenn Halseys Album inhaltlich teils vergleichbar destruktive Wege beschreitet, bleibt es im Kern durch und durch ein Pop-Album. Die 26-jährige Sängerin durchläuft in ihrer neuen Rolle als Mutter auch immer wieder eine läuternde lyrische Entwicklung, am Ende derer sie dem Gift, das sie mühevoll mehrere Minuten hochwürgt, ein ermächtigendes Statement gegenüberstellt. Das Album ist verheißungsvoll und finster, aber am Ende eben auch befreiend und erlösend.

Schon die ersten Akkorde von "The Tradition" verströmen eine gespenstische Melancholie, die wenig später zu einem emanzipierenden Kampfschrei anschwillt: "Take what you please, don't give a damn / Ask for forgiveness, never permission." Der Kerninhalt des Albums ist ein Exorzieren der eigenen Dämonen, aus dem, auch in Anbetracht von Halseys Schwangerschaft, eine immer aggressiver werdende Ansage an das konservative gesellschaftliche Spektrum der weiblichen Identität resultiert. Hure und Madonna, die beiden Extreme ihrer öffentlichen Wahrnehmung, entlarvt sie währenddessen immer wieder als ein und dasselbe.

Beachtenswert sind die Varianz an Einflüssen und die musikalischen Risiken, die damit einhergehen. Die Produktion der beiden Soundtrack-Macher pendelt gekonnt zwischen den Industrial-Einschlägen ihrer Solokarrieren und dem Pop-Appeal, der einem Halsey-Album grundlegend innewohnt. Pop-Punk ("Easier Than Lying"), rockiger Shoegaze ("You Asked For This") und majestätischer Synth-Pop ("I Am Not A Woman, I'm A God") sind der Kompromiss. Das Endergebnis ist ein oft wunderschönes und intimes Klangbild, dem stets eine subtile Abgründigkeit innewohnt.

Der Film, der das Album begleiten wird, ist noch nicht zu sehen, wodurch sich ein anderer, etwas älterer cineastischer Vergleich aufdrängt. Wie in Dario Argentos "Suspira" die Schönheit Hand in Hand mit dem Dämonischen geht und der vermeintliche Himmel auf Erden zur neonfarbenen Hölle wird, so lädt auch die Instrumentierung von "If I Can't Have Love, I Want Power" den Teufel in die Gemäuer des Schlosses ein, das Halsey auf dem Cover zu regieren scheint. "Whispers" liest sich wie eine inhaltliche Fortsetzung von Nine Inch Nails infernalischen "Mr. Self Destruct". Auf "Lilith" verleihen verzerrte Stimm-Effekte der moralischen Korruption Nachdruck, von der Halsey singt. Auf "The Lighthouse" brechen die dreckigen Gitarren wie Wellen an Halseys Stimme, die in wunderschön-rustikalen Bildern die altbekannte Geschichte einer Sirene erzählt, die unwissende Männer in ihr Verderben stürzt.

Allerdings wäre es falsch, die Lorbeeren nur an Ross und Reznor zu verteilen. "If I Can't Have Love, I Want Power" ist ohne Frage eines der, wenn nicht das bestproduzierte Pop-Album des Jahres, aber gerade auf Songs, auf denen die Produktion der beiden sich mehr und mehr Halseys vergangenen Werken anbiedert und in der Folge unaufregend konventionell ausfällt, wird deutlich, wie weit sich auch Halsey in ausnahmslos allen Belangen weiterentwickelt hat.

Ihr Songwriting hat endgültig nichts mehr mit dem edgy Tumblr-Star von einst gemein und ihre Stimme kam selten so versatil zum Einsatz. Egal, ob sie auf dem rotzigen "Easier Than Lying" ihrer Wut über heulenden Gitarren freien Lauf lässt, auf "Whispers" in ein verheißungsvolles und verführerisches Flüstern verfällt oder auf "The Tradition" ihre obersten Stimmregister auf die Probe stellt: Frangipane gelingt alles mit einer solch spielenden Leichtigkeit, dass man sich wundert, wieso man diese Experimentierfreude auf ihren bisherigen Alben vergebens suchte.

Selbst die schwächsten Momente, wie das etwas zu formelhafte "Honey" oder das ein wenig zu dick aufgetragene "Darling", setzen immer noch absolute Highlights in der bisher sehr durchwachsenen Karriere der Amerikanerin. Was im Umkehrschluss einmal mehr die enorme Dichte an Qualität auf diesem Album attestiert.

"If I Can't Have Love, I Want Power" ist einer dieser seltenen Fälle, in der eine Kollaboration aus beiden Parteien das Beste herausholt. Trent Reznor und Atticus Ross' erster Vorstoß in den Mainstream der Pop-Musik ist ein furioser und erfolgreicher Beweis ihrer Talente, der Halsey wiederum endlich das wagemutige instrumentale Fundament gibt, das ihre Musik bis dato so sehnlichst vermissen ließ. Das Ergebnis ist mindestens das spannendste Pop-Album des Jahres, vielleicht sogar das beste.

Trackliste

  1. 1. The Tradition
  2. 2. Bells In Santa Fe
  3. 3. Easier Than Lying
  4. 4. Lilith
  5. 5. Girl Is A Gun
  6. 6. You Asked For This
  7. 7. Darling
  8. 8. 1121
  9. 9. Honey
  10. 10. Whispers
  11. 11. I Am Not A Woman, I’m A God
  12. 12. The Lighthouse
  13. 13. Ya'aburnee

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7 Kommentare mit 28 Antworten

  • Vor 13 Tagen

    Fand die musikalisch bisher sehr grausam. Reznor kann aber nix verkehrt machen.

    • Vor 13 Tagen

      Doch, kann er. Indem er auf dem Album gefühlt alle alten Samples verwendet, die man von ihm in gleicher Form bereits seit 30 Jahren kennt.

    • Vor 12 Tagen

      Nope, da ist nix Recycletes. Wäre auch sehr seltsam für den autistischen Workaholic-Nerd El Rezzo, weil er so nicht arbeitet. Es klingt ja keine NIN-Platte wie die andere, vor allem in Sachen Produktion.

    • Vor 12 Tagen

      Sorry, ich wusste nicht, dass Du ihm im Studio regelmäßig über die Schulter schaust. Deswegen heißt er für mich auch nur Trent Reznor.

      Ich höre NIN seit '90 und was ich auf diesem Album stellenweise fiepen höre, kann ich ganz easy dem einen oder anderen NIN Album zuordnen.

    • Vor 12 Tagen

      "Nope, da ist nix Recycletes. Wäre auch sehr seltsam für den autistischen Workaholic-Nerd El Rezzo, weil er so nicht arbeitet."

      Also für das Saul Williams Album zumindest hat er tatsächlich unbenutztes The Fragile Material recyclet. :whiz:

    • Vor 12 Tagen

      Es erinnert manches stark an alte Platten, stimmt. Um Samples handelt es sich aber nicht. Ist schon eigenartig, daß Rezzo bei Kollaborationen mit anderen Musikern öfter etwas retrospektiver ist. War bei der Health-Single vor kurzem ja auch schon so. Klar, auf Health hätte man wegen chronischer Langweiligkeit der Band auch verzichten können.

      Aber wenn er für NIN produziert, erschafft er von Veröffentlichung zu Veröffentlichung immer andere, innovative Sound Designs. Obs daran liegt, daß er sich das Spannende für sich selbst aufhebt, oder seine Gäste als Fans auf Retrozeug stehen, kann selbst ich als enger Freund Reznors nicht beantworten.

    • Vor 12 Tagen

      Haha, sehr schön, Gleep! Klar, ist total ungewöhnlich für Musiker, Sachen aus der Schublade zu kramen, die noch nie jemand gehört hat, und die dann zu bearbeiten.

    • Vor 12 Tagen

      Dieser Kommentar wurde vor 12 Tagen durch den Autor entfernt.

    • Vor 12 Tagen

      :???:

      Ja wat denn nu?

    • Vor 12 Tagen

      Einfach nochmal langsam und laut lesen.

    • Vor 12 Tagen

      Na, Recycling isses, wenns schon veröffentlicht wurde. Manche Songs oder Skizzen brauchen sogar 30 Jahre, um neu zu sein. Neu sind sie halt, wenn sie neu be- und verarbeitet werden.

      Hier gings aber um direkte Samples von veröffentlichten Platten. Nicht?

    • Vor 12 Tagen

      Naja, hätte jetzt gedacht, dass es beim "gefühlt alle alten Samples" nicht zwangsläufig um direkte Samples geht und Recycling zumindest im ursprünglichen Sinn ist ja auch kein direktes Wiederverwenden ohne Bearbeitung. Aber nun gut.

    • Vor 12 Tagen

      "Also für das Saul Williams Album zumindest hat er tatsächlich unbenutztes The Fragile Material recyclet."

      Gönn ich ihm unbedingt und uneingeschränkt wenn's so war. The Fragile als Doppel-CD ohne nennenswerte Ausfälle bringen und sogar noch Zeugs übrig haben, was gut genug für ne Endnutzerverwendung durch Saul Williams ist? Ich bitte um etwas mehr Respekt, die Herren!

      Gönn ihm außerdem, dass er damals mit Atticus Ross und ihrer Arbeit für "The Social Network" dick-süßliches Hollywood A-List-Blut geleckt hatte und ausprobieren wollte, wie groß der Fame mit OSTs noch werden kann danach. Und viele der Lorbeeren die ihm/ihnen damit zuflogen kamen sogar berechtigt, imho.

      Seinen "Just for music lovers"-Produktionen u.v.a. NIN hat das mE aber alles nicht so gut getan. Was okay ist, da der Mann als künstlerischen Zenit mehr so ein außerordentlich respektables Plateau über einen anhaltenden Zeitrahmen von 12-15 Jahren zustande brachte.

      Soll er machen was ihn glücklich macht, Platten von ihm die mich glücklich machen gibt's ja schon genug. :)

    • Vor 12 Tagen

      "Klar, auf Health hätte man wegen chronischer Langweiligkeit der Band auch verzichten können."

      Die haben kommerziell gesehen wohl das Pech, dass neben dem tollen Video zu "We are water" Eric Wareheim für weitere Arbeiten erst mal nicht mehr zur Verfügung stand? Erschreckend war das damals, wie wenig Single und auch zugehöriges Album ohne Wareheims bewegte Bilder dazu noch zu reißen vermochten!

    • Vor 12 Tagen

      Finde das übrigens sehr schade, dass Saul Williams hier keine Rezis mehr bekommt. Hab mir die letzten Alben auch nicht mehr groß gegeben, weil die mir zumindest beim ersten Reinhören etwas zu artsy und verkopft klangen. Würde mich aber von einer geschmacklichen Autorität sicherlich noch einmal zu einem zweiten Anlauf bewegen lassen, sollte es das wert sein.

    • Vor 11 Tagen

      Kennt hier zufällig wer "How to destroy Angels", insb. die "Welcome Oblivion" von 2013?

      Fand es nur erwähnenswert, weil natürlich auch Koryphäen wie uns' el Reznodriguez mehr oder minder häufig irgendwo hin müssen um mal die Leichen unauffällig irgendwo anders zu verbuddeln.

      Besonders sympathisch finde ich an diesem überhaupt gar nicht stilvollen oder irgendwie ansprechenden Scheißalbum, dass die Rezzomotive hierfür sogar noch den Flachköpper mit Anlauf in die Klischeekiste mitnahm.
      Es handelt sich nämlich um ein Album allein zu dem Zweck, seine ziemlich uninspiriert und vergessenswert egal daher quäkende Ehefrau Mariqueen Maandig auch irgendwie mit Musik berühmt zu machen und am liebsten (weil einfachsten, so wohl der Gedanke..) natürlich mit der Diätcola-Version seiner seiner Trademark-Reznomania-Soundscapes. Selbst als er Atticus Ross dazu anheuerte konnte oder wollte das generelle Medieninteresse an den beiden dieses maadige Aufmerkamkeitsvakuum um seine anscheinend ganz schrecklich unkreative Ehefrau nicht mit Schönwetterberichterstattung füllen...

      Für Tage an denen Du der falschen Überzeugung anheim zu fallen drohst, Reznovertigo sei so was wie der leibhaftig gewordene Gottkönig Midas unter den irdischen Soundtüftler*innen. ;)

    • Vor 11 Tagen

      Edith: Immerhin den Albentitel hätten sie wohl kaum treffender wählen können. :lol:

    • Vor 11 Tagen

      Die How to Destroy Angels EP fand ich noch ganz ok. Welcome Oblivion ist aber schon ziemliche Grütze.

  • Vor 13 Tagen

    Extrem starkes Album, höre es mit dem Little Simz Album auf und ab.

  • Vor 13 Tagen

    der Titeltrack ist schon echt sehr sehr nice, restliche Album finde ich eher meh