laut.de-Kritik

Erhabene Art Pop-Momente mit therapeutischen Texten.

Review von

Es bleibt dabei: Um den charismatisch klagenden Gesang von Halsey rankt sich spärliche Instrumentierung. Wenn man eine Veränderung heraushören will, sieht sie so aus: Es gibt fast keine Schnörkel, kein Drumherum. "Manic" klingt super-geradlinig. Was sich auf der Vorgänger-CD manchmal, wie in "Devil In Me", mit Beats in Richtung Dance steigerte, spielt nun eine untergeordnete Rolle. Auf "Manic", dem dritten Album, plätschern und pluggen die Begleittöne mit so wenig Input wie nötig um die Vocals herum.

Herausragende Punkte schälen sich nach mehreren Hör-Durchläufen etliche heraus: Ein paar Klaviertupfer und gesangsfreie Stellen in "Forever ... (Is A Long Time)" sorgen für Klassik-Feeling und introspektive Momente, drängen den Hörer, in sich hinein zu fühlen. Stille macht hier nicht kribbelig, sie steigert die Intensität. Als die Stimme wieder auftaucht, scheint sie durch einen Vocoder gezogen, klingt übersteuert, verfremdet, explosiv, fordernd.

Gleich danach quäkt und röhrt Halsey wie Macy Gray in "Dominic's Interlude" auf ein verstimmtes, nostalgisches Sechziger-Piano mit analogem Beatles-Flair und psychedelischer Harmonie-Schräglage. Das chorale Kleinod von einer guten Minute Dauer steckt voller Emotion und macht uns mit dem Akustik-Rap-Singer Dominic Fike bekannt. In Florida geriet er in die Schlagzeilen, als er einen Polizisten verprügelte. Immerhin kann er auch sanft, wie er als Halseys Gast zeigt.

"Dominic's Interlude" leitet geschickt zur Hass-Hymne "I Hate Everybody" über, einer eleganten, reduzierten R'n'B-Ballade inklusive Mitgröl-Hookline. Auch hier umflort scheinbar Sechziger-Jahre-Aufnahmetechnik die Electro-Töne.

Souverän durchläuft Halsey diverse Pop-Schattierungen von Avril Lavigne-Style in "3 A.M." bis zu angedeutetem Cloud-Rap in "Without Me", wobei sie ihren Sprechgesangs-Gesang-Hybrid der Strophen mit zeternd leidenschaftlichem Melodievortrag im Refrain kontrastiert.

Von einer Line zur nächsten mal piepsig oder mal wütend über sich selbst, dann wieder lachend: Halsey vertont jede Emotion. Eine sympathische Lache hat sie, verschmitzt, ironisch, trocken, herzlich und warm. Übergangslos durchwandert sie in der stark verdichteten One Night Stand-Story "929" diverse Gefühlszonen, vermischt Gespräche mit einer Freundin und das Warten auf einen Anruf ihres Dads assoziativ mit einer Promiskuitäts-Analyse. "929" deshalb, weil Halsey am 29.9. geboren und dieser Song sehr persönlich ist.

Dieser Höhe- und Schlusspunkt des Albums gipfelt in Aussagen wie: "I forget half the people who I've got into bed" und "Think, my moral compass is on a vacation / and I can't believe I still feed my fucking temptation / I'm still looking for my salvation." Hier steckt sie, die Manie von "Manic". Das Zupfen der Akustikgitarre reicht dabei völlig.

Andererseits eiern zahlreiche Songs auch ohne innovative Elemente und ohne eine klar fühlbare Stimmung vorbei. "More" klingt überdehnt, allzu lieblich, und langweilig. Auch der Einstieg ins Album strotzt, sogar vier Tracks hindurch, nicht vor Sogkraft. Der Song "Ashley" lässt Halsey zwar zu einem schluchzend-verzweifelten Vortrag in die Höhe gehen, das Outro zwingt zum Hinhören, "Clementine" hat Ohrwurm-Potenzial und "You Should Be Sad" Intensität trotz metallischen Klangs. Aber trotzdem plätschert der Anfang des Albums zu sehr. Co-Autorenschaft von Justin Timberlake ("Without Me") oder Ed Sheeran ("Still Learning") wirken später auf der Platte verwässernd.

So oder so formt "Manic" ein rundes Gesamtgefüge und bietet genügend sehr gute Songs und spritzige Momente. Von Lana Del Rey und Billie Eilish setzt sich Halsey nach wie vor ab und fokussiert sich nicht aufs Sphärische, Wolkige, wie "You Should Be Sad", "3 A.M." und "Alanis' Interlude (ft. Alanis Morissette)" zeigen. Alanis, immer ein Einfluss für sie! An ihrer Seite versprüht Halsey etwas Rotziges. Halsey ist die perfekte Fusion aus Dance-Pop-Zeitgeist und authentischer Songwriterin. Sie packt Kratzer und Kanten formschön in den Pop-Mainstream, ohne sie wegzuradieren.

Trackliste

  1. 1. Ashley
  2. 2. Clementine
  3. 3. Graveyard
  4. 4. You Should Be Sad
  5. 5. Forever ... (Is A Long Time)
  6. 6. Dominic's Interlude
  7. 7. I Hate Everybody
  8. 8. 3 A.M.
  9. 9. Without Me
  10. 10. Finally // Beautiful Stranger
  11. 11. Alanis' Interlude (ft. Alanis Morissette)
  12. 12. Killing Boys
  13. 13. Suga's Interlude (ft. Suga, BTS)
  14. 14. More
  15. 15. Still Learning
  16. 16. 929

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2 Kommentare mit 6 Antworten

  • Vor 2 Monaten

    "Halsey ist die perfekte Fusion aus Dance-Pop-Zeitgeist und authentischer Songwriterin."

    Aber natürlich. Darum hat laut Wiki jeder Song 2-8(!) Ghostwriter.

    • Vor 2 Monaten

      made our day

    • Vor 2 Monaten

      Exakt. Bezeichnend, daß eine Musikredaktion einfach Lügen aus dem Promomaterial übernimmt.

    • Vor 2 Monaten

      Schön, dass ihr Spaß habt. Es steht ja auch im Text, dass einiger Input von Timberlake & Co des Guten zu viel ist, und es eine Mischung ist. Halsey textet viel selbst, die Musik-Samples blähen natürlich die Credits auf, und Promomaterial hatten wir auf mehrmalige Anfrage hin keines.

    • Vor 2 Monaten

      Ach, Halsey darf auf nem Song auch mal ein-zwei Zeilen schreiben? Geil!

      Ist aber ärgerlich, daß sie Euch kein Promozeugs schicken. Glücklicherweise gibts die Texte ja auf der Labelseite, und müssen im Fall eines Produktes wie "Halsey" auch zehn Jahre lang releaseabhängig nicht verändert werden.

    • Vor 2 Monaten

      "Ach, Halsey darf auf nem Song auch mal ein-zwei Zeilen schreiben? Geil!"

      Manchmal denke ich mir, es gehört Selbstbetrug dazu, zu glauben, die Dame hätte im Studio irgendwas zu melden gehabt und sich nicht zu 100% ihrem Management beugen müssen.

    • Vor 2 Monaten

      Natürlich. Es ist absolut pervers, wie viele Produzenten und Autoren jeder Song auf fast jeder modernen Popplatte verschlingt. Und es sind eigentlich immer die Songs, die auch ein 8jähriger schreiben könnte, die das meiste Personal brauchen.

      Und ja. Ich habe mit vielen Produzenten gesprochen. Und sie sagen alle unter vorgehaltener Hand, daß selbst musikalisch renommierte Künstler oft Takes von Produzenten und Gastmusikern einspielen/einsingen lassen, und sie manchmal nicht mal ein Wort zum Song beitragen müssen, um in den Credits zu landen.

      Bei so offensichtlichen Produkten wie Halsey ist es keine Frage, daß die Sängerin höchstens singen darf. Ich bin jedes Mal fasziniert, wie wenigen Leuten das auffällt - auch nicht Kritikern.