laut.de-Kritik

Fulminante Flex-Tiraden von Deutschlands Trap-Queen.

Review von

"Underground World Star. Passion Sounds."

Understatement kennt Haiyti nicht. Deutschlands Trap-Queen zeigt direkt in den ersten Zeilen, was den Hörer in den folgenden 40 Minuten erwartet. Ein Feuerwerk an Club-Bangern, Trap- und Cloudrap vom Feinsten mit abwechslungsreichen Beats und bemerkenswert aggressiv-ansteckender Attitüde. Die Hamburgerin hält mühelos das hohe Niveau vom diesjährigen "City Tarif" und zementiert ihren Ruf als zurzeit interessanteste Rap-Persönlichkeit aus deutschen Landen. "Nightliner" ist so lit wie ein Feuerzeug!

"Kampfhund Im Club" lässt mit einem Bass wie ein schwarzes Loch die Boxen vibrieren. Rapper GPC ergänzt den fiesen Einstieg hervorragend, es entsteht der Flavour eines gewissen Haftbefehl.

Den alles zermalmenden Swag perfektioniert die wilde Ronja auf vorliegendem Mixtape und reißt alle mit. Selten habe ich so viel Energie gepaart mit angriffslustiger Haltung erlebt. "Steig aus dem Nighliner aus und du schenkst ein / Ob wir Freunde werden? Ich glaube, eher nein / Du denkst, ich komm hier nicht rein und ich brech' ein." Diese Zeile steht für das ganze Tape wie keine Zweite. Haiyti sprengt Rap-Grenzen, setzt sich mittenrein und es ist scheißegal. Man sollte sie mit Vorsicht genießen. Wer trotzdem versucht, sich ihr zu nähern, sollte wachsam bleiben: "Fass' mich nicht an, ich hab' die Nine unterm Parka."

In-die-Fresse-Trap-Geballer entfaltet Haiyti an unzähligen Stellen, beispielsweise in "Playboykette", wenn erneut richtig böse Bässe und ein bedrohlicher Beat das Land für ihren direkten und sauberen Flow bestellen: "Playboykette, dieses Mädchen ein Freak / keiner kommt zu mir / doch krieg' überall Drinks." Auch "Geld, Taxis, Hotel" zerstört die Hater mit dicken Trompeten und zanksüchtigen Lines.

Ihr Vortrag mag einige an ihr österreichisches Pendant Why SL Know Plug erinnern, mit dem sie ja schon einige Male kollaboriert hat. Da verwundert es nicht, dass der Boi ihr auf "Halleluja" zur Seite springt. Umringt von Sirenen und verspieltem Trap-Beat spritzt bei den beiden der Schampus, Sizzurp wird gesippt und der Block abgerissen. YSL rappt erstaunlicherweise so sauber und straight wie selten zuvor. Verdorrt das Glo Up-Oberhaupt in schnöder Professionalität? Aber nein, seine Lines strotzen vor englisch-deutschen Mixturen und absurden Metaphern: "Ich komm' im Cabrio und das Autodach hat Down-Syndrom / 50 Riesen in den Jeans und keine Kau-Bonbons." Sheeesh!

Geschickt stellt sich Haiyti beim Tracklisting an, wenn sie zwischen fulminante Flex-Tiraden ruhige Passagen setzt. Sie zeigt auch textliche Varianz, wenn sie wie im melancholischen "Webcamgirl" Online-Dating und Camgirls aufs Korn nimmt oder in "Fiorucci" mit smoothem Vibe über Mode spittet. "Echte Waffen" thematisiert im Gewand des Cloudrap falsche Freunde und wie sie sich trotzdem durchsetzt, denn es gilt: "Meine Bluse is' fresh / alles cool wenn ich flex'."

Zwei großartige 'Balladen' schießt sie nonchalant aus der Hüfte, sich in sie zu verlieben dürfte ein Leichtes sein. In "Globus" verführt Fräulein Zschoche mit gehauchten Lyrics im getragenen Emo-Trap. Selbst extrem kitschige Sprüche nimmt man ihr keineswegs übel, denn sie kommt ja mit dem Rarri: "Wohin sollen wir fahren / ich drehe den Globus und du hältst ihn an / Wohin sollen wir fahren / schließe die Augen und gib mir die Hand." Egal wohin, ich folge dir!

Das grandiose "Mon Cherie" verzückt mit teilweise genuschelten Autotune-Lyrics, einem fröhlichen Boombap-Beat und französischen und englischen Wortspielereien. Joey Bargeld croont dazu leicht verspult: "Mon Cherie, come with me / komm' spazieren gehen, avec moi?" Ein herrlicher Spaß, den beiden zuzuhören. Je suis perdu!

Hätte sich Haiyti die letzten drei Tracks gespart, wären ihr die fünf Punkte sicher gewesen. Extrem schade, dass das Trio überzeugende Ansätze liefert, jedoch den energetischen Flow des Albums nicht mitnimmt. "Crime Life" bietet einen gewissen Pop-Appeal mit lieblicher Melodie, bleibt trotzdem zu süßlich. Das total verdrehte Liebeslied "Fast Verliebt" schafft es nicht über den Trap-Durchschnitt, trotz der naiv-unterhaltsamen Texte: "Er ist ein Ghettoking / aber ich verzeihe ihm / er nimmt zu viele Drogen / er sagt, er hört auf mit allem / ich glaube ihm."

Der Abschluss "Hier" hält die schönsten Sprachbilder bereit: "Wieder was im Tee? / Nase voller Schnee / durchmachen bis morgens? / Dealer-Reifen drehen / Du bist nicht im Leben? / hast auch nichts gesehen / Wir machen die Regeln / Glastische reden." Der dystopische Grundtenor verpufft unnötigerweise in einem seltsam repetitiven Refrain.

"Nightliner" stellt neben "Marmeladé" von Crack Ignaz ein spätes Rap-Highlight 2016 dar, dass mit seiner ungeheuren Wucht und Präsenz niemanden kalt lässt. Haiytis stimmliche Vielfalt ist beeindruckend, schwankt sie von ruhigen Tönen urplötzlich zu übersteuerten Ausbrüchen. Zum voluminösen Sound gesellen sich noch unzählige Adlib-Geschosse (habibi, brrrrah, wooh) und vor jedem Track platzierte Ansagen wie "Official player sounds, uuh. Don't get nervous", die die junge Hamburgerin noch cooler machen, als sie eh schon ist.

"Ich hab' noch nichts vor heute Nacht / und was machst du?" Ich steige jetzt in den Purple Nightliner und drehe noch eine Runde durch Hamburgs Straßen.

Trackliste

  1. 1. Kampfhund Im Club (feat. GPC)
  2. 2. Webcamgirl
  3. 3. Geld, Taxis, Hotel
  4. 4. Fata Morgana (feat. Skinny Voyou Finsta)
  5. 5. Echte Waffen
  6. 6. Playboykette
  7. 7. Mon Cherie (feat. Joey Bargeld)
  8. 8. Globus
  9. 9. Halleluja (feat. Why SL Know Plug)
  10. 10. Fiorucci (feat. Skinny Voyou Finsta)
  11. 11. Crime Life
  12. 12. Fast Verliebt
  13. 13. Hier

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19 Kommentare mit 31 Antworten

  • Vor 2 Jahren

    hm weiß nicht. Irgendwie ist in meinen Ohren dieser cloudy Trapzirkus seelenlos geworden, dreht sich im Kreis. Die Namen werden immer skurriler, erinnern an 2005er h0m€b0yZzZ-Chatschreibe, die Musik klebriger, alles ein Wust an Tönen, die irgendwie zusammenhängen müssen, damit ein käsiger Jungspund in seinem Kinderzimmer möglichst lässig über Hustensaft und Dinero schwadroniert. Die Leichtigkeit, auch im Soundbild geht in dieser breiartigen Umsetzung plus den möglichst gelangweilt wirkenden Vorträgen ziemlich unter. Auch die neuen Sachen von einem Crack Ignaz z.B. nutzen sich schnell ab und wirken genauso banal und öde wie sie vorgetragen werden. Wenn das Ziel das ist, mit möglichst keinem Aufwand irgendeinen Glitzer-Style zu beschwören, sich anzuziehen wie ein Second-hand-Model und mit 10 Euro Scheinen zu wedeln, dann ist die ganze Chose verdammt kurzlebig

    geht jetzt hier auch gar nicht unbedingt um Haiyti, die macht ihre Sache soweit gut, pickt gute Instrus, anhören kann ichs mir aber auf Dauer nicht, weil nervig im Gesamtpaket. Mein Problem

    Denke nur, dass sich das langsam überstrapaziert und sich der Cloud-Rap wieder an dem orientieren sollte, was ihn ausmacht, nämlich sphärische Sounds mit Wucht zu kombinieren und nicht als Sammelbecken für Müslivatter und Dukaten-Olli zu enden

    • Vor 2 Jahren

      so schauts aus. wobei haiyti (auch, wenn ich den namen nur mit mühe tippen kann) echt noch eine der wenigen ist, bei der ich noch verstehe, warum sich das überhaupt jemand anhört. stimmeinsatz is' halt geil. mit dem ganzen rest kann ich eh nix anfangen.

    • Vor 2 Jahren

      Genau auf den Punkt gebracht, leider. Ich setze meine ganzen Hoffnungen aber auf das nächste LGoony-Tape, das ja in absehbarer Zeit erscheinen soll. Dass der sich keine Mühe gibt und und zu viel Halbgares oder Wiedergekäutes rausbringt, kann man ja bisher nicht behaupten.

      Bei Haiyti habe ich gerade mit dem Stimmeinsatz Probleme, jedenfalls bei den 2 oder 3 Songs, die ich bisher kenne. Das bewegt sich irgendwie auf Frequenzen, die mir nicht guttun. :/

  • Vor 2 Jahren

    Einschätzung zu Cloud-Rap teile ich so. Abnutzungserscheinungen auch hier bei Hayiti - nach drei Songs muss ich ausschalten. Vor allem die, in der Rezi hervorgehobenen, Adlibs nerven unheimlich. Globus ist ein Hit, mag den "Emotrap" - Kitschkrieg EP enthielt mMn die besten Songs von ihr.

  • Vor 2 Jahren

    Teile ich auch so. Gangster- und Bling-Bling-Attitüde beginnt zu langweilen, die Features sind überflüssig und die Popversuche nerven bis auf "Globus". Hits fehlen größtenteils. Ihr mit Abstand schwächstes Tape.