laut.de-Kritik

Kopfnicken mit Hirn auf Sparflamme.

Review von

Dreizehn Jahre ließen die Jungs der Hamburg-Köln-Connection ins Land ziehen, ehe sie nun doch noch mit ihrem Debüt um die Ecke kamen. Immerhin noch pünktlich zu den von den Maya prophezeiten Weltuntergang am 21. Dezember. Einen Totalausfall wie die ausgebliebene Apokalypse bietet "210N" - lies: Zion! - nicht. Dass der Rapgott seinen Thron ausgerechnet hier aufzustellen beabsichtigt, bezweifle ich allerdings.

Der einzige MC aus den zahlenmäßig gut besetzten Reihen der HKC, dessen Name bisher den engen Grenzen des eigenen Viertels entkam, lautet Dr. Knarf. "210N" stellt ziemlich eindrucksvoll unter Beweis, warum. Sein spezieller Flow, seine Trittsicherheit und seine gewandte Wortjonglage überstrahlen das gemeinsam mit ihm angetretene Kollegenheer komplett.

Statt seine Kumpels mitzureißen, betont seine Überlegenheit unfreiwillig deren Mittelmaß. "Du weißt doch selbst, dass meine Crew die besten Rapper der Welt hat." Ähem - nein. Um abseits von Kniwos Parts, wie "Direkt Ins All Pt. II" verspricht, "exorbitante Flows" zu finden, bedarf es vermutlich tatsächlich einer ganz ordentlichen Ladung Koks im Blut. Einzig Ichibaba und Hightheme erlangen ein wenig Profil, rappt doch der eine in spanischer, der andere in französischer Zunge.

Stärke erwachse aus der Geschlossenheit, heißt es sinngemäß in "Weg Des Kriegers". "210N" bekommt die Geschlossenheit, in der HKCs viele Mitglieder in den Ring steigen, dagegen weniger gut. Wenn nichts erzählt wird, ziehen sich die viereinhalb, fünf, fünfeinhalb Minuten, die nun mal nötig sind, bis jeder der Beteiligten seinen Senf dazu gegeben hat, zuweilen ganz schön in die Länge.

Wechselnde Sprachen, Stimmfarben und Styles sorgen zwar für Abwechslung, entschädigen aber nicht für das thematische Ödland, als das sich "210N" entpuppt. Man sollte meinen, in dreizehn Jahren Crew-Geschichte habe man zwei, drei Ideen sammeln können, habe sich die eine oder andere erzählenswerte Anekdote zugetragen. Pustekuchen!

HKC beschränken sich auf klassische Representer wie "8 Bars Des Todes" und verbreiten sich - wenigstens nur sparsame zwölf Tracks lang - über die ausgelutschtesten aller ausgelutschten Männerthemen: "Freundschaft" ("heißt für mich Respekt"), den "Weg Des Kriegers" ("Aaah-uh!"-Soldatengrunzen aus "300" selbstredend inklusive) und "Lebe Deinen Traum".

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Loyalität unter Brüdern - egal, ob leiblichen oder im Geiste - ist eine feine Sache. An Durchhalteparolen des Kalibers "Lebe Deinen Traum" ("verfolg' deine Ziele", nämlich, "gib nicht auf") lässt sich so wenig aussetzen wie an ehrlicher Verehrung der Kampfkunst. Um mit derart strapazierten Inhalten allerdings noch eine winzige Wurst vom Teller zu ziehen, müsste man sie schon in außergewöhnlichster Weise aufbereiten.

Die Texte auf "210N" geraten allerdings derart langweilig, dass die Worte beinahe zum Hintergrundrauschen verkommen. Immerhin stören sie so wenig beim Genuss der durch die Bank richtig gut gemachten Beats. Schon unter "8 Bars Des Todes" klimpert, bratzt und scharrt es konfus entlang. Wuchtige Bässe und eine melancholische Melodie mit leise orientalischem Einschlag beteuern die beschworene "Freundschaft".

In "Heb Das Haze Hoch" heißen hallende Synthies im Club willkommen, ehe der Haudraufbeat die Hintertür eintritt. Statt auf das ewige Autotune setzen Knarf und Konsorten lieber, ganz oldschool, auf die klassische Talkbox - so geschehen in "Lass Mich Frei" oder "Wie Eine Schlange". Weniger gelungen: die zum Glück nur hier ("Heb Das Haze Hoch") und da ("Direkt Ins All Pt. II") unternommenen Gesangsversuche in den Hooklines.

Besonders die Tracks, in denen gedrosseltes Tempo regiert, nötigen jedoch geradezu zum geistesabwesenden Mit-Kopfnicken. "Die ganze Energie wird absorbiert." Egal! "Die Nacht ist noch jung und sie tanzt für mich im String." Um solches wirklich angemessen zu würdigen, sollte man das Hirn ohnehin besser auf Sparflamme befeuern.

Trackliste

  1. 1. 8 Bars Des Todes
  2. 2. Freundschaft
  3. 3. 2012
  4. 4. Weg Des Kriegers
  5. 5. Dieses Jahr Ist Meins
  6. 6. Heb Das Haze Hoch
  7. 7. Du Bleibst Draußen
  8. 8. Lass Mich Frei
  9. 9. Willkommen In Meiner City
  10. 10. Lebe Deinen Traum
  11. 11. Direkt Ins All Pt. II
  12. 12. Wie Eine Schlange

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