laut.de-Kritik

Von der kalifornischen Sonne geküsste Melodien.

Review von

Da hinten! Ein Hype! Schnell hinterher! Jagt den lästigen Haken schlagenden Hasen. Wenn wir ihn erst einmal haben, lutschen wir ihn bis auf den letzten Tropfen Aufmerksamkeit aus. Aber Obacht: Beim Hype handelt es sich um ein zwar schnelllebiges aber ebenso gefährliches Tierchen. Es splittet ganze Generationen entzwei. Ebenso ergeht es nun Haim.

Während die einen von schwimmenden und hüpfenden Delphinen in der untergehenden Pazifiksonne schwadronieren, machen sich die anderen über Estes bezauberndes Bassface lustig und finden die Musik uninteressant. Entweder du bist für uns, oder du bist gegen uns. Dabei weiß doch jedes Kind – die eigentliche Bewertung des Outputs liegt allein in der Hand von uns selbsternannten Kritikern, haha. Kleiner Scherz.

Die drei Schwestern vermischen Fleetwood Mac, Aaliyah, Tom Petty, Cyndi Lauper, TLC, Eagles, Michael Jackson, Lana Del Rey, Phil Collins und wirkliche Abscheulichkeiten wie Bananarama, Hanson, Wilson Phillips und Alannah Myles. All diesen Klimbim werfen sie zusammen, kennen also scheinbar keine 'Haimschwelle'.

Doch die drei Frauen mit den Alanis Morissette-Gedächtnisfriesen schaffen es, ihren aus den Singles "Forever", "Don't Save Me", "Falling" und "The Wire" bekannten euphorischen Sound über ihr ganzes Debüt aufrecht zu erhalten. Produziert von Ariel Rechtshaid (Usher, Vampire Weekend, Arctic Monkeys) entstand ein von der kalifornischen Sonne geküsstes Album. Ein Longplayer aus einem Guss, mit funkelnden Melodien, funkenden Bassläufen, ausgefuchstem Harmoniegesang und retroverliebten Soundspielereien.

Ein wenig Enttäuschung macht sich jedoch breit, wenn man bemerkt, dass man fünf der elf Songs bereits von Vorabveröffentlichungen kennt und das dann ausgerechnet "Better Off" fehlt. Weichen Haim von ihrem Paradigma ab, entstehen die spannendsten Stücke auf "Days Are Gone". Allen voran geht das bizarre "My Song 5", in dem uns Haim als Funky Divas via Subbass, verzerrter Gitarre und verschrobenen Vocals ihre wütende und kalte R'n'B-Schulter zeigen. "Go Slow" vermischt Tom Pettys "Don't Come Around Here No More" mit dem Gated Reverb-Schlagzeugsound eines Phil Collins und Haims haareschwingenden Instagram-Charme. "Let Me Go" durchbricht diesen mit einer dreckig-staubigen Wüstengitarren.

"Days Are Gone" schafft einen Wiederspruch in sich. AOR für Halbstarke. YOR für die prickelnden Stunden der Jugend, bei dem jeder Refrain seinen Namen verdient. Dieser Erkenntnis kann das furchterregende Hype-Biest nichts anhaben. Oder einfacher ausgedrückt: Haim liefern gut gemachten und eingängigen Pop, wie ihn uns dessen Vorzeigestars wie Madonna und Lady Gaga seit Jahren verweigern.

Trackliste

  1. 1. Falling
  2. 2. Forever
  3. 3. The Wire
  4. 4. If I Could Change Your Mind
  5. 5. Honey & I
  6. 6. Don't Save Me
  7. 7. Days Are Gone
  8. 8. My Song 5
  9. 9. Go Slow
  10. 10. Let Me Go
  11. 11. Running If You Call My Name

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15 Kommentare mit 5 Antworten

  • Vor 6 Jahren

    Interessantes Album muß ich sagen! Die Songs sind keine Welthits, aber das Arrangement und die Produktion, speziell das Drum-Recording & Editing ist schon brutal stark. Die Stimmen wissen auch zu überzeugen, nicht nur die Hautpstimme. Insgesamt erinnert es mich irgendwie an Kings of Leon in "poppig" mit leichtem 80er Einschlag. Ich find's gut, der HYPE um die Band ist aber auch voll und ganz an mir vorbei gegangen, deshalb bin ich da sehr unvoreingenommen.

  • Vor 6 Jahren

    Sehr lange kein so durchweg gutes, ausfallfreies und abwechslungsreiches Popalbum gehört. Mich "If I Could Change Your Mind" schon arg an eine fröhliche Natasha Khan erinnert. "Let me go" und "My Song 5" sind brilliant.

  • Vor 6 Jahren

    Haim - erfrischend. Hie und da erinnerte mich der Sound an alte Fleedwood Mac. Das 70-Retro-Video zu "If I Could Change Your Mind" habe ich geliebt.