laut.de-Kritik

Die beste Seite am Größenwahn des Axl Rose.

Review von

Der Zylinder, die schwarzen Lockenmähne, die Gibson Les Paul. Das Bandana, die weiße Lederjacke, die Speedos und die Sirenenstimme. Brennende Klaviere, Skandale. Drogen. Rock'n'Roll.

Spätestens jetzt sollte auch bei den gelegentlichsten Freunden von Gitarrenmusik wohl der sprichwörtliche Groschen gefallen sein: Guns N' Roses. Vor 30 Jahren eine der unberechenbarsten Stadienbands, hin und her gerissen zwischen wahlweise Drogen- oder Machteskapaden, nie weiter als einen Mikrofonwurf entfernt von entweder der totalen Destruktion oder aber dem nächsten Rockklassiker, der in die musikgeschichtliche DNA übergeht. Für viele sind die beiden "Use Your Illusion"-Alben, veröffentlicht zugleich am 17. September 1991, das letzte offizielle Lebenszeichen von Guns N' Roses. (Über die Coversammlung "The Spaghetti Incident?" sehen auch wir gern hinweg. Und "Chinese Democracy" wurde zuerst zum Treppenwitz des Legendenabbaus, danach war es einfach jedem, tja, egal.)

Zwei Alben, aufgeteilt als einzelne Veröffentlichungen eigentlich nur, um zwei Plätze in den Charts belegen zu können. Vollgepackt mit den klassischen Gunners-Trademarks von straight-groovenden Rockern, überfliegenden Soli von Guitar Hero Slash und systematisch ausgebautem Songwriting mit längeren Nummern, komplexeren Arrangements und größerer Instrumentierung. Nicht schlecht für das dritte Album einer Band im damals fünften Jahr ihres Bestehens.

Dabei passierte vorher schon Großes. Ende der Achtziger knisterte es in der damals regierenden harten Musikfraktion an der amerikanischen Westküste. Unprätentiöser, direkter Alternativerock aus dem Nordwesten stand vor dem großen Sprung. In der Bay Area von San Francisco bastelten Metallica an ihrer Weltherrschaft. Noch weiter südlich in L.A. stieg die Spannung, was Axl Rose mit seinen Mannen nach dem halben Album "G N'R Lies" als vollwertigen Follow-Up zum Kracher-Debüt in der Tasche hatte.

Doch statt Songs sah man zuallererst Spritzen, Süchte und andere Schwierigkeiten in jener Tasche. Ausgebrannt vom jahrelangen Touren nach ihrem ersten Album, wechselten sich die Gitarristen Izzy Stradlin und Slash samt Drummer Steven Adler mit starken Drogenhabits ab, was wiederum Frontviech Axl immer weniger gefiel. Unterschiedliche Biografien der Personen zeichneten zwar selten eine einheitliche historische Überlieferung, jedoch kann man getrost davon ausgehen, dass es im Jahr 1989 sehr selten vorkam, alle fünf Bandmitglieder nüchtern oder spielfähig im selben Raum anzutreffen.

Drummer Adler war der erste, dem seine über Liebhaberei hinausgehende Nähe zu harten Drogen zum karrieretechnischen Verhängnis wurde. Er musste im Sommer 1990 das Feld räumen, sein schleppender Groove in seiner letzten Show (Farm Aid 1990) noch ein Testament der Überlieferung, dass er den ersten neuen Song "Civil War" im Studio wiederholt nicht aufs Band brachte. Matt Sorum von The Cult füllte mit seinem tighten Maschinengewehr-Stil das Drummer-Loch und sorgte mit Bassist Duff McKagan fortan für ein felsenfeste Rhythm Section. Steven Adler versank allerdings die nächsten 15 Jahre in Depression und Drogen.

Das Überangebot an Songs resultierte aus mehreren Sessions 1989 und Anfang 1990, dazu gesellten sich viele Nummern aus früheren Tagen. Und was da noch im Fundus herumlag, übertrifft aus dem Stand ganze Karrieren anderer Bands: der Terminator-Rocker "You Could Be Mine" rumpelte schon zu "Appetite"-Zeiten herum. Das Mini-Epos "Don't Cry" entsprang der ersten Session, die Izzy und Axl nach der Bandgründung 1985 gemeinsam abhielten. Ebenso existierte der zukünftige Signature Song "November Rain" ebenfalls seit 1986, damals in einer noch ausladenderen 18-Minuten Version. Trotz dieser unterschiedlichen Herkünfte lief es wieder auf diese alles vereinende Chemie zwischen den schlichtweg ikonischen Charakteren von Guns N' Roses hinaus, die daraus diesen unwiderstehlichen Cocktail treibender Rockmusik mischte.

Slashs Liebe zu bewusstseinsverändernden Substanzen wurde nur übertroffen von seiner Innigkeit mit seinen Sechssaitern. Er lieferte eingängige und durchschlagende Riffs am Fließband und hatte irgendwo einen direkten Draht von seiner Les Paul zum Melodiehimmel, für einen überlaufenden Sack voller betörender Gitarrensoli. Welche davon die besten sind, darüber darf man nach Herzenslust fachsimpeln. Der Soloscheinwerfer am Rande der Bühne war nie mehr verdient, als wenn der Lockenkopf seine goldene Les Paul an der Hüfte aufstellt und sich in ungemein musikalischen wie passenden Gitarrenklängen verliert.

Izzy Stradlin brachte den Blues und den Groove dazu, und damit eine gesunde Dosis Rolling Stones. In seinen Nummern "Dust N' Bones", "You Ain't The First", "Double Talkin' Jive" und "14 Years" übernahm er auch kratzig-bodenständige Lead-Vocals, und schaffte damit einen kleinen Kontrast zur Axl Rose-Sirene. Wie sich Izzys Gitarrenspuren in entzaubernder Einfachheit mit Slashs Gitarren verzahnen ist über Kopfhörer für die Mucker oder bei aufgedrehter Anlage für die Fönfrisur immer noch purer Genuss.

Mit Duff McKagan kam die Punkreife und das Low End, auf dem sich die beiden Gitarrenbrüder im Geiste austoben konnten. Der euphorische Rocker "Right Next Door To Hell", der den 30 Song-Reigen mit der Faust ins Gesicht eröffnet, kann davon ein Lied singen; aber auch auf dem rasanten "Perfect Crime", dem unterschätzten "Garden Of Eden" und Axls Musikbiz-Abrechnung "Get In The Ring" trägt Duff sein Nieten-Halsband nicht nur aus ästhetischen Gründen, sondern injiziert rücksichtslose Tritte aufs Gaspedal in die Songs. Da aber in ihm neben dem Schweinerock- auch das Kuschelrock-Herz schlägt, schenkt er hier der Welt "So Fine", eine verzehrende Ballade mit Rocker-Addon, rückblickend eine der fast sträflich übersehenen Songgroßtaten der Gunners.

Axl Rose selbst fand in der Zwischenzeit das Piano und damit auch Gefallen an Queen-Versatzstücken sowie Synthies, um den Sound entsprechend aufzufetten. Das schien nicht in jedermanns Sinne. "I disagreed with the synthies. I still do", reflektierte Slash vor einigen Jahren in einem Rückblick auf die Alben. Da der Sänger sich im Gegensatz zu seinen Bandkameraden aber die Zeit weniger mit Substanzmissbrauch vertrieb, reckte er sich an die Decke des bisherigen Erfolges der Band. Für ihn ging es nur bergauf. Groß, größer, Guns N' Roses. Das war seine Vision, seit er Jahre zuvor als Lausbub aus Indiana in den Dschungel nach L.A. gezogen war.

Nach dem kometenhaften Aufstieg von "Sweet Child O' Mine" verantwortete Rose den Schritt zu großen Powerballaden auch weiterhin. Das sorgte für ein Gegengewicht zu den straighten Rockern, die eigentlich auf "Use Your Illusion" in der Überzahl sind. Und doch mauserte sich die epische Trilogie von "November Rain" und "Don't Cry" und dem letzten Akt "Estranged" mit starker MTV-Schützenhilfe zu den wohl bekanntesten Hits und zum allgemeinen Classic Rock-Kulturgut. Auch 30 Jahre später gelten diese Songs als Blaupausen für ambitionierte, sich immer nach oben windende, in hymnischen Chorus aufgehende Rocksongs, deren Engelschöre mit einem sahnig-kreischenden Gitarrensolo in die Hall of Fame des Rock'n'Rolls begleitet wurden. Darüber streute Axl einmal McCartney ("Live and Let Die") und einmal Dylan ("Knockin' On Heaven's Door"), und fertig war das Single-Quintett, an dem man Anfang der Neunziger nicht vorbeikam.

Hits zur Genüge, davon kann "Use Your Illusion" ein Lied singen. Trotzdem lohnt sich ein näherer Blick auf die zweite Reihe. Der dreckige Shuffle von "Dust N' Bones" zum Beispiel, der sich das Wort "sleazy" ganz breit auf die Brust heften darf. Das Flamenco-Solo von Slash als Outro des düsteren Highways "Double Talkin Jive". Das Intro zu "Bad Apples" geht sogar locker als verlorene "Blood Sugar Sex Magic"-Nummer durch, auch wenn dann die 70er Jahre-Aerosmith mehr als deutlich das Ruder übernehmen. Angelehnt daran muss man den höllischen Groove des hypnotischen "Locomotive"-Riffs erst gewaltsam aus dem Gehörgang schrubben. Und mit dem "Dead Horse" lugt einer von Axls besten Rockern am Ende von "Use Your Illusion I" (der Gelben) hervor. Und, und, und.

Die Krone der Axl'schen Ambition setzt sich allerdings "Coma" auf. Über zehn Minuten lang. Weit davon entfernt, so etwas wie einen Refrain zu haben, und trotzdem völlig fesselnd. Rose reflektiert ausufernd über eine Überdosis-Erfahrung, darunter zimmert Slash ein schlängelndes Riff-Gewitter zusammen. Vor allem die letzten drei Minuten sind ein faszinierender Seelenstriptease, dem in den 90ern leider live kaum Beachtung geschenkt wurde. Ein Fehler, den die Jungs (bzw. mittlerweile Männer; Rose wird bald 60), auf der jüngsten Reunion-Tour endlich behoben haben.

Solche Momente zeigen, dass auf "Use Your Illusion" gespenstisch oft alle Planeten in einer Reihe standen, um den Musikkosmos aus den Angeln zu heben. Selbst die Entscheidung, einfach alles zu veröffentlichen, ermöglichte jedem Gunner, sich den Raum zu nehmen, den er haben wollte. Es sorgte für eine Abwechslung, sei es bei den Lead-Vocals (1x Duff, 4x Izzy) oder bei Flut und Ebbe der musikalischen Stile. Die schiere Arroganz, auf 30 Songs die Qualitäten aufrecht zu erhalten, auf denen ihr Erfolg basierte, musste auch dem größten Kritiker Respekt abringen. Sogar, wenn man einsieht, dass es eine zweite Version von "Don't Cry" und das abschließende "My World" als einzige Nummern aus dem "Use Your Illusion"-Angebot tatsächlich nicht gebraucht hätte. Aber da waren die Risse im Bandkostüm schon längst zu tief.

Jene heftige Symbolwirkung, dass auf dem letzten Song der Alben nur Axl Rose allein mit programmierten Sounds wiederzufinden ist, ist mit 30 Jahren Abstand kaum zu übersehen. Izzy stieg zwei Monate nach Veröffentlichung der Alben aus. Die subsequente, gefeierte Tour voller Skandale manifestierte den Legendenstatus von GnR, zerlegte aber neben ihrer Gesundheit auch die Beziehung zwischen den Musikern. Nach Abschluss der zweijährigen Tour dümpelten sie noch ein paar Jahre herum, bis mit dem Exit von Slash, Duff und Sorum die Version von Guns N' Roses, die diese 30 Songs fabrizierten, endgültig Geschichte war.

"Use Your Illusion" blieb jedoch. Wahnwitzig ambitioniert, und doch funktionierend. Schulter an Schulter stehen Welthits und solche, die es unverdient nicht wurden. Hart treibender Rock'n'Roll, mal bluesig, mal punkig. Einfallsreich balladesk oder gemacht für Festivals. Von einer Band am messerscharfen Grad zwischen Genie und Wahnsinn. Zum Glück für die Musikgeschichte konnten Guns N' Roses hier einmal noch ihre besten Seiten für immer festhalten.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Right Next Door To Hell
  2. 2. Dust N' Bones
  3. 3. Live And Let Die
  4. 4. Don't Cry
  5. 5. Perfect Crime
  6. 6. You Ain't The First
  7. 7. Bad Obsession
  8. 8. Back Off Bitch
  9. 9. Double Talkin' Jive
  10. 10. November Rain
  11. 11. The Garden
  12. 12. Garden of Eden
  13. 13. Don't Damn Me
  14. 14. Bad Apples
  15. 15. Dead Horse
  16. 16. Coma
  17. 17. Civil War
  18. 18. 14 Years
  19. 19. Yesterdays
  20. 20. Knockin' On Heaven's Door
  21. 21. Get In The Ring
  22. 22. Shotgun Blues
  23. 23. Breakdown
  24. 24. Pretty Tied Up
  25. 25. Locomotive
  26. 26. So Fine
  27. 27. Estranged
  28. 28. You Could Be Mine
  29. 29. Don't Cry (Alt. Lyrics)
  30. 30. My World

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8 Kommentare mit 15 Antworten

  • Vor 30 Tagen

    Dieser Kommentar wurde vor 29 Tagen durch den Autor entfernt.

  • Vor 29 Tagen

    Find's bis heute Ironie der Rockgeschichte, dass ausgerechnet das Frontschwein kein Drogenwrack war.

    • Vor 29 Tagen

      Alle Mitglieder leben noch, was für „Drogenwracks“ kann man da schon gewesen sein?

    • Vor 28 Tagen

      naja, auch axl hing an der nadel...

    • Vor 28 Tagen

      und slash hatte mehr als eine herz-attacke und lebt seit jahren mit einem eingebauten defibrilator-herzschritt-macher-dingens in seiner brust...
      und ob steven adler noch lebt oder einfach nur anwesend ist, sei da auch mal so in den raum gestellt... :-)

      ändert nichts daran, dass ich gerade am puzzeln bin...
      use your illusion I & II cover-artwork a 500 teile... :-)

    • Vor 28 Tagen

      Ozzy lebt auch noch. Und der war Anfang der 80er der Prototyp eines Drogenwracks.

    • Vor 28 Tagen

      und keith richards „lebt“ auch immer noch, auch wenn er wie tot aussieht... ;-)

    • Vor 28 Tagen

      Wer's braucht und es sich dazu leisten kann, sein Blut seit den 60ern kumulativ 5-7mal vollständig via Transfusion durch das eines jüngeren und gesünderen Spenderindividuums gleicher Blutgruppe ausgetauscht zu bekommen...

      Frusciante ist dem Hörensagen nach ja ebenfalls großer Fan dieser "Richards-Rochade" und schwört drauf während seiner Selbstverwirklichungsausstiege bei den Peppers.

      Auch wenn der gute Keith inzwischen wirklich aussieht als hätten die Stones das Weitermachen für dessen nächsten Klinikbesuchsfinanzierung tatsächlich bitter nötig. :lol:

    • Vor 25 Tagen

      klar, nicht nur Künstler. Vielleicht gibst noch n kleinen Adreno-Snack für den Jungbrunnen-Kick. je mehr man dazu gehört, desto mehr ist möglich.

  • Vor 18 Tagen

    Für mich sind diese beiden Alben prägend gewesen. Gerade in der Pubertät angekommen, kannte ich ihr Debütalbum "Appetite for Destruction" gar nicht und bin durch "Live and let die" aus dem Radio zu diesen beiden Alben und damit zur Band gekommen.

    Von diesem Zeitpunkt an als damals 12-13jähriger haben mich die beiden Alben und damit die Band gefesselt. Ich war süchtig nach Songs wie Coma, Civil War, November Rain, Locomotion und weiteren.

    Für mich sind beide Alben absolute Meilensteine der Rockmusik und beide Alben unterstreichen die Genialität der Musiker beeindruckend.
    Guns N'Roses wurden und werden oftmals musikalisch unterschätzt, dabei hatten sie gerade auf diesen beiden Alben ihre komplette Breite eindrucksvoll dargestellt.
    Neben den bekannten Songs aus dem Radio beherbergen beide Alben weitere absolut beeindruckende Perlen. Aus meiner Sicht muss man hier Breakdown, Locomotive, Coma, Double talkin' jive oder auch Dead Horse hervorheben.
    Schade, dass die Band sich auf der anschließenden Welttournee, welche ich mir als Video "Live aus Tokio" ohne Ende angeschaut habe, quasi selbstzerstört hat.

    • Vor 17 Tagen

      Wie nett, ein Spaßvogel zu Silvester.

    • Vor 17 Tagen

      Gerade so mit ach und Krach mühevoll drei Absätze durchgehalten, bis dann aber gleich im ersten Satz des 4. Absatz das ganze Spiel hergeschenkt wird und alle Dämme im selben Augenblick brechen...

      ...denn niemand auf diesem Planeten unterschätzt Slash. Hat auch bis heute keiner ernsthaft geschafft das zu tun. Auch diejenigen nicht, die irgendwann einmal mit der erklärten Absicht ihn konsequent unterschätzen zu wollen in die Generaldiskussion eingestiegen sind.

    • Vor 17 Tagen

      Bin eben auch über diesen Satz gestolpert und hatte bisher eher den Eindruck, dass GNR eher überschätzt wurden - damals zumindest. Klar, negativ betrachtet wurden sie in Sachen Zuverlässigkeit und Termineinhaltung bzw. generell einfach alles, das mit gesunder und langfristig stabiler Lebensführung zu tun hat. Auch dort wurden sie mE noch deutlich überschätzt :D.

    • Vor 16 Tagen

      ….. Ich war süchtig nach Songs wie Coma, Civil War, November Rain, Locomotion und weitere…..

      Kylie Minogues Version von Locomotion gefiel mir damals aber deutlich besser.

    • Vor 14 Tagen

      das waren noch zeiten als man auf MTV 3from1 auf VHS gebannt hat...