laut.de-Kritik

Tanzen nach der Post-Apokalypse.

Review von

Ein Remix-Album klingt in Theorie meistens ein bisschen cooler als in Praxis. Das hat nicht nur das Blessed Madonna-Remix-Album zu Dua Lipas "Future Nostalgia" jüngst gezeigt, auch die Neuauflage von Grimes "Miss Anthropocene" überschreitet als Summe nicht das Ganze ihrer Teile. In einer Ansammlung kleinerer und großer DJ-Projekte wurde zwar das ästhetische Fundament von Bouchers Postapokalypse-Oper kompetent aufgeschraubt und neu zusammengesetzt. Die Rave-Edition berührt aber nur selten die Hochpunkte des Originals und fällt in viel uninspiriertere Tiefen. 

So passiert es eben, wenn Gott und die Welt für je einen Song rekrutiert wird. Fast jede Neuauflage kommt in recht ähnlicher Struktur daher: Zuerst spielt der Gast-DJ sein jeweiliges Subgenre, meist in einer recht perkussiven und reduzierten Manier, bis nach ein bisschen Techno-Geschrammel irgendwann Versatzstücke aus den Originalsongs hinter den Bass-Wänden einsetzen. Die Klänge und Vocals von "Miss Anthropocene" fungieren über große Strecken vor allem als Kolorit. Das hat den Vorteil, dass auch dieses Projekt ästhetisch und klanglich kohärent abläuft. Es hat aber auch den ironischen Nachteil, dass die Groove-Vielfalt leidet. War es doch gerade eine Stärke von fast jedem Grimes-Album, sich über die Laufzeit an radikal verschiedenen Texturen und Grooves abzuarbeiten, schlägt hier der EDM-Einheitsbrei doch mehr als ein paar mal zu. 

Was nicht heißt, dass manche Neuinterpretationen nicht wunderbar funktionieren. Die beiden Einsteiger machen sogar richtig Hoffnung: Der modulare Techno-Minimalismus auf Opener "So Heavy I Fell Through The Earth" von ANNA findet eine beeindruckende Synergie zwischen den jetzt tragenden Kick-Pattern und den industriellen Synthesizern und Sounds des Originals. Der Industrial-Einschlag wird zum gemeinsamen Nenner, und der atmosphärisch-reduzierte Originaltrack darf sich als der Banger ausleben, der er genauso gut hätte sein können. Genauso verhält es sich mit "Darkseid", das von Detroit Techno-Veteran Richie Hawtin beeindruckend tanzbar herausgeputzt wurde. War der Fokus der Pan Wei-Ju-Kollaboration bis dato eher die düstere Stimmung und die surrealen Vocal-Texturen der Protagonisten, wird der Song durch einen beeindruckenden, psychedelischen Synth-Build-Up zu ganz neuer Dringlichkeit arrangiert. 

Leider funktionieren nur wenige Remixes so ergänzend. Oftmals bleibt der Eindruck, dass hier ein DJ starrsinnig sein eigenes Ding gemacht und dann erst danach darüber nachgedacht hat, wo jetzt noch Platz für ein Grimes-Sample sein könnte. Oft ergibt das solide, aber uninspirierte Okay-Nummern, zum Beispiel wenn auf "Violence" der kürzlich verstorbene i_O durch Labekollegin Rezz ersetzt wird. Mag sein, dass deren 808-Böden ein bisschen deftiger scheppern, dafür geht aber die das Original auszeichnende Smoothness flöten. Letzten Endes wurde hier ein perfekt intakter EDM-Banger durch einen etwas generischeren EDM-Banger ersetzt. Auch die Zusammenarbeit zwischen Grimes und den Berliner Techno-Großmeistern Modeselektor hätte spannender geraten müssen: Stattdessen beraubt die Formation "IDORU" seiner originalen Kawaii-Edge und bügelt den Song zu erwartbarem, immerhin das Album harmonisch abschließendem IDM-Geratter herunter. 

Zuletzt bleiben Nummern, auf denen der Synergie-Effekt gänzlich ausbleibt. Zum Beispiel das eigentlich emotionale und melodramatische "New Gods", das in den Händen des italienischen Duos Tale Of Us zu einem generischen Minimal-Cut mit recht schmucklosen Melodien verkommt. Auch der eigentlich sonst so talentierte Channel Tres nimmt das Balladen-Highlight "Delete Forever" und strickt daraus einen House-Song, dem man vor dem inneren Auge schon dudeln sieht, während Bilder von trainierenden Menschen in tropischen Resorts über die McFit-Bildschirme flimmern. Einen so eindringlichen Song so generisch zu verramschen stellt die generelle Kurations-Sorgfalt in Frage. Aber nichts wirft Fragen auf wie der zehnminütige "My Name Is Dark"-Remix, der für dreißig Sekunden schon nicht genug interessante Ideen gehabt hätte. Dieser nicht enden wollende Tomorrowland-Wühltisch-Stand wird nur dann frustrierender, wenn man sich erinnert, wie hart das Original hier von selbst gegangen wäre - und dass man es in der selben Zeit zweieinhalb mal hätte hören können. 

Die Ausbeute dieses Remix-Albums bleibt also mehr als gemischt. Es gibt die Momente, in denen andere Facetten aus den Original-Songs poliert wurden, die sowohl als Neu-Interpretation wie auch als eigener Song perfekt für sich stehen. Dagegen steht aber ein ganzer Haufen anonymer Filler, dem es nicht nur an Idee und Wagemut gefehlt hat, sondern spürbar auch an Muse, sich mit dem Ausgangsmaterial zu beschäftigen. Die Rave-Edition von "Miss Anthropocene" mag ein solides Begleitstück für das Album sein, aber in ihrer Adaption von dessen Ästhetik stellt es auch eine Verflachung dar. Sie ist homogener, unkreativer und in jeder Hinsicht weniger aufregend als ihr Original. Es funktioniert als Nachschlag, falls man noch nicht satt geworden ist, aber nicht, falls man den Geschmack vermisst. 

Trackliste

  1. 1. So Heavy I Fell Through The Earth (ANNA Remix)
  2. 2. Darkseid (Richie Hawtin Remix)
  3. 3. Delete Forever (Channel Tres Remix)
  4. 4. Violence (REZZ Remix)
  5. 5. 4AEM
  6. 6. New Gods (Tale Of Us & Ame Remix)
  7. 7. My Name Is Dark (Julien Bracht Remix)
  8. 8. You'll Miss Me When I'm Not Around (Things You Say Remix)
  9. 9. Before The Fever
  10. 10. IDORU (Modeselektor Remix)
  11. 11. We Appreciate Power (BloodPop Remix)

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3 Kommentare mit 3 Antworten

  • Vor einem Monat

    Dieser Kommentar wurde vor einem Monat durch den Autor entfernt.

  • Vor einem Monat

    "Tanzen NACH der Post-Apokalypse"...das sagt ja schon einiges aus. Ist der Autor auch so jemand der zuhause so viele WLan-Kabel rumliegen hat und mit seinen Freunden in netter Runde von der zukünftigen Zukunft philosophiert? Möglicherweise fallen dann auch gerne mal Sätze wie:" Ach wisst ihr noch damals? Also früher vor der Vergangenheit, wie das war?"

    Musste schmunzeln, aber schön, wenn man den Autor genau wie die Musik nicht ernst nehmen kann.

  • Vor einem Monat

    lol ich hab mich jetzt durch vier Grimes Remixe und ein Musikvideo geskippt.. WTF. xD Ich hab ja nichts gegen Kunst und so.. aber wer hört sich diese Chipmunk Dame freiwillig an?! ^^""