7. September 2015

"Der Mensch ist ein Herdentier"

Interview geführt von

Ghost sind viel mehr als eine Band. Papa Emeritus und seine namenlosen Ghouls sind eine Erscheinung in der Musikwelt.

Tolle Songs treffen großes Theater. Doch philosophisch steckt bei den Schweden noch viel dahinter als man ahnt. Am Telefon bietet eine der namenlosen Kreaturen vielfältiges Themen-Ghoulasch und erzählt u.a. vom täglichen Ärger mit religiösen Fanatikern und überforderten Medien.

Das Album strotzt nur so vor positivem Eklektizismus. In gewisser Weise genau die Platte, die man sich seit langem von Blue Öyster Cult wünscht ...

Zum positiven Eklektizismus - wenn du so sagen willst - kann ich natürlich nur 'Ja' sagen. Insgesamt haben wir in der Band eine große Bandbreite verschiedener Einflüsse. Manches von dem, was wir hören, ist extrem innovativer, unbekannter und progressiver Underground. Anderes kommt aus der Abteilung der Rockklassiker etc. Deshalb klingt einiges von uns extrem eklektisch. Aber nicht alles!

Wir wollen das Menü immer extrem attraktiv gestalten. Das bedeutet für uns: Wir können es nicht lediglich extrem eingängig gestalten. Aber andererseits eben auch nicht total anspruchsvoll oder zu schräg. Man muss eintauchen können. Die richtige Mischung ist uns besonders wichtig. Wir wollen immer mit enthusiastischer und dramaturgischer Musik eben solche Emotion wecken.

Deshalb kommt es uns auch immer darauf an, dass ein Song sich gut anfühlt, wenn wir ihn live spielen. Wer unsere Konzerte besucht, soll sich davon angezogen fühlen. Er oder sie soll den Drang verspüren, sich dazu zu bewegen oder gebannt zu stehen.

Deshalb klingen die Details so effektiv und liebevoll eingefügt. Ich mag besonders eure niedliche Blutorgel zwischendrin und den Chor am Ende. Letzteres ist hoffentlich echt und kein Sample.

Oh nein, der ist natürlich echt. Ein echter Chor mit original von uns geschriebener Musik!

Eure dunkel-poetischen Texte sagen mir, ihr Ghouls seid mehr bei Lovecraft als bei Splatter zu Hause.

(Lacht) Oh ja, das kann man definitiv sagen. Natürlich halten wir unsere Texte für individuell und eigenständig. Aber dieses Feeling, als stammten sie vom Ende des 19. Jahrhunderts ist uns ästhetisch schon sehr wichtig. Das ist als Stilmittel jedoch nur tendenziell möglich. Natürlich klingen wir nicht authentisch wie die Menschen damals. Muss auch nicht sein. Es ist eine Art roter Faden, der sich durch die Worte zieht. Da gibt es auch einen Unterschied zum letzten Album. Dort waren die Texte mehr in der Art des 17. Jahrhunderts und sehr barock, sehr aristokratisch verfasst.

Nun gebt ihr euch so viel Mühe, diese facettenreiche Kunst zu machen. Das versteht anscheinend nicht jeder. Gab es tatsächlich gewaltsame Ausschreitungen von konservativ-religiösen Aktivisten bei euren Konzerten?

Vielleicht ist 'gewaltsam' als Wort etwas zu stark. Doch es stimmt, derartiges gab es bei einigen Veranstaltungen in Amerika. Es gab Protestler mit Schildern vor der Tür, Petitionen und Unterschriftenlisten gegen uns und solches Zeug. Wir selbst bekommen so etwas ja immer nur hinterher mit. Zuletzt passierte es jedoch wirklich oft. Es gibt auch nicht wenig unfreundliche Emails oder Leute, die beim Tourbus auf uns warten. Letztere sind aber nicht immer negativ. Es gibt auch einige die sagen: "Hey, ein Freund hat mich eingeladen. Und ich wollte erst nicht, weil ich als Christ keinen Satanistenscheiß unterstütze. Aber jetzt habe ich die tolle Show gesehen und meine Meinung über euch geändert."

Deshalb muss ich immer wieder sagen: Es gibt viele Sachen in unserem Tun - den Lyrics und der Show - die man einfach nicht komplett wörtlich nehmen sollte.

Ist das nicht total ermüdend, so was immer wieder sagen zu müssen? Leute wie John Carpenter oder Stephen King werden ob ihres Schaffens nie verdächtigt, Satanisten oder ähnliches zu sein.

Natürlich ist das manchmal ermüdend. Allein schon in vielen, vielen Interviews muss ich mich für die Band auf diese Weise rechtfertigen und dauernd das Offensichtliche erklären. Dabei ist es auch ohne Erklärung so einfach, zumindest halbwegs zu verstehen, dass Ghost ein Teil der Welt des Theaters sind. Wir sind eine Rockband und keine Aktivisten oder Propheten.

Das bringt mich zu jenem Punkt, an dem es mit den Medien oft anstrengend wird. Damit meine ich selbstverständlich nicht die Musikmagazine. Letztere sind fast immer sehr offen, gut informiert, verständig in Bezug auf den kulturellen Zusammenhang und bereit, mitzuspielen. Aber in der Konversation mit allgemeineren Medien wie Tageszeitungen, Lifestyle-Blättern, TV etc ist das Missverständnis schon durch deren oft verfehlte Herangehensweise vorprogrammiert. Das fängt schon damit an, dass viele am Boden zerstört sind und negativ reagieren, weil sie nicht mit Papa Emeritus sprechen können. Natürlich habe ich auch Verständnis dafür, dass man als Journalist mit dem Frontman reden möchte. Aber der ist hier doch eine Kunstfigur, die es nur auf der Bühne gibt. Wenn demnächst der neue Star Wars-Film anläuft fragt man doch auch nicht nach einem Interview mit Han Solo.

Beim guten Papa geht ohnehin einiges durcheinander. Ihr gebt kein eindeutiges Bild, ob nur die Kunstfigur wechselt - mittlerweile sind wir ja bei Emeritus III - oder auch der Sänger. Die Vocals klingen ja von A bis Z recht ähnlich, um es mal vorsichtig zu sagen.

(Lacht schelmisch) Ja, das ist Teil des Spiels. Ich kann deshalb nur indirekt sagen: Von Anfang an war es Teil des liturgischen Konzeptes, die Kunstfigur analog zu den Linien der Päpste rotieren zu lassen. Das ist ein Symbol für die verschiedenen Ären. Eine gewisse stimmliche Kontinuität ist uns aber genau so wichtig.

Ihr seid Ghouls, habt einen dunklen Dämonenpapst am Start. Dann kann euer Produzent nur der Teufel sein. Euer Klas Åhlund hat schon Songs für Britney, Kesha und Madonna geschrieben. So jemand muss doch Satan sein.

(Lacht, dann staubtrocken:) Vor der Arbeit mit uns hat er in der Tat einige wirklich teuflische Projekte gemacht.

Da sind die Szenen bei euch in Skandinavien wirklich offener als hierzulande. Bei euch kann der Pop-Typ lässig mit dem Metaller oder Jazzer zusammenarbeiten. Alles nicht so schubladisiert.

Das kommt wohl daher, weil alles kleiner ist und enger zusammenliegt. Sogar unser Stockholm ist deutlich kleiner als die meisten Großstädte in Deutschland. Bei uns tendieren die Leute weniger zum Polarisieren. Sie kreuzen gern die Wege. Ich versteh schon, dass man das auch irgendwie merkwürdig finden kann. Aber vom schwedischen Blickwinkel aus, ist so was ganz normal.

"Zu Beginn wollten wir eine Horror-Schockband sein"

Man hört, ihr habt ein Leonard Cohen-Cover geplant. Warum ist das nicht auf der Platte gelandet?

Als wir ins Studio gingen, waren wir sehr oldschoolmäßig drauf. Alles sollte auch auf das alte, klassische Vinyl passen. Da war einfach nicht mehr genug Platz, ohne die Tonqualität zu schmälern. Also mussten wir einen Song herausnehmen. Man muss die Platte atmen lassen. Deshalb haben wir uns gegen alle Coverversionen entschieden. Aber die sind ja nicht fort. Es wird sie bestimmt zu einem späteren Zeitpunkt geben.

Die Cover spielen derzeit auch keine so große Rolle wie zu Beginn von Ghost. Am Anfang brauchten wir sie, weil wir sehr früh Headliner wurden und es noch nicht genug eigene Songs gab. Jetzt können wir endlich genug eigene Sachen spielen. Deshalb warten wir ein wenig mit dem Cohen-Cover. Der nächste Frühling könnte passen.

Zu Beginn von "Majesty" erinnert mich die Gitarre ein wenig an Iron Maiden. Ist die NWOBHM einer eurer präsenten Einflüsse?

In meinem Leben schon. Britischer Metal und Hardrock war immer ein wichtiger Teil davon. Mein älterer Bruder hat das oft gehört. Darüber kam ich dazu. In den allerersten Tagen der Ghost-Startphase waren wir recht ambitionslos. Das änderte sich schnell. Aber zu Beginn sollte unser Rezept eine Art Horror-Schockband sein. Etwas Angelwitch und Demon als eine Band, die aussieht wie Death SS oder Alice Cooper. Insofern passt dein Vergleich mit dieser 80er Atmosphäre der NWOBH schon.

"Es gibt eine starke Sehnsucht nach Autorität"

Was die Texte des aktuellen Albums betrifft - etwa bei "Mummy Dust" oder "Deus In Absentia" - scheint die konstante Abwesenheit einer göttlichen Instanz philosophisches Hauptthema zu sein. Steckt darin auch bewusste Religionskritik?

Wir haben missionarisch-lineare und dogmatische Formen der Religion von Beginn an kritisiert. Sie haben der Welt und den Menschen zu viel extreme Traumata gebracht. Deshalb gibt es immer diesen Konflikt zwischen rein religiösen und nicht religiösen Sichtweisen. Auch darüber, wie und wo wir als menschliche Spezies verwurzelt oder gefesselt sind. Der Mensch ist doch mehrheitlich ein Herdentier. Als solches kann nicht jeder seine individuellen Führer oder Leitfiguren haben. Bei diesem Mangel an Individualismus und dem ausgeprägten Sinn für den Glauben an Mythen und Magie gehen die Probleme ja schon los.

Dazu muss ich dir erklären, dass ich kein reiner Atheist bin. Die intellektuelle Seite in mir weiß jedoch, dass es ein großes Risiko ist, unseren Sinn für übergeordnete Mächte dafür zu nutzen, den freien Willen lediglich zum fiktiven Fragment unserer Einbildung zu reduzieren.

Und deshalb trennt ihr in der Ghost-Story so deutlich zwischen irdischer und überirdischer Welt?

Ja genau! Das war immer eine meiner größten Interessen im Leben. Vom historischen, kulturellen und psychologischen Blickwinkel betrachtet, ist jede Form der Religion hochinteressant. Nicht nur die negativen Seiten. Für die Kunst ist sie dann natürlich sogar extrem interessant. Ich wünschte mir nur, die Religionen würden sich selbst auch mehr aus historischer und kultureller Sicht verstehen, statt aus Fanatismus und Terror, die nur Angst und Schrecken verbreiten.

Es ist doch auch merkwürdig, dass in unserer modernen, westlichen Welt die Befreiung von kirchlicher Autorität und das weitgehend säkulare Leben nicht zu größerer Zufriedenheit geführt haben. Ich sage nicht - um auf deine Frage zurück zu kommen - es liege alles an der Abwesenheit von Gott. Aber es gibt tendenziell eine verstärkte, merkwürdige Sehnsucht nach Autorität, einer dogmatischen Maschine, die den Weg vorgibt. Das ist doch wirklich der Gipfel der Ironie in der Entwicklung. Vor allem den Männern scheint etwas zu fehlen, seit sie ihre Frauen und Kinder nicht mehr vor Bären verteidigen müssen. Wir sind biologisch anscheinend nicht so weit vom Höhlenmenschen entfernt, wie wir dachten. Und schon gar nicht von den Menschen, die vor 2.000 Jahren lebten. Ich für meinen Teil glaube trotzdem weiterhin an das Individuum und die Überwindung des Grabens zwischen dem, was wir sind und dem, was wir sein könnten.

Wo du gerade die eigene Spezies erwähnst: Ihr seid Ghouls. Warum ausgerechnet diese Wahl? Es gibt in den Horrorcharts den sexy Vampir, den animalischen Werwolf oder den Zombie. Die rangieren doch popkulturell allesamt über den Ghouls.

(Lacht) Ach, das wirklich eine ganz und gar spontane Entscheidung. Das fühlte sich irgendwie gut an. Und wir rechneten dabei auch nicht mit der Langlebigkeit und dem Erfolg unserer Karriere als Ghost. Der Ghoul hat uns einfach erobert und infiziert.

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3 Kommentare mit 10 Antworten

  • Vor 5 Jahren

    Ein sehr schönes Interview Herr Kubanke, aber warum so kurz?

    • Vor 5 Jahren

      das täuscht. man hat bei einer derart begehrten band, die an solchen tagen locker 2 dutzend interviews macht, immer nur einen begrenzten zeitrahmen zur verfügung.
      und der ghoul war bei seinen antworten äußerst bedächtig und nahm sich zeit für die wahl seiner worte. dafür sind diese aber auch gestochen scharf, druckreif und extrem präzise geworden.
      insofern ist die lesegeschwindigkeit einfach schneller als die tatsächliche zeitdauer.

    • Vor 5 Jahren

      Es war auch nicht als Kritik gemeint, und dass mit der großen Nachfrage bezüglich Inerviews mit Ghost hab ich mir auch gedacht, es war bloß so angenehm von einer Rockband mal wieder solche durchdachten Antworten zu hören, gestellt von einem Interviewer, der sich nicht nur an den Masken aufhängt und darüber sinniert, wer dahinter steckt. Deswegen hätte ich gerne mehr gelesen.

    • Vor 5 Jahren

      hab ich auch nicht so aufgefasst. :) dank dir

    • Vor 5 Jahren

      War klar, dass sowas dem satanic Ossi gefällt...

    • Vor 5 Jahren

      Du kennst mich halt zu gut. Hoffe es geht gut.

  • Vor 5 Jahren

    Ich versteh einfach nicht, was man an dieser Kaspertruppe gut finden kann. Das ist jämmerlicher 70er-Hippierock, so okkult wie erzgebirgische Tannenduft-Räucherkerzchen, atmosphärisch wie 'ne Fahrt in einer Kirmes-Geisterbahn und finster wie ein Sonnenbad. Der Hype erinnert mich irgendwie an "Des Kaisers neue Kleider": Das ist gar nichts, aber alle meinen was sehen zu müssen. Und wenn dann doch mal jemand sagt dass da nichts ist, wälzt man sich genüsslich im Gefühl, in all seiner verschwurbelten Geheimnisvollität eben "nicht von jedem verstanden" zu werden. Schuhuuuuu! ;-)

  • Vor 5 Jahren

    Ich bin via Google zu euch gekommen. Dem Beitrag ist nur voll und ganz zuzustimmen :P