laut.de-Kritik

Wenn schon eine Stimme aus dem Grab, dann gerne Gurus.

Review von

Der instinktive Verdacht der Leichenfledderei, der drängt sich schon erst einmal auf. Wenn der eine tot ist und der andere unter dem gemeinsamen Gruppennamen veröffentlicht, mit Tonaufnahmen eines MC, der sich nicht mehr wehren kann – uff. Zweifelhafte Erinnerungen an Biggies oder ODBs Nachlassverwaltung kriechen ihren Weg aus dem Hinterkopf, erst recht, da Preemo und Guru schon seit 2003 nicht mehr miteinander arbeiteten oder auch nur sprachen. Zumal ein komplizierter und unappetitlicher Rechtsstreit mit Solar, der die Tracks auch mit Guru aufnahm, das Zustandekommen von "One Of The Best Yet" lange behinderte.

Allerdings heißt der Überlebende in diesem Fall immerhin DJ Premier, und auch wenn seine Verkaufszahlen nicht Westsche oder Drakesche Dimensionen erreichen, hat der gute Mann genug Eisen im Feuer, um nicht auf einen verzweifelten Release seiner alten Combo Gang Starr angewiesen zu sein.

Die erste Single "Family and Loyalty" fühlt sich für die meisten Gang Starr-Fans vermutlich an wie das Nachhausekommen in ein vertrautes Heim mit heißer Schokolade auf dem Tisch und einer vorgewärmten Decke auf dem Sessel. Preemo zeigt mit Boom Bap und Streichersamples auf, dass seine Produktion genau dort weitermacht, wo das letzte Album "The Ownerz", das 2003 schon aus der Zeit gefallen wirkte, aufgehört hat.

Dieses vertraute Gefühl setzt sich quer durchs Album fort, die zweite Single "Bad Name" basiert auf einer simplen Struktur mit einfachem Sample und übersichtlichen Beats und wäre im Jahr 1997 keinesfalls als seiner Zeit voraus oder auch nur ungewöhnlich aufgenommen worden.

Rasch wird deutlich, dass Songs wie "From A Distance" oder "Business Or Art" produziert wurden, um Gurus Parts einen Rahmen und Raum zu geben. Das geschieht zwar auf handwerklich bemerkenswert hohem Niveau, aber mit allen Stärken und Schwächen dieses devoten Ansatzes. Bei einem so technisch ausgefeiltem, aber stimmlich monotonen Rapper wie Guru fallen diese vielleicht noch stärker ins Gewicht, da die maßgeschneiderte Produktion gelegentlich hörbar nach einer Hommage klingt statt nach einem künstlerischen Dialog.

Den Platz, den Guru bekommt, nutzen seine Parts nämlich oft nicht. Wen wundert es, wer weiß, was der zur Überproduktion neigende Solar für Beats dafür vorgesehen hatte? Keine Überraschung, dass M.O.P. mit ihrer Aggression einen der stärksten Kontrapunkte auf dem Album setzen, indem sie eben diesen Raum in Preemos zurückhaltender Produktion für sich reklamieren und ihr "Lights Out" qualitativ hervorsticht.

Preemo hat hier auf Nummer sicher gespielt, an der Diagnose führt kein Weg vorbei. Die immer selben, schalen Streichersamples waren in den 90ern vielleicht eine Notwendigkeit, auf Sony-Walkman-Kopfhörern klangen die aber weniger störend als heute. Er macht hier einen formell sonst überaus sauberen Job, aber Gang Starr standen doch eigentlich für Dynamik, für die Öffnung von Rap hin zum Jazz. Dass dieses unzweifelhaft bis heute nachwirkende Erbe nicht nur nicht fortgeführt, sondern an den Reglern zurückgedreht wird, ist eine verpasste Gelegenheit.

"Wos is, wann nix is?", fragte schon ein kluger Austropopper im Angesicht von Gevatter Tod, und worum soll sich ein Rapalbum inhaltlich drehen, dessen maßgebliche Parts in den 00er-Jahren aufgenommen wurden? Zwar waren Gurus Verse natürlich in Stein gemeißelt, aber Preemo hätte über die Features der Weg offen gestanden, auch Brüche im Text zu setzen. Er verzichtete darauf und setzte außer dem etwas zu ehrerbietigen J. Cole und die hier besser liefernde Nitty Scotty exklusiv auf langjährige Weggefährten. "Get Together" und "Bring It Back Here" setzen so auf Gurus zeitlose Themen Beziehungen, Freundschaften und Plattenindustrie / namenlose andere Rapper.

Das funktioniert zu einem Gutteil, weil Guru als Texter geschickt Plattitüden meidet. Obskur und unfreiwillig komisch scheint es trotzdem, wenn ein seit mehreren Jahren toter Rapper auf "Bad Name" darüber sinniert, dass das junge Rapgemüse nicht so old school ist wie er.

Die sehr bewusst wirkende Rücknahme von DJ Premier hat den positiven Effekt, dass das Album kohärent und mit unter 40 Minuten knackig bleibt. Auch wenn einzelnen Tracks gefühlt ein Part fehlt oder sie mehr inhaltlichen Feinschliff vertragen hätten, wird das Werk so zu mehr als der Summe seiner Teile.

Der große Verdienst Preemos, aus Schnipseln ein zusammenhängendes Etwas gemacht zu haben, trägt ganz wesentlich dazu bei, dass "One Of The Best Yet" einen würdigen Schlusspunkt für Gang Starr bildet. Losgelöst von den besonderen Umständen um den Release bleibt ein gutes Rapalbum, ein verklärendes Fenster in 90er-Hip Hop, und wer schaut da nicht gerne mal durch? Für höhere Weihen fehlt es aber am Willen, weniger safe zu spielen.

Trackliste

  1. 1. The Sure Shot (Intro)
  2. 2. Lights Out f. M.O.P.
  3. 3. Bad Name
  4. 4. Hit Man f. Q-Tip
  5. 5. What's Real f. Group Home & Royce Da 5'9
  6. 6. Keith Casim Elam (Interlude)
  7. 7. From A Distance f. Jeru The Damaja
  8. 8. Family and Loyalty f. J. Cole
  9. 9. Get Together f. Ne-Yo & Nitty Scott
  10. 10. NYGz/GS 183rd (Interlude)
  11. 11. So Many Rappers
  12. 12. Business Or Art f. Talib Kweli
  13. 13. Bring It Back Here
  14. 14. One Of The Best Yet (Big Shug Interlude)
  15. 15. Take Flight (Militia Pt. 4) f. Big Shug & Freddie Foxxx
  16. 16. Bless The Mic

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