laut.de-Kritik

Idee türmt sich auf Idee.

Review von

"Was passiert schon in einer Minute?" Nun, bei Fynn Kliemann sehr, sehr viel. Beim norddeutschen Hansel türmt sich Idee auf Idee, andauernd kommt etwas Neues dazu. Seit vier Jahren baut er zusammen mit dem NDR das "Kliemannsland", restauriert mit Olli Schulz das Hausboot von Gunter Gabriel oder baut einen Hühnerstall für den eigenen Garten. All diese Unterfangen landen am Ende ungefiltert in der Kamera, ohne doppelten Boden, dafür mit norddeutscher Schnauze, Spaß und einer großen Portion Improvisation.

Nach diesem Prinzip funktioniert auch "Pop", das zweite Album aus seiner Feder. Der Vorgänger "Nie" stieß 2018 auf mehr als offene Ohren. Kliemanns raue, einnehmende Stimme, gepaart mit allerlei Soundspielereien auf einem soliden Piano-Fundament, erwies sich als gelungene Bereicherung des deutschsprachigen Alternative-Pops. Daran knüpft "Pop" nun nahtlos an.

Die Parallelen zwischen den Alben sind unübersehbar. "Schmeiss Mein Leben Auf Den Müll" ist der inhaltliche Zwilling zu "Bau Mich Auseinander". Wieder singt Kliemann von der Phantasie, die eigene Existenz zu dekonstruieren. Der Unterschied besteht lediglich in der Auflösung. "BMA" hatte einen klaren Adressaten und die damit verbundene Hoffnung auf einen Neuanfang. "Schmeiss Mein Leben Auf Den Müll" fehlt diese Hoffnung. Stattdessen träumt Kliemann leise davon, sich zu "löschen".

Dazu passend, nimmt sich der Song die meiste Zeit angenehm zurück, eine simple Akkordfolge begleitet die Strophen, der Refrain fügt dem Soundbild nur dezente Drums bei. So bleibt der Fokus ganz klar auf Kliemanns Stimme und Lyrics. Ihm bleibt genügend Raum, um sein Thema zu umkreisen und mit schroffen Worten sein Gefühle zu beschreiben.

Allerdings lässt sich anhand "Schmeiss Mein Leben Auf Den Müll" nur allzu passend das größte Problem des Albums beschreiben: Es ist überladen mit Ideen. Der zweite Post-Chorus entwickelt sich zu einem fiebrigen Electronica-Monster, das dem Song mehr schadet als nützt. Dem Track geht der Fokus abhanden, er scheint beinahe freizudrehen. Danach hat auch das gelungene Outro mit seiner Ausstiegsfantasie keine Chance.

Wie wohltuend die Reduktion auf das Wesentliche ist, zeigt der beste Song der Albums: "Warten". Hier dienen Electronica-Spielereien nur der Akzentuierung der Stimmung. Vor allem die Drones in Strophe zwei beschwören eine düstere, ängstliche Stimmung herauf. Die gesample
te Krankenwagen-Sirene am Ende des Verses passt zu Kliemanns Klagen wie die Faust aufs Auge. "Wer hat mich gedopt / Wer hat mich so süchtig gemacht / Mit dem Rücken zur Wand / Und es dann Liebe genannt?"

Dieses Hadern mit der eigenen Arbeitswut schimmerte schon auf "Nie" durch, auf "Pop" steht es nun ganz im Scheinwerferlicht. "Die Hook" schaut darauf durch die Linse der Musik. Kliemann beschreibt seinen eigenen kreativen Prozess. Hektische Tastaturanschläge stimmen auf seine atemlose Hatz durch "Jeder Song ist ein Krampf" und "Und wenn du denkst, es wär Schluss / Dann fehlt noch die Hook / Es fehlt immer die Hook" ein. Dazu überlädt er den Song gnadenlos, springt zwischen Drums und Synthie-Melodien hin und her. Immer wieder verfremdet er seine eigene Stimme, "so steckt in jedem Track auch DNA".

"Alles Was Ich Hab" hingegen präsentiert einen deutlich wohlwollenderen Blick auf Kliemanns Arbeitsethos. "Wers nicht versucht ist irgendwann ganz traurig", proklamiert er voller Tatendrang. Vier Minuten lang prescht er energisch voran, bastelt im Refrain einen schönen Kopfnicker-Beat, während er gesanglich mit Vocoder-Effekten spielt. Im zurückgefahrenen Outro legt er noch seine vielleicht schönste Klavierpassage dazu. Nur leider, leider, leider darf diese nicht alleine stehen bleiben. Stattdessen lungern im Hintergrund gesampletes Geschrei und ein schleppendes Schlagzeug.

Wegen solcher Einschübe wirkt das Album zerfahren. Die zwei Skits "Der Flötist An Den Toren Des Morgengrauens" und "Liebster Wahnsinn" erscheinen seltsam deplatziert. Beide fügen dem Album nichts Relevantes hinzu. "Liebster Wahnsinn" unterbricht das dynamische erste Drittel und stört damit das Gesamtbild entscheidend. "Der Flötist An Den Toren Des Morgengrauens" hat keinerlei Anknüpfpunkte zu seiner Umgebung, weder zum gefälligen Power-Pop "Twingo" noch zu "Ruinierung".

Hier zeigt sich auch, wie wichtig der instrumentelle Fokus auf das Klavier ist. "Ruinierung" verzichtet darauf beinahe komplett und baut stattdessen einen seltsamen Meute-Abklatsch. Bläser, ein pointiertes Schlagzeug und Synthesizer beschwören Tanzstimmung herauf, die nie so wirklich aufkommen will. Der Song wirkt seltsam leblos, abseits der bekannten Pfade findet Kliemann nicht zu seinen Stärken zurück. Auch textlich bleibt er uncharakteristisch vage.

Dass sich Ausflüge auch lohnen, beweist "Frieden Mit Der Stadt". Die Anonymität der Großstadt fasziniert Kliemann offensichtlich. Er beneidet sogar "die Freiheit von 'nem Typen und seinem Leben aus der Tonne". Dazu legt er sich einen astreinen Old School-Hip Hop-Beat zurecht. Die Breaks sitzen, die Bassdrum kickt gut rein, während seine Stimme angenehm aufgekratzt klingt.

Ebenso gelungen erscheint der Abschluss der Platte. "Schlaflied" hat hypnotisierende Qualität, der Beat scheint sich zirkulär zu bewegen, während Kliemann das Reich der Träume heraufbeschwört. "Schlaf endlich ein / Wir treffen uns im Traum, und zwar gleich / Schlaf endlich ein / Weil die Nacht heilt."

Trackliste

  1. 1. Eine Minute
  2. 2. Alles Was Ich Hab
  3. 3. Warten
  4. 4. Die Hook
  5. 5. Liebster Wahnsinn
  6. 6. Regen
  7. 7. Alles Nur Geliehen
  8. 8. Frieden Mit Der Stadt
  9. 9. Ruinierung
  10. 10. Der Flötist An Den Toren Des Morgengrauens
  11. 11. Twingo
  12. 12. Schmeiss Mein Leben Auf Den Müll
  13. 13. Vokabeln I
  14. 14. Schlaflied

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4 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor einem Monat

    Egal was kompositorisch hätte besser gemacht werden können. Lyrisch ist es wieder ein unfassbares Brett, in dem so viel Gefühl steckt, wie bei kaum einem anderen deutschen Künstler. "Warten" ist der hammer und wer beim Vokabeln I Einschub nicht am Ende n Kloß im Hals hatte und bei Schlaflied eine Träne verdrückt hat, der ist auch emotional tot.

    • Vor einem Monat

      "wer bei blablabla nicht weint, ist emotional tot" ist ein ganz schlimmes und doofes Argument. Mich berührt Fynn Kliemann bei allem Respekt seiner DIY-Sachen gegenüber null, da packt mich andere Musik emotional 100mal mehr.

  • Vor einem Monat

    Na sowas... Ich träume auch leise davon, dass kliemann sich löscht...

  • Vor einem Monat

    War der nicht mal Hertha-Trainer?

  • Vor einem Monat

    Ich würde "Schmeiss mein Leben auf den Müll" und "Bau mich auseinander" nicht vergleichen. Beim ersten Lied geht es darum seinen ganzen Besitz aufzugeben und etwas neues anzufangen ("Es ist jemand gestorben und wird jetzt neugeboren
    Kratz mit'm Stock in den Boden, ich war hier, Boden, ich war hier")

    und beim zweiten Lied um Personen, Gefühle oder das Leben an sich, was einen "auseinander" baut.