laut.de-Kritik

Punk in vier Akten: So sollte Oper immer sein.

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Es ist Liebe auf den ersten Blick. Als die Arbeiter im Morgengrauen müde aus der Fabrik schlurfen müssen sie bemerkt haben, wie die Funken sprühen. David, einer von ihnen, trifft Veronica, eine linke Gewerkschafterin. Sie drückt David ein Pamphlet in die Hand. Genau in dem Moment passiert es: "Hello, my name is David, your name is Veronica, let's be together, let's fall in love."

Fucked Ups 77-minütige Punk-Oper in vier Akten beginnt süß, wandelt sich in eine Tragödie aus Wut, Verzweiflung, Liebe, Hass und Selbstzweifeln, endet aber versöhnlich. Veronica stirbt bei einem Bombenattentat, David verfällt in Depressionen, macht sich Vorwürfe. Dann erscheint die mysteriöse Vivian und klärt David über die Machenschaften des zwielichtigen Erzählers Octavio auf, der beim Tod Veronicas seine Finger im Spiel hatte. Der hat dann ebenfalls einen kleinen Auftritt, beschuldigt zuerst David, gibt dann aber doch zu, Veronica getötet zu haben. Letztendlich findet David Ruhe: "Warm my blood before I say goodbye, a new sun in the sky and love will never die."

Klingt alles recht verwirrend. Aber das haben Opern irgendwie so an sich. Man muss schon stark zwischen den Zeilen lesen, die Überschriften interpretieren und genau zuhören, um die Story um David und Veronica zu verstehen. Dann eröffnet sich einem aber eine wunderschöne tragische Liebesgeschichte. Wer darauf keinen Bock hat, kann auch einfach die Musik genießen.

Denn was Fucked Up in 18 Songs abliefern, ist Punk höchster Güte voll großer Melodien. Die kommen natürlich nicht von Schreihals Damien Abraham, der stolze drei unterschiedliche Tonhöhen kennt. Wenn tatsächlich ausnahmsweise gesungen und nicht gebellt wird, machen das Gitarrist Ben Cook und eine gewisse Jennifer Castle oder im Opener Madeline Follin von den Cults. Hauptsächlich sind aber die Gitarren für die Melodien zuständig. Das sind dann auch gerne drei auf einmal, die so dermaßen indiemäßig unverkrampft klingen, dass es eine wahre Freude ist.

Freude, ein gutes Stichwort. Denn wenn auch die Story nicht gerade vor lebensbejahenden Sätzen überschwappt, fällt die musikalische Untermalung fröhlich, spritzig und nach vorne treibend aus. Wie zum Beispiel "The Other Shoe", "Turn The Season" oder "Queen Of Hearts". So viele poppige Melodien erwartet man eigentlich nicht, wenn man Punk- oder sogar Hardcore-Oper liest. Das ist schon immer Fucked Ups große Stärke: auf Konventionen scheißen und Schubladen entern, dreist das beste rausklauben und die eigene damit ausschmücken. Wir entdecken unter der Punk-Decke: Hardcore-Gebrüll, Pop-Melodien, Indie-Gitarren und Folk-Elemente.

Dennoch gibt es auf "David Comes To Live" keine Querflöten, Streicher oder Bläser wie auf den Vorgänger-Platten. Drei Gitarren, Bass, Schlagzeug und Damiens brutales Organ ist alles. Mehr braucht es auch nicht, um straight und ohne Pause loszurocken. Fucked Up strahlen eine unglaublich positive Energie aus, die aber nicht aufdringlich, nervig oder aufgesetzt wirkt. Keine Melodie erscheint fehl am Platz. Jede Zeile, jeder Ton, selbst jeder Snare-Schlag klingt durchdacht, sitzt an der richtigen Stelle. Das ist echte Leidenschaft für die Musik, für die Geschichte, für jeden einzelnen Song.

Die Platte ist vor allem als Gesamtkonzept grandios. Trotz der langen Spielzeit und den vielen Songs wird dieses Punk-Monster niemals langweilig. Es groovt, es scheppert, es kratzt, es rockt, es tanzt, es lacht, es weint. So sollte Oper immer sein.

Trackliste

  1. 1. Let Her Rest
  2. 2. Queen Of Hearts
  3. 3. Under My Nose
  4. 4. The Other Shoe
  5. 5. Turn The Season
  6. 6. Running On Nothing
  7. 7. Remember My Name
  8. 8. A Slanted Tone
  9. 9. Serve Me Right
  10. 10. Truth I Know
  11. 11. Life In Paper
  12. 12. Ship Of Fools
  13. 13. A Little Death
  14. 14. I Was There
  15. 15. Inside A Frame
  16. 16. The Recursive Girl
  17. 17. One More Night
  18. 18. Lights Go Up

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