laut.de-Kritik

Im Sog dunkler Rhythmen.

Review von

"Warmech" stellt ein besonderes Album im Katalog der Elektro-Legende Front Line Assembly dar. Die Konstellation könnte seltsamer kaum ausfallen: Einerseits befindet sich Bill Leebs alter Weggefährte aus seligen "Caustic Grip"- bis "Hard Wired"-Zeiten wieder an Bord des Flaggschiffs, war allerdings noch nicht Teil dieser Platte. Andererseits prägt Jeremy Inkels Mitarbeit die vorliegenden Stücke. Doch ist jener nicht mehr Teil der Band, er ist im Januar überraschend verstorben.

Deutlich weniger spooky gerät das Konzept der Platte. Simultan geht "Warmech" als vollwertiges Bandalbum wie auch als PC-Game-Soundtrack durch. Letzteres funktionierte als Doppelstrategie bereits mit dem artverwandten "Airmech" recht gut. Der Vielseitigkeit dieses rein instrumental gehaltenen Elektro-Bretts tut die lukrative Janusköpfigkeit keinen Abbruch. FLA beeindrucken fünf Jahre nach "Echogenetic" einmal mehr auf ganzer Linie.

Man hört deutlich: Inkels Ableben wird schwer zu kompensieren sein. Als wichtiges Rad der Front Line-Maschinerie ergänzte er immerhin sieben Studioscheiben und eine CD von Delerium. Sogar Bill Leebs in zahlreichen Projekten (wie Synæsthesia oder Intermix) verbürgte stilistische Vielfalt erweiterte der deutlich jüngere Musiker. So man auf "Warmech" ironisch wirkende Spuren analogen Dubstep vernimmt, gehen solche Ideen auf Inkel zurück.

Die Kanadier zählen hörbar zu den wenigen EBM-Ikonen, die nicht hängengeblieben bis zur Retardiertheit klingen, sondern ihre eigene Entwicklung stets im Auge behielten. Auch deshalb ist die kombinationsfreudige Sinnlichkeit "Warmechs"von Alpha bis Omega ein Hochgenuss. Schon der erste Track "Mechvirus" führt einen Hauch melodieverliebter Delerium-Reminiszenzen ein, die in FLAs martialischen Kontext überraschend gut funktionieren.

Es folgt eine atmosphärische Odyssee durch viel Dark-Ambient, knarzigen Post-Industrial, EBM, lediglich angedeuteten Aggrotech, Trance und einer Prise Pop. Sie zieht das Ohr fest in ihren Bann und lässt es keine Sekunde entkommen. Im Sog dieser dunklen Rhythmen und Soundscapes entsteht zwischendurch eine eigentümlich wuchernde Tanzbarkeit.

Apokalyptisch? Klar, aber auch groovy und in der eigenen Kaputtheit schwelgend. Man höre nur die finster schimmernde Schönheit des "Molotov" oder verweile in der nächtlichen Pracht des "Rip Sensor". Dabei kommt man sich fast schon unsensibel vor, einzelne schwarze, komplett lichtlose Diamanten wie "The Eminent" hervorzuheben. Jedes Stück steht hörbar im Dienst des Gesamtwerks. Anders gesagt: Selten klang das freudlose Armutszeugnis einer sich massakrierenden Menschheit so unterhaltend.

Am Ende der Reise reckt der "Creator" sein anmutiges Haupt und wirkt entgegen seines Namens wie ein letzter, gleichwohl betörend sedierender Sargnagel im unwerten Treiben des Homo Sapiens.

Trackliste

  1. 1. Mechvirus
  2. 2. Anthropod
  3. 3. Heatmap
  4. 4. The Imminent
  5. 5. Force Carrier
  6. 6. Meteorfall
  7. 7. Molotov
  8. 8. Rip Sensor
  9. 9. The Eminent
  10. 10. Mechanism
  11. 11. Earthriser
  12. 12. Creator

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1 Kommentar mit 3 Antworten

  • Vor einem Jahr

    Habe es erst einmal gehort, aber kann nichts schlechtes sagen. Gute Rezi übrigens, super geschrieben.

    • Vor einem Jahr

      EBM Sommerplatte für den elektrischen Liegestuhl....schwarze komplett lichtlose Diamanten....der Anwalt läuft zur Höchstform auf wenn es um FLA geht.
      Zu Recht! Sind meiner Meinung nach auch die letzten EBM‘ler die man noch schamfrei hören kann!

    • Vor einem Jahr

      Es gibt schon noch ein paar mehr... Man muss sie nur kennen.. Und EBM ist mehr als nur FLA, der hat und hatte Strömungen. Old School, New Beats, Anhalt EBM und alles hat seine Fans... Zurecht...

    • Vor einem Jahr

      Wenn FLA die Kurve zu modernen Electro wie zB Dubstep nicht hinbekommen hätten, wäre ich heute kein Fan mehr.
      Und neue EBM-Bands kennenlernen bei mir eigentlich nur noch übers WGT.