laut.de-Kritik

In Höchstform zum lauten Punk-Revival.

Review von

War es eine Prophezeiung? "Hey-ho, hey-ho, hey-ho / We're heading out for the punk rock show" rief uns Frank Turner 2013 freudig auf "Four Simple Words" entgegen, auf der schnellsten und lautesten Nummer in seinem bisherigen Solo-Katalog. Nach Verdichtung der Formel des akustischen Folk-Punks – mal lauter, mal introvertierter – nimmt er uns auf Album Nr. 9 tatsächlich zur waschechten Punkrock-Show mit.

Die Spielfreude nach langer Lockdown-bedingter Tourpause bricht aus allen Ecken des Albums hervor. Denn Frank lebt bekanntlich on the road, die aufgestaute Energie musste sichtlich im Studio raus. Und das bis zum Schluss: "FTHC" vermeidet weise den "Be More Kind"-Weg, im letzten Drittel nur mehr Balladen zu offerieren. Denn: Wer hier den schmachtenden Lagerfeuer-Frank sucht, ist falsch abgebogen. Hier gibt's keine Balladen. Die Akustikgitarre darf zwar immer wieder aus dem Koffer kommen, ansonsten dominiert hier Stromgitarren-Musik, in einer für 14 Songs überraschend gelungener Abwechslung aus Punk, Hardcore und Rock - natürlich stets angetrieben, von Turners typischer authentisch-bodenständiger und folkloriger Erzählweise.

Schon der riskante Brüll-Opener "Non Serviam" zeigt auf knapp zwei Minuten, dass Turners Hardcore-Vergangenheit doch nicht Schnee von gestern ist. Dabei dient die Nummer ebenfalls als Gradmesser: Wer nach dem Song noch da ist, wird mit "FTHC" einen Riesenspaß haben. Nach einer vernichtenden Ablehnung jeglicher Autorität kann er seinem Good Guy-Image jedoch nicht entkommen: "Help the ones in need / do your best to leave the others be" skandiert er im Refrain, der genau so schnell vorbei ist, wie er zuvor die Tür eintrat.

Die Vorabsingle "The Gathering" ist der klassische, sehnsüchtige nach-dem-Lockdown-wird-es-irgendwann-wieder-Konzerte-geben-Song, der mit fettem Queen-Chor die lang ersehnte Wiedervereinigung in verschwitzten Pits bildlich in Szene setzt. Darf er dann wieder seinem Brotberuf auf den Bühnen dieser Welt nachgehen, ist die Zeit gekommen, die lyrische Lupe wieder auf einen selbst zu richten. Nach "No Man's Land", einem Album mit ausschließlich Songs über beeindruckende Frauen und deren Geschichte, betreibt Frank wieder eine mentale Nabelschau erster Güte. Offen wie eh und je verpackt er Themen wie mentale Gesundheit ("Haven't Been Doing So Well", "A Wave Across The Bay"), Substanzmissbrauch ("Untainted Love" mit der fast schon therapeutischen Zeile "I sure do miss cocaine") und das Aufbegehren gegen gesellschaftliche Stereotypen ("Perfect Score") in seine Lieder.

Das Dreiergespann "Fatherless", "My Bad" und "Miranda" versteht sich als Mini-Rockoper rund um dasselbe Thema: Turners komplizierte Beziehung zu seinem Vater. Von den schwierigen Jahren seiner Kindheit und der Abschiebung ins Internat erzählt er im hookigen Uptempo-Rocker "Fatherless" und sehnt sich nach einem "caregiver who had care give". Die zügellose Hardcore-Attacke "My Bad" beschäftigt sich mit den Erwartungen, die an jemanden aus seiner gesellschaftlichen Klasse gestellt werden, und wie sein konträrer Zirkus-Lebenslauf dazu passt. Ein quietschendes Gitarren-Lick läutet dann den bislang größten Plot-Twist mit "Miranda" ein: "My father is called Miranda these days / she's a proud transgender woman / and my resentment has started to fade". Tatsächlich sowas wie ein Happy End im groovenden Midtempo: Die Versöhnung eines Sohnes mit seinem Vater, der seit Jahren als Frau lebt und beide seither wieder eine gemeinsame Gesprächsbasis gefunden haben. "Miranda, it's lovely to meet you".

Es mangelte Turners Songs nie an hartem Tobak. So auch bei "A Wave Across The Bay": Der Freitod seines guten Freundes und Frightened Rabbit-Sängers Scott Hutchinson 2018 war für ihn schwer zu verkraften. Nach Jahren ist jetzt die Zeit für ein emotionales wie hymnisches Tribut gekommen, das Frightened Rabbit-ähnlich ruhig beginnt und dann wie eine erlösende Welle über einen hereinbricht. Nach diesen emotional klammernden Songs muss man erstmal durchatmen.

Zum Glück erinnert uns der Punk-Barde an die Sinnlosigkeit des Lebens auf dem etwas luftigeren und tanzbaren "The Resurrectionists": "We're all just kids someone let loose into the world / waiting for someone to explain the rules / and that's all". Und wer schreit da über den Chorus? Simon Neil leiht dem Songfinale seine unverkennbaren Screams. Ein Easter Egg für Langzeitfans hält die Nummer noch bereit. Frank liefert uns hier nämlich in der zweiten Strophe ein Update, wo die ganzen Charaktere aus "I Know Prufrock Before He Was Famous" vom 2009er "Love Ire & Song" geblieben sind.

Im vollen Uptempo segelt er in ein live äußerst unterhaltsames "Punches", inklusive heftigem Kopfnicker-Riff im Refrain. "Perfect Score" wäre auf früheren Alben akustisch und etwas entspannter instrumentiert ein schöner, luftiger Folk-Song geworden. Hier schrammelt alles, was sechs Saiten hat, zu einer wunderschönen, zweieinhalb Minuten langen Blaupause für einen 1A-Rocksong.

Am ruhigsten gibt er sich eigentlich nur auf der ersten Hälfte von "Little Life" und auch dem spendierte er ein epochales Finish. Jedoch ist Frank tatsächlich aus London mit seiner Frau weggezogen und blickt in den letzten beiden Liedern des Albums noch einmal wehmütig und nicht ohne Reue zurück. "Farewell To My City" begleitet ihn beim letzten Spaziergang vorbei an den Pubs und Clubs, die ihn in "Untainted Love" fast umgebracht haben, bevor er in den Umzugswagen steigt. Ein würdiger Closer einer Platte, die sich damit als Abschluss einer Ära anfühlt. "FTHC" ist musikalisch mit Abstand sein härtestes und kompromisslosestes Soloalbum, lyrisch eine Therapiestunde, melodisch ein Fass voller Ohrwürmer. Ein Genuss!

Trackliste

  1. 1. Non Serviam
  2. 2. The Gathering
  3. 3. Haven't Been Doing So Well
  4. 4. Untainted Love
  5. 5. Fatherless
  6. 6. My Bad
  7. 7. Miranda
  8. 8. A Wave Across A Bay
  9. 9. The Resurrectionists
  10. 10. Punches
  11. 11. Perfect Score
  12. 12. The Work
  13. 13. Little Life
  14. 14. Farewell To My City

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