laut.de-Kritik

Ja, ja: Früher war alles besser. Echt jetzt?

Review von

"Every time I grab the mic I put my soul in the line", scratcht es sich ins heraufdämmernde "Morgengrau". Daran bestand im Falle Fiva eigentlich nie ein Zweifel: Die Frau war allzeit mit Leib und Seele bei der Sache. Wenngleich ihr Vortrag noch nie besonders abwechslungsreich und ihre Reime nie sonderlich komplex ausfielen, boten ihre Texte doch lyrischen Tiefgang und emotionale Reibungsflächen.

Merkwürdig, wie wenig auf "Alles Leuchtet" davon übrig geblieben ist. "Vor allem das Schlachtfeld Alltag und seine Nebenschauplätze" wolle sie auf "Alles Leuchtet" abhandeln, tönt es von Labelseite. Ihre neuen Songs liefern reichlich Anlass zu der Vermutung, dass Fivas Alltag so langweilig ist, wie das Wort befürchten lässt. Kein Wunder, dass Fiva - so hört es sich zumindest an – sich da nicht so recht einfügen will, ihren Platz darin noch nicht gefunden hat.

Von der Überdosis Streicher und Klavier, die die Beats dominiert, kann gerne jeder halten, was er möchte. Meine Tasse Tee ist das nicht, durch und durch solides Musiker-Handwerk liefern die Produktionen aber allemal. Hierüber können sich höchstens unterschiedliche Geschmäcker in die Haare geraten. Viel saurer stößt die Einfalls- und Belanglosigkeit der Texte auf, die überall mehr sein möchten, als sie dann tatsächlich zu bieten haben.

"Wunderland" etwa soll vermutlich ein Plädoyer für Toleranz und Gleichberechtigung darstellen, vergisst über zig Märchenmetaphern aber irgendwie, eine wie auch immer geartete Position beziehen. Von einem solchen Lied können sich bestenfalls die ganz unsichersten Hascherl angesprochen fühlen. Diese Klientel bräuchte dann aber vermutlich klarere Ansagen.

"Früher war Liebe wie R'n'B aus den 90er Jahren." Ah, ja. Das ist jetzt erstrebenswert? Oder doch nicht so? Wir erfahren es nicht. Genauso wenig entscheidet sich der "Phoenix", in welche Richtung er denn nun abfliegen möchte. Fiva macht verschiedene Fässer auf, darunter so große wie Krieg, Flüchtlings- und Grenzpolitik. Dass sie keine Lösung anzubieten hat, kann ihr niemand ankreiden. Wohl aber, dass sie ihre Meinung zu den angerissenen Themen nirgends preis gibt. Warum überhaupt erst darüber reden, wenn man nichts sagt?

Damit mag Fiva einer halt- und ziellosen Generation aus der Seele sprechen. Allen anderen müssen ihre Andeutungen, Schlagworte, denen nichts nachfolgt, aber reichlich beliebig vorkommen. "Einen Sommer Lang Nur Tanzen", in meiner Wahrnehmung YOLO-Mucke für verzweifelte Mittdreißiger, liefert ein gutes Beispiel für die seltsame Richtungslosigkeit, an der "Alles Leuchtet" krankt: Fiva besingt mit durchaus spöttischem Unterton Altersgenossen, die "heimlich bausparen", ergeht sich dann aber in gefühlsduseligen Nostalgieorgien, in Erinnerungen an die große Freibad-Freiheit, als sich das juvenile Revoluzzertum im freihändig Radfahren und dem Genuss von Dosenbier manifestierte. Kein erwachsener Mensch, der bei Trost ist, sehnt sich in diese Zeiten zurück.

Früher war alles besser. Ja, ja. Diesem Irrglauben scheint Fiva, obwohl sie ihn zu belächeln vorgibt, tatsächlich aufzusitzen, so oft, wie gefühlsduselige, verklärte Erinnerungen hochwallen. "Wir waren niemals R'n'B, eher Heavy Metal", beschwört "So Lange Du Mit Mir Singst" eine Eigenständigkeit und Unabhängigkeit, die nicht nur der kreuzbrave Sound, sondern auch noch die üble Singer/Songwriter-Hookline zur echten Lachplatte verkommen lässt.

"Oh, yeah, das ist unsere Ballde." Na, herzlichen Glückwunsch. Als Duettpartner hat sich Fiva hier ausgerechnet den Sänger der Sportfreunde Stiller ins Boot geholt. Bei denen rätsele ich schon lange mit Schaudern, wie wohl die anderen beiden klingen, singt in einer Band in aller Regel doch immer der, der es am besten kann. Erstaunlich, dass ich Bernadette La Hengsts Beitrag zu "Wir Kleben Daran" wenig später als beinahe noch schmerzhafter empfinde - was vielleicht aber auch am schlimmen Gefiedel liegt, das diese Nummer begleitet.

An anderer Stelle gibts dann noch ein nettes Liedchen vom Vermissen ("Alles Leuchtet"), das zwar in zwei Minuten alles gesagt hat, aber trotzdem vier Minuten dauert, ein paar Beistands-Phrasen ("Das Beste Ist Noch Nicht Vorbei") und einen Bericht aus dem Bandbus ("Feuerwerk"), der wirklich jedem, der nicht drinsaß, komplett am Arsch vorbei ziehen dürfte. "Das Beste Ist Noch Nicht Vorbei"? Wollen wir hoffen, dass das stimmt. Vom Besten, das Fiva zu bieten hätte, bleibt "Alles Leuchtet" nämlich ein ganzes Stück entfernt.

Als das Beste auf "Alles Leuchtet" entpuppt sich ausgerechnet die Fortsetzung einer Nummer, die Kollege Philipp Gässlein dereinst als "brachialen Ausrutscher", als "belanglosen Storyteller", der "schon beim ersten Durchlauf nervt" abwatschte: "Kleinkunst II" zeigt zwar - gerade im Vergleich zum ersten Teil - völligen Stillstand, was Fivas Rap-technische Fertigkeiten betrifft. Trotzdem: die Reunion von Melody-Mandy, dem Hackbrettschorsch und Piano-Joe und ihrem ungebrochenen Traum vom (wenn auch kurzzeitigen) Ausbruch aus dem grauen Einerlei entfaltet so pittoresken Charme, dass man den dreien ihren vermutlich letzten großen Auftritt von Herzen gönnt.

Für den Rest von Fivas Album gilt leider, wie immer das passieren konnte, genau, was sie ihrem Gegenüber in "Du Bist Nicht Mein Monster" entgegen schleudert: "Wenn du sprichst, hör' ich nur Stille, weil nichts von dem, das du sagst, in mir etwas bewegt." Schade - und wieder herrlich inkonsequent: "Mir fehlt die Harmonie, weil du immer falsch singst." Ein paar Tracks zuvor, bei Sportfreund Peter, war das noch völlig egal.

Trackliste

  1. 1. Morgengrau
  2. 2. Alles Leuchtet feat. 5/8erl in Ehr'n
  3. 3. Wunderland
  4. 4. Einen Sommer lang Nur Tanzen
  5. 5. Solang Du Mit Mir Singst feat. peter Balboa
  6. 6. Früher War Liebe
  7. 7. Phoenix
  8. 8. Das Beste Ist Noch Nicht Vorbei
  9. 9. Kleinkunst II feat. DJ Phekt
  10. 10. Wir Kleben Daran feat. Bernadette La Hengst
  11. 11. Du Bist Nicht Mein Monster
  12. 12. Mondnach
  13. 13. Feuerwerk
  14. 14. Abendrot

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11 Kommentare mit 30 Antworten

  • Vor 6 Jahren

    Mir gefällt das Album sehr. Gerade musikalisch hat man das Gefühl, dass Fiva dort angekommen ist, wo sie immer hin wollte. Die Musik erinnert teilweise stark an Zero 7.

    Ich habe damals Kopfhörer gefeiert und das hier ist schon sehr weit davon entfernt. Allerdings auf eine Art und Weise, die einen Vergleich der beiden Alben unsinnig macht. Das hier ist eine Fiva, die sich tatsächlich aus dem alten Hip-Hop Sound weiterentwickelt hat.

    Vielleicht bin ich als "verzweifelter Mittdreißiger" einfach zu alt und mit der Zielgruppe von Fiva mitgewachsen, aber dieser harschen Kritik kann ich einfach nicht zustimmen. Den Vorwurf der Seichtheit muss sie sich wohl an der einen oder anderen Stelle gefallen lassen, aber das macht das Album für mich nicht so schlecht, wie es in dieser Review dargestellt wird.

    • Vor 6 Jahren

      Sie müssen wissen, der Rezensent Daniel Fromm ist bekannt für seine chauvinistischen Verrisse.
      Erst neulich hat man ihn hier auch des Rassismus überführt.
      Mir gefällt allerdings, dass Sie nicht nur auf den Herren einhacken, sondern sich verständig zeigen und Ihre Sicht der Dinge wiedergeben.

    • Vor 6 Jahren

      Is klar, mundanus...

    • Vor 6 Jahren

      Wessen Trollprofil ist das schon wieder?

    • Vor 6 Jahren

      Troll! Auf ihn!

    • Vor 6 Jahren

      meins nicht!

    • Vor 6 Jahren

      Ist vermutlich freddy selbst, inkognito...

    • Vor 6 Jahren

      wir der trollvorwuf, bei jeder meinung, die eigene horizonte überschreitet, nicht langsam langweilig?

    • Vor 6 Jahren

      Du solltest dich auch mal fragen, ob du deiner eigenen Existenz nicht auch langsam überdrüßig wirst.

    • Vor 6 Jahren

      "Mit der Zielgruppe mitgewachsen" ist seit jeher ein schwacher Fanboy-Rechtfertigungsversuch für die neu eingesetzte Wackness ihrer alten Idole. Das ist auch bei Samy, Savas, Delay und anderen Konsorten unter fast jeder Review zu lesen... Dasselbe gilt für das Hervorheben der Musikalität, die IMMER dafür herhalten muss, wenn es unter raptechnischen Gesichtspunkten einfach schlecht ist.

    • Vor 6 Jahren

      @InNo: Ich hatte einen Absatz im Kommentar, der genau das referenziert im Kontext von "weiterentwickelt", habe ihn aber dann nicht gepostet, weil er mir als nicht relevant vorkam.

      Ich hasse das Argument bei eben genau so Leuten wie Sam, der meiner Meinung nach einfach nur abgebaut hat. "Stil ändern" muss nicht mit "Qualtität verlieren" einhergehen. Das tut es bei fast allen Hip-Hop Acts aus vergangenen Tagen leider. Bei Fiva sehe ich aber durchaus eine Entwicklung, die zu rechtfertigen ist. Ob die einem dann gefällt, ist die andere Sache, aber sie ist meiner Meinung nach nicht einfach schlechter geworden und verdeckt das mit dem Argument des reifer werdens, oder was man sonst so hört als Ausrede.

    • Vor 6 Jahren

      Ich musste mir gerade vorstellen, wie "Samy, Savas, Delay" gemeinsam einen Track aufnehmen und performen, in dem es um Kinder geht und schwerkranke Menschen und den grauen Alltag, der uns langsam, aber sicher alle auffrisst. Kein schöner Gedanke.

    • Vor 6 Jahren

      Warte erst auf die Tracks, bei denen es um Bandscheibenvorfälle und laute Kinder auf dem Rasen geht - wobei das schon fast wieder Stil hätte.

    • Vor 6 Jahren

      Yo letztens gab es einen Vorfall mit meiner Bandscheibe/
      Im Vinylpresswerk dann 'nen Vorfall mit meiner Band-Scheibe/
      Kuck - auf dem Rasen sind die Kinder laut/
      Ihr versteht mein Album nicht, deshalb seid ihr nur Kinder, laut/

      Ich werde jetzt Ghostwriter.

    • Vor 6 Jahren

      Sehr schön. Man denke auch an Texta und Blumentopf, die das Thema bereits großartig auf "Alt" behandelten.

    • Vor 6 Jahren

      Ich halte "Alles leuchtet" trotzdem für eines ihrer schwächeren Werke, obwohl du durchaus richtige Punkte ansprichst. Für mich zumindest eine 3/5, solides Mittelfeld eben

  • Vor 6 Jahren

    Ich hab Kopfhörer auch gefeiert und tue das immernoch. Leider hat die Gute danach fortwährend abgebaut und schon die von ihr auf Facebook geposteten Textstellen reichen mir um das Album für ihren, hoffentlich nicht nur vorläufigen, Tiefpunkt zu halten.