laut.de-Kritik

Beklemmendes Solo-Debüt.

Review von

Eigentlich kennt man Emily Haines als energetische Frontfrau der kanadischen Rockband Metric und als Gelegenheitssängerin bei Broken Social Scene. Mit ihrem Debüt als Solokünstlerin verzichtet sie auf jegliche Rock-Attitüde und gibt den Blick nach innen frei.

Auf "Knives Don't Have Your Back" präsentiert sie dreizehn introspektive Songs, die vom Piano getragen und von Streichern und Bläsern umschmeichelt werden.
Die Stimmung, die Haines aufbaut, ist gleichermaßen betörend wie beklemmend.

Der großartige Opener "Our Hell" verdeutlicht diese ambivalente Zustandsbeschreibung. Ein sanfter Klavierlauf wechselt sich ab mit hartem und hämmerndem Spiel. "We moderate, we modernize / 'till our hell is a good life" heißt es hier; Einsamkeit paart sich mit der Sehnsucht nach Glück, Bedrohlichkeit mit der Hoffnung auf Erlösung. Emily Haines liefert mit ihren Liedern die musikalische Entsprechung dieser Sichtweise.

Und immer wohnt den Songs eine cineastische Qualität inne. Mit tiefer Stimme intoniert sie in "Doctor Blind" die einnehmende Melodie zu Klavierakkorden in Moll, ehe Synthesizer, Streicher und sphärischer Gesang eine klaustrophobische Atmosphäre schaffen, die an den Soundtrack von "Rosemary's Baby" erinnert. Dass es nie zu deprimierend oder schwermütig wird, liegt an immer wieder durchdringenden optimistischen Melodielinien und dem tröstenden Gesang.

Befremdlich wirkt in "Crowd Surf Off A Cliff" die Eintönigkeit der Harmonien und des Gesangs, dramatisch der artifizielle, langsame Beat, eine verzerrte E-Gitarre und abgehackte Streichersequenzen in "Detective Daughter". Der vielseitigste Song ist "Mostly Waving"; das Schlagzeug und das Klavier kreieren einen vertrackten Beat, auf den sich der Gesang Haines' legt und zu einem dynamischen, von Bläsern instrumentiertem Refrain führt.

Eine auf Klavier, Streicher und Horn reduzierte Instrumentierung prägt die ruhigen Tracks "Reading In Bed" und "Nothing & Nowhere", das ebenso wie die reine Piano-Nummer "Winning" mit einem ergreifenden Refrain gefällt. Das wunderschöne "The Last Page" beginnt verhalten, überrascht dann mit gedoppeltem Gesang und einer fließend rhythmisierten Melodie.

Die europäische Veröffentlichung von "Knives Don't Have Your Back" bringt noch zwei hübsche Bonustracks ins Spiel. Sentimentale Bläser führen in "Row Boat" ein, ehe ein repetitiver Klavierlauf und der Gesang einsetzen und die Bläser wieder für eine angenehme Klangkulisse sorgen. Das Werk schließt mit dem sentimentalen "Telethon", das mit einer melodischen Strophe und dem Refrain einer klassischeren Songstruktur folgt.

Auf "Knives Don't Have Your Back" stellt Haines eindrücklich ihre Songwriter-Qualitäten unter Beweis. Es ist ein behutsam arrangiertes Debüt, das einige Höhepunkte beinhaltet, aufgrund der Ähnlichkeit der klavierlastigen Songstrukturen aber manchmal etwas absehbar und kalkuliert wirkt. Die sanfte Melancholie der Kompositionen rückt sie in die Nähe von Künstlerinnen wie Kristin Hersh, Cat Power oder Fiona Apple. Unglück suggeriert immer gleichzeitig die Sehnsucht nach Glück, das ist es, was Emily Haines uns demonstriert, wenn sie die Schattenseiten des Alltagslebens sanft durchleuchtet.

Trackliste

  1. 1. Our Hell
  2. 2. Doctor Blind
  3. 3. Crowd Surf Off A Cliff
  4. 4. Detective Daughter
  5. 5. The Lottery
  6. 6. The Maid Needs A Maid
  7. 7. Mostly Waving
  8. 8. Reading In Bed
  9. 9. Nothing & Nowhere
  10. 10. The Last Page
  11. 11. Winning
  12. 12. Row Boat (Bonus Track)
  13. 13. Telethon (Bonus Track)

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3 Kommentare

  • Vor 13 Jahren

    Hab die CD schon seit einer Weile und muss sagen, die ist echt gelungen. Die Metric-Sachen kannte/kenne ich gar nicht. Insofern war ich ohne Erwartungshaltung. Bei den ersten paar Durchläufen blieben tatsächlich nur einige Highlights hängen, wenn man die teilweise komplexen Kompositionen aber mal durchschaut hat, offenbart Emily ihr ganzen Potenzial (auch bei den Lyrics)! Sehr empfehlenswert!

  • Vor 12 Jahren

    irgendwie sehr paul-thomas anderson -filmmäßig, das ganze.
    also unglaublich toll.

  • Vor 12 Jahren

    Kontext, oh Himmel, der Kontext.
    Eigentlich hätte Martin Leute -dem fast schon euphorischen (Kon)text zufolge- mindestens 1 Pünktchen mehr geben dürfen.

    Rezensionen über Alben wie dieses dümpeln viele Monate in den Tiefen des Forums herum und kaum einer bemerkt sie.
    Dieses Album muss man immer zur Gänze hören, ein paar Songs hier und da genügen nicht. Hört man es komplett, umschließt es einen wie ein warmer, heimeliger, intensiver Kokon. Es pendelt bei mir zwischen 4 und 5 Punkten. Zu einem wahren Meisterwerk fehlt noch ein Schuß mehr Optimismus, manches geriet für mich ein Spur zu melancholisch.