laut.de-Kritik

Schmerz zum Nachhören.

Review von

Inzwischen ist die Animationsserie "Rick & Morty" Kult, was zur Folge hat, dass sie auch einige Hater generiert. Egal, was man von dem verrückten Duo mit einem depressiven, alten Wissenschaftler und einem unsicheren Teenager hält, eine Sache haben die Schreiber dahinter wahnsinnig gut erfasst, nämlich die Wirkung der Musik von Elliott Smith: Während einer Prügelei zwischen Rick und Morty bekommt Rick über Kopfhörer den Song "Between The Bars" aufgezwungen, was zur Folge hat, dass er sofort aufhört zu rangeln und sagt: "Oh Gott, was ist eigentlich das Leben? Wie kann jemand, der so talentiert ist, so jung sterben?"

Die Umstände von Smiths Tod sind nie richtig geklärt worden, vermutlich hat er sich 2003 selbst erstochen. Bis zu diesem Zeitpunkt war er einer der Vorreiter der Emo-Musik, verhandelte in seiner Musik Drogenkonsum, Selbstzweifel und Depressionen, noch immer wird er von Musizierenden wie Phoebe Bridgers, Beabadoobee und Death Cab For Cutie als Vorbild genannt. Zu dem, was er textlich leistete, komponierte er die passende Musik, die Emotionen wie Verzweiflung und Trauer perfekt widerspiegelte.

Seine Stücke waren nie nette Nebenbei-Musik, empfängliche Hörer konnte sie schon immer in Existenzkrisen stürzen, so wie in der oben beschriebenen Situation Rick. Smith gab dazu auch optisch die passende tragische Figur ab: Ein zernarbtes Gesicht, ungewaschene Haare und ein zerbrechliches Auftreten. In Interviews drohte seine Stimme ständig wegzubrechen.

Die Schöpfer der Animationsserie sind nicht die einzigen, die auf die betrübliche Strahlkraft von Smiths Musik zurückgriffen, um ihre Bilder zu untermalen. Wes Anderson nutzte für den zentralen Wendepunkt von "Die Royal Tenenbaums" 2000 den Song "Needle In The Hay" und 1997 engagierte Regisseur Gus Van Sant den damaligen Geheimtipp Smith für seinen Film "Good Will Hunting". Bis dahin hatte sich der Musiker erst mit der Band Heatmiser Szeneruhm im Indie-Rock-Bereich erspielt, dann mit seinen ersten drei Solo-Alben eine treue Hörerschaft gewonnen. Nebenbei verdingte er sich in zahlreichen Nebenjobs in und um Portland.

Einer der Songs, die er für "Good Will Hunting" schrieb, hieß "Miss Misery" und führte nicht nur zu Smiths erstem Late-Night-Auftritt bei Conan O'Brien, sondern kurz darauf auch zu einer Oscar-Nominierung und einem Auftritt bei der Verleihung. Viele Erzählungen stellen diesen Auftritt als eines der zentralen Events der Smith-Geschichtsschreibung da.

Plötzlich stand er da auf der großen Bühne, während zahlreiche Hollywood-Größen ihm zuschauten, im weißen Anzug und unsicher wie eh und je. Der kurze Auftritt im Rampenlicht hatte Auswirkungen auf das nächste Album "XO". Dreamworks Records zeigte sich interessiert, und so wechselte Smith für die vierte Platte vom Indie-Label Kill Rock Stars zu einem Major. Den Lo-Fi-Charme der drei Vorgänger erzeugt das Album deutlich seltener, dafür ermöglichte das größere Budget Smith auch das Verpacken seiner beatlesquen Kompositionen in entsprechend große Arrangements.

Dabei lässt das zurückgenommene Gezupfe zu Beginn von "Sweet Adeline" annehmen, hier ginge es wieder ruhig zu, bevor sich der Song nach der Hälfte durch Einsatz des Schlagzeugs und des Pianos öffnet und man merkt, dass Smiths filigranes Songwriting endlich den ihm gebührenden Sound bekommt. "Tomorrow Tomorrow" fährt dann wieder runter, wird komplett auf Smiths mehrspurigen Gesang und das virtuose Gitarren-Picking reduziert. Mit der üppigeren Produktion entwickeln diese melancholischen Stücke noch viel mehr emotionale Wucht und zerpflücken den Hörer noch mehr.

Dabei bietet Smith auch einen so gut aufgelegten Pop-Song wie "Baby Britain", der fast nicht zwischen "Waltz #2 (XO)" und "Pitseleh" passen will, am Ende aber doch eine dringend benötigte Verschnaufpause von den ganzen Trauer- und Schmerz-befeuernden Stücken bietet. Noch unerwarteter kommen an späterer Stelle die erstaunlich rockigen Songs "Amity" und "A Question Mark". Diese Vielfalt deutet schon an, was auf den beiden folgenden Alben "Figure 8" und "From A Basement On The Hill" kommen würde. "XO" weckt gleichzeitig aber den Eindruck, hier einen Smith zu erleben, der seine Ideen noch in etwas kleinere Kompositionen verpackt, immer noch irgendwie gehemmt wirkt, und dieses noch nicht Ausufernde stand ihm wunderbar.

Der heimliche Star auf "XO" ist oft das Piano, das einen fantastischen Hintergrund für die Gesangs- und Gitarren-Melodien bildet oder, wie in der zweiten Hälfte von "Pitseleh", durch seinen Eintritt den Song nochmal veredelt. Allen voran ist es aber natürlich Smiths Stimme und die Texte, die sie singt, die diese Musik ausmachen. Das engelsgleiche Hauchen, das stets brüchig bleibt, aber großartig ausdrücken kann, was zwischen den Zeilen steht. Immer schweben da alte und frische Wunden mit, ganz besonders in "Waltz #1", dem wohl verträumtesten Titel des Albums, in dem Smith eine vergangene Beziehung bedauert: "Now I never leave my zone, we're both alone / I'm going home, I wish I'd never seen your face". Es reichen ihm oft wenige Zeilen, um seine individuellen Erfahrung universell greifbar zu machen.

Besonders eindringlich ist auch "Everybody Cares, Everybody Understands", das wohl von einer Intervention handelt, in deren Rahmen Smith von Freunden auf die Konsequenzen seiner Drogenprobleme aufmerksam gemacht wurde: "You say you mean well, you don't know what you mean / Fucking oughta stay the hell away from things you know nothing about". Inzwischen weiß man, wie sehr Smith mit Substanzen und Depressionen tatsächlich zu kämpfen hatte, was viele der beinhalteten Texte noch trauriger macht. "Waltz #2 (XO)", einer seiner bekanntesten Songs, ist eine Verhandlung seiner familiären Beziehungen und auch, wenn er nicht konkret wird, spricht auch aus diesem Titel viel Schwere: "XO, Mom / It's okay, it's all right, nothing's wrong / Tell Mr. Man with impossible plans to just leave me alone / In the place where I make no mistakes / In the place where I have what it takes".

Auf "XO" war Elliott Smith auf der Höhe seiner Kunst und hatte gleichzeitig das nötige Backing, um seine Vorstellungen auszuleben.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Sweet Adeline
  2. 2. Tomorrow Tomorrow
  3. 3. Waltz #2 (XO)
  4. 4. Baby Britain
  5. 5. Pitseleh
  6. 6. Independence Day
  7. 7. Bled White
  8. 8. Waltz #1
  9. 9. Amity
  10. 10. Oh Well, Okay
  11. 11. Bottle Up And Explode!
  12. 12. A Question Mark
  13. 13. Everybody Cares, Everybody Understands
  14. 14. I Didn't Understand

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