laut.de-Kritik

Die Rapperin öffnet das Genre für neue Communities.

Review von

Bekanntermaßen handelt es sich beim Rap um ein betont maskulines Genre, in dem das Weltbild der glanzvollen 50er Jahre niemals endet. Muskeln wie Selbstbewusstsein gehören aufgepumpt, manchmal, um von geistiger Armut abzulenken. Ebow bemühte sich bereits auf "Komplexität" redlich, das gemeißelte Hip Hop-Image aus dem Stein zu entfernen. Nun stellt sie die bereits etablierten Themen des Vorgängeralbums noch ausdifferenzierter in den Vordergrund. In ihrer eigenen Lesart drehe sich "K4L" in Abgrenzung "zu dem im Rap so oft überrepräsentierten Ego" vor allem um "Communities".

So beleuchtet sie die Erfahrungen in Migranten-Milieus von mehreren Seiten. Im Titelsong setzt sie mit dem Slogan "Kanak for Life" einen Gegenpol zur nach wie vor herrschenden Stimmungsmache gegen Zugewanderte aller Couleur: "Lest am Sonntag die Bild, als wär' es die Bibel des fucking Problems". "Schluss damit, mit der Solidarität", fordern da die per Vocalsample eingefügten besorgten Bürger und wünschen sich Ebow und ihresgleichen zurück "in reiche Ölländer", "wo sie hingehören".

Während von einer Seite angegriffen wird, mündet die Idealisierung auf der anderen Seite in kulturelle Aneignung ("AMK"): "Red' normal, du bist kein Kanake, nein. Ihr kopiert nur wie 'ne Druckerei". Insbesondere die identitätsstiftende Sprache ihrer Peergroup erscheint vor der Übernahme schützenswert ("Slang"). Neben den kulturellen Komponenten findet sich wie auf dem vorherigen Album auch die geschlechtliche Identität in Form des feministischen Songs "Schmeck Mein Blut" wieder.

"Butterflies" soll laut Presseinfo die "Identität in der queeren Community" behandeln. Abgesehen von einigen wenigen Motiven ("Hier ist ein Regenbogen, der sich durch die Wolken zieht. Unter ihm stehen wir, tanzen zu diesem Beat") kommt die Message angenehm unaufdringlich daher. Vielmehr scheint es Ebow mit dem cloudig verträumten Lied darum zu gehen, die Allgemeingültigkeit der Liebe zu betonen und sich gegen den Zwang zur Politisierung zu stellen: "Tausch meine Angst gegen Liebe und lauf. Denn was wir haben, ist größer als ihre Politik."

Alle diese Themen tauchen im "Hengameh Skit" noch mal kombiniert auf. Die überdeutliche Ansage an "alle Almans und Cis-Heten, die sich migrantische, nicht-weiße und queere Ästhetiken aneignen", wird den Adressaten derart kaltschnäuzig vor die Füße geknallt, dass es fast wieder einen amüsanten Eindruck hinterlässt: "Tut auf Social Media nicht so, als ob ihr plötzlich Blutgruppe Ayran wärt". Dennoch grenzt sich der scharfe Vortrag von der entspannten Darbietung Ebows auf den umliegenden Songs ab: "Ein herzliches Mashallah von meiner Seite, aber jetzt verpisst euch".

Wenn Ebow sich aus der Realität ausklinken möchte, bedient sie sich nach wie vor Rauschmitteln. Produzent Walter p99 arke$tra steuert die zur grünen Brille passenden Instrumentals bei. Während in "Zug" Tierlaute durch den halluzinierten Urwald hallen, schleppt sich der Beat zu "High" vor sich hin, verläuft sich gelegentlich und findet wieder in die Spur. Dazu setzt sich der Text der Rapperin aus wilden Assoziationen zusammen. In Summe ergibt das ein durchdachtes, wenn auch nicht leicht zugängliches Experiment.

Im Gegensatz zu Basstards abgründiger Interpretation des vom Kunstlicht erfassten Lebens, entfaltet Ebows "Neon Licht" einen transzendenten Sog. Dagegen verpasst ihr Produzent der herkömmlichen Story um Eifersucht und Betrug in "Ja Ja" einen passend konventionellen Trap-Beat. Während "Blau" einen kryptischen Text mit einem tanzbaren Strudel verbindet, verschreibt sich "4.20" dem Cloud Rap und liefert nebenbei das drogenpolitische Gegenprogramm zu "High": "Don't do drugs".

Die viel beschworene, aber selten wahre Werbeformel, wonach sich jemand in keine Schublade stecken lasse, trifft auf Ebow tatsächlich weitgehend zu. Dass sich mit ihrer Musik keine großen finanziellen Sprünge machen lassen, weiß die gebürtige Münchenerin wohl selbst am besten: "Wieso kommst du an mit Business? Is' nicht, is' nicht, is' nicht". So ist sie weit davon entfernt, ihre Einzigartigkeit zugunsten monetärer Anreize zu opfern. Ganz zu schweigen davon, dass sie es gar nicht nötig hätte, alles auf eine Karte zu setzen: "Hab' 'nen Master of Science. Wer will sich jetzt mit mir vergleichen?".

Trackliste

  1. 1. Eren (Skit)
  2. 2. K4L
  3. 3. Butterflies
  4. 4. Slang
  5. 5. Zug (mit One Mother)
  6. 6. High
  7. 7. Ja Ja
  8. 8. Blau
  9. 9. Neon Licht
  10. 10. 4.20
  11. 11. Hengameh (Skit)
  12. 12. AMK
  13. 13. Schmeck Mein Blut
  14. 14. Senthuran Varatharajah (Skit)

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9 Kommentare mit 3 Antworten

  • Vor 17 Tagen

    Nicht mein Fall. Finde die Instrumentals nicht wirklich spannend, die lofi Quali nervt und der Mix ist auch eher bescheiden. Von den Skills ebenfalls maximal durchschnittlich, was bleiben sind "provokante" Inhalte, die bei näherer Betrachtung auch normaler klingen, als sie vielleicht wahrhaben will.

    Was mit richtig abfuckt, ist ihre Art zu reden (Interviews) und diese künstlich, stilisierte Knack-Attitüde, hatte schon mal erwähnt wie unglaublich nervtötend ihr Besuch bei Josie und Helen war.

  • Vor 17 Tagen

    Frauen haben es aber auch einfach schwer im Deutschrap!

  • Vor 16 Tagen

    Fand die bei der Tapefabrik auch eher unterirdisch. Dieses Alman-Kanak Gebabbel fördert nur den Zwiespalt und lässt nicht weiter zusammenrücken. Also praktisch konträr zu ihrer ach so tollen "open minded" Attitüde. Versteh auch nit was an ihren Texten provokant sein soll. Gibt schon einige Rapper die diesen Film fahren, nur hört sich das dann weniger nach Puff und besser abgemischt an. Schade weil die Kollegin am Mic nicht ganz untalentiert ist.