laut.de-Kritik

Vergib mir, Vater, ich verfalle in verletzendes Vokabular!

Review von

"Deutsche Rapper können nichts außer rumzufronten." Wer seinen Künstlernamen dergestalt als Akronym interpretiert (so geschehen im Interview mit hiphopholic.de), legt sich die Messlatte ganz schön hoch. Dr. Knarf nimmt diese Eigenbau-Hürde mit beachtlicher Eleganz. "Das Fliegen symbolisiert für mich das friedliche Loslösen von eingefahrenen gesellschaftlichen Konventionen und Automatismen." Mit endlos ausgeleierten Phrasen und wieder und wieder aufgewärmten Bildern hat der Kölner tatsächlich erfreulich wenig am Hut.

Als Appetithappen auf sein für Herbst versprochenes Album präsentiert Dr. Knarf ein kompaktes Vorab-Bonbon, dessen knappe sieben Nummern umfassende Tracklist bravourös über seinen Gehalt hinwegtäuscht. Allein schon der zehnminütige Stabreim-Overkill in "Jagdsaison" rechtfertigt jedes Fünkchen Aufmerksamkeit. Zugegeben: Erst nach etwa dreieinhalb Minuten habe ich gerafft, was hier wirklich passiert. Dann blieb der Unterkiefer aber auch gleich auf der Tischplatte liegen.

Sich buchstäblich einmal von vorne bis hinten durchs Alphabet zu alliterieren, ohne über dem Spaß am Wortspiel den Sinn zu schlachten - das sucht seinesgleichen, zumal punktgenau und schlafwandlerisch versiert vorgetragen, vermutlich vergebens. "Vergib mir, Vater, ich verfalle in verletzendes Vokabular!"

Vielleicht nerven den einen oder anderen die inflationär eingestreuten "Ha!"s oder Dr. Knarfs zuweilen recht asthmatisches Keuchen. Sein höchst interessanter, an Betonungen reicher Flow und die unverbrauchten Bilder machen dies jedoch mehr als wett.

Insbesondere letztere künden von einer scharfen Beobachtungsgabe. Ein Blick in Zeitung oder Nachrichten fördert "Tag Für Tag" weit gruseligere Geschichten zutage, als sie sich der finsterst dreinblickende Möchtegern-Gangster, sei er zur Abwechslung auch noch so phantasiebegabt, aus den Fingern zu zuzzeln vermag.

"Ich leg' mein Herz auf den Beat, mach' ihn unsterblich und flieg'." Dr. Knarf bittet um wenig mehr als "einen Moment deiner Zeit, nur acht Takte", um seine Eindrücke, Erfahrungen und daraus gezogene Lehren mitzuteilen. Statt mahnend den Zeigefinger zu erheben, tritt er als falsch und verlogen Erkanntes lieber gleich gepflegt in den Dreck.

Was Curse einst in zehn und nochmal zehn Rap-Gesetze packte, stopft Kniwo in einen einzigen Track, in dem er mit dem ihm eigenen dauer-höhnischen Unterton den Weg zum "Rap Superstar" skizziert. Der exzellente Geschichtenerzähler offenbart sich in wahrhaft "Clockwork Orange"-verdächtigen Szenarien in "Trink 'Ne Milch".

Die Beats, mit Ausnahme dessen zu "Tag Für Tag", der auf das Konto der Knockout Twinz geht, baute Dr. Knarf im Alleingang. Was bei oberflächlicher Betrachtung schlicht, zuweilen gar minimalistisch anmutet, offenbart beachtlichen Detailreichtum.

Dancehall-Elemente, orientalische Tonfolgen und Scratches zieren "Wie Ich Flieg". Die zur Schau getragene satte Selbstzufriedenheit in "OK" rahmen im Verlauf zunehmend schräger und individueller gestaltete Geräuschbasteleien. Keyboardsounds, Claps und flirrende Melodien tragen den Ausflug in die Milchbar.

Für "Acht Takte" dürfen es auch mal Streicher sein. Ohnehin scheint hier zu gelten: "Alles muss raus." So landen auch noch Darth Vaders Beatmungsgerät und eine jaulende E-Gitarre im Topf - zumindest auf die hätte ich zwar gut verzichten können. Angesichts der Tatsache, dass diese EP mehr bietet als so mancher Longplayer: gründlich egal.

Trackliste

  1. 1. Wie Ich Flieg
  2. 2. Tag Für Tag
  3. 3. Rap Superstar
  4. 4. Acht Takte
  5. 5. OK
  6. 6. Jagdsaison
  7. 7. Trink 'Ne Milch

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8 Kommentare

  • Vor 10 Jahren

    Weis nicht ob du das Video zu "Trink ne Milch" kennst, da wird der Clockwork Orange Aspekt seeehr deutlich:
    http://www.youtube.com/watch?v=mWukvzTzAzk

    Interessanter Rapper, kein biter Flow, gefällt mir. Finds erstaunlich, was dieser "gänzlich unbekannte" Rapper im letzten Jahr für eine grassroots (?) Promokampgne gefahren hat, kaum eine HipHop Webpräsenz die noch nicht über ihn berichtet hat und außer das "Trink ne Milch" Video kannte man lange nicht allzuviel von ihm.

    Scheinbar kommt der auch ganz ohne Umfeld, das man kennt und ihn pushed, auch nicht gerade gewöhnlich im Drap Zirkus. Bin mal auf das Album gespannt.

  • Vor 10 Jahren

    Welcher Idiot votet da eigentlich die ganze Zeit mit nur einem Punkt?

    "Trink 'ne Milch" ist nice, die EP bisher auch, vor allem aber das Video schockt.

  • Vor 10 Jahren

    @Horst Fux (« Welcher Idiot votet da eigentlich die ganze Zeit mit nur einem Punkt?

    "Trink 'ne Milch" ist nice, die EP bisher auch, vor allem aber das Video schockt. »):

    irgendson kollegah, fler, aggro berlin kiddi.

    und trink ne milch ist echt sehr nice :) Clockwork Orange =)