laut.de-Kritik

Honig im Kopf - jetzt aber wirklich.

Review von

Bekanntermaßen machte Dieter 'Didi' Hallervorden schon oft mit Provokationen auf sich aufmerksam. Ist ja schließlich auch ein gutes Mittel, um sich und seine Angelegenheiten zu promoten. Aber selbst wenn man dieses sogenannte Debütalbum von ihm als eine einzige Provokation ansieht - Stammtischgesülze bleibt Stammtischgesülze und unmusikalisches Gekrächze wird nicht plötzlich zu Whitney Houston. Die richtig taffen Musikschul-Gitarrensoli machen es auch nicht besser. Da fragt man sich wirklich, warum ihn niemand aus seinem persönlichen Umfeld davon abgehalten hat, sich zu blamieren wie nie zuvor - und das will bei einem Kabarettisten wie Didi schon etwas heißen.

Zum Einstieg blickt er mit "Mein Leben" auf seine letzten 86 Jahre zurück und nimmt sich dabei selbst auf die Schippe ("Ich provozierte als Clown und als Philosoph"), wohingegen "80 Plus" so manch bittere Alltagsprobleme älterer Menschen verbildlicht. Dafür findet Didi fast schon mundwinkelhebende Worte: "Und deine Zähne, langsam lose, dümpeln nachts in einer Dose". Für die musikalische Untermalung bei "Atemlos im Treppenhaus geht dir oft die Puste aus", bedient sich Didi beim Überhit der Schlagerqueen höchstpersönlich. Innerhalb kürzester Zeit vergeht einem das Schmunzeln aber wieder, wenn er Klischees wie "kleiner Mann", "aktiv wie ein Vulkan" und "geile Momente" aneinanderreiht.

Bevor er den "Tod" unter den Tisch säuft und ihm auf diese Weise entkommt, betreibt er in "Palim Palim" ebenfalls (ironische) Selbstbeweihräucherung und gesellt sich mit seinem zweiminütigen 'Lebenswerk' zu Namen wie Mozart, Eichendorff und Shakespeare. Ein bisschen Eigenlob darf man ja äußern - gerade bei einer derart langen Karriere. Mit der halbwegs positiven Kritik ist damit allerdings schon wieder Schluss.

Wer beim relativ späten Einsetzen der fusseligen Gitarrengrütze in "Mein Leben" schon hoffte, dass das eine einmalige Sache bleibt, den muss ich enttäuschen: Das musikalische Leitmotiv von "80 Plus" scheint darin zu bestehen, das unerträglich lange Solo aus dem Helge-Film "Texas - Doc Snyder hält die Welt in Atem" auszuschlachten. In nahezu jedem Song taucht dieses Bierzelt-Gerocke früher oder später auf.

Wer aus welchen unerklärlichen Gründen auch immer Lust darauf hat, unliebsame Familienfeier-Vibes zu simulieren, sollte sich unbedingt "Ehe", "Freiheit", "Stuntfrau" und - mein persönlicher Liebling - "Gendern" reinziehen. Das Vierergespann bildet das lose Mundwerk eines gewissen 'Onkel Günther' ab, wenn ihm eine volle Flasche Williams Christbirne in die Hände fällt und sie binnen weniger Momente reif für das Altglas ist. Sodann vergleicht man die "Ehe" mit einem Nudelsalat ("Erinnert mich manchmal an Nudelsalat / Erst schmeckt er lecker, dann wird er fad'") und legt ein Gespräch zwischen einem Pudel und einem Wolf als Symbol für "Freiheit" aus.

Noch dicker kommt es allerdings, wenn es an die vertonte Liebeserklärung ("Stuntfrau") geht. Als wäre Didis Gekrächze nicht schon schlimm genug, hakt sich auch noch seine quäkende Nudelsalat-Hälfte (und ehemalige Stuntfrau) ein: "Eine Stuntfrau muss zart sein oder sich prügeln / Bei dir darf ich nun deine Hemden bügeln / Das mache ich mit Stolz, Dieter Supermann" Autsch. Im Gegensatz zu "Gendern" ist das allerdings noch leichter Tobak.

Bereits im August sorgte er in einem Interview für Aufsehen, als er das Gendern als "Vergewaltigung der deutschen Sprache" bezeichnete und Vergleiche zu damaligen Sprachvorgaben von Nazi-Deutschland und dem Kommunismus zog: "Ich lass' mir nicht von einer Minderheit vorschreiben, wie ich mich in Zukunft auszudrücken habe [...]. Sprache entwickelt sich aus sich heraus. Es ist zweimal versucht worden, Sprache von oben herab zu diktieren - einmal von den Nazis und einmal von den Kommunisten. Das hat nur unter Druck funktioniert und eben auch nur temporär [...]."

Diese Vergleiche sind schon mal sehr unschön. Aber in "Gendern" treibt er es auf die Spitze, indem er das Gendern und seine Befürworter*innen mit jedem Wort verspottet, verhöhnt und verarscht. "Ich wurde geschlechtsneutral erzogen / Deshalb kann ich weder gut zuhören, noch rückwärts einparken", heißt es etwa im Intro. Zeilen wie "Muss ich den Zapfhahn jetzt Zapfhuhn nennen" und "Ich bin ein Freund der Gerechtigkeit / Beim Gendern tut mir Mutter- und Vatersprache leid" zeigen, dass er den Diskurs noch nicht so ganz verstanden hat.

Und wieder frage ich mich, wo sein Umfeld war, um ihn in der einen oder anderen Sache zu beraten. Denn natürlich kann er es privat so halten, wie er möchte. Nur tut man sich keinen Gefallen damit, diese Meinung öffentlich heraus zu posaunen und in dieser hitzigen Debatte nur Stammtischplattitüden als Argumente zu liefern. Danach muss man auch damit rechnen, für seine haltlosen Aussagen angegangen zu werden. Da zieht das Argument des alten Mannes, der keine Lust darauf hat, seine Sprache nach 86 Jahren zu verändern, nicht mehr.

Um abschließend in seinem Wortschatz zu bleiben: Was das Gendern laut Gandalf, dem Unweisen, mit der deutschen Sprache anstellt, macht "80 Plus" mit der Musik.

Trackliste

  1. 1. Mein Leben
  2. 2. 80 Plus
  3. 3. Palim Palim
  4. 4. Ehe
  5. 5. Freiheit
  6. 6. Hallervorden
  7. 7. Gendern
  8. 8. Keine Zeit
  9. 9. Stuntfrau
  10. 10. Tod
  11. 11. 80 Plus (Ohne Strom)
  12. 12. Mein Leben (Epilog)

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25 Kommentare mit 117 Antworten

  • Vor 2 Monaten

    deutsche steve martin einfach

  • Vor 2 Monaten

    Palim Palim, 0/5 für diesen greisen Depp.

  • Vor 2 Monaten

    "Da zieht das Argument des alten Mannes, der keine Lust darauf hat, seine Sprache nach 86 Jahren zu verändern, nicht mehr."

    Naja, macht aber halt auch keinen Sinn sich riesig drüber aufzuregen. Sprachlicher Wandel findet halt, egal auf welche Weise, in anderen Altergruppen und über Generationen statt und entsprechend wird der Kampf halt auch anderswo gewonnen als bei den wenig wandlungsfähigen und -willigen 80+ern und Ragis dieser Welt.

    • Vor 2 Monaten

      Natürlich ist auf laut.de nicht unbedingt die fortschrittlichste Community. Aber die beabsichtigten Sprachwandel sind mir noch nicht mal bei Dir aufgefallen. Wird halt die Zeit zeigen, ob es historisch zum ersten Mal gelungen sein wird, sowas durchzuziehen. Wie gesagt - es steht und fällt mit der gesprochenen Alltagssprache, und da finden Sterne etc. - abgesehen von sehr wenigen Ausnahmen - quasi überhaupt nicht statt.

    • Vor 2 Monaten

      Es ist mir nach wie vor ein Rätsel, was dieses Thema hier für Wellen schlägt. Ich habe zwar keine repräsentative Studie zur Hand, kann aber von ähnlichen Erfahrungen wie Ragism berichten. Kenne weder aus meinem privaten noch dem beruflichen Umfeld jemanden, der so spricht oder schreibt. Außerdem kenne ich keine Frau, die Wert drauf legt, auf diese Weise angesprochen zu werden.

      Sonst bin ich aber für freie Entfaltung. Wer gendern möchte, sollte das natürlich tun. Wer nicht, der nicht. Die ganzen Diskussionen darüber, welches der beiden Lager nun dümmer oder rückständiger ist, wirken irgendwie extrem rechthaberisch und bringen nicht wirklich irgendwas voran.

    • Vor 2 Monaten

      Dieser Kommentar wurde vor 2 Monaten durch den Autor entfernt.

    • Vor 2 Monaten

      Aber die beabsichtigten Sprachwandel sind mir noch nicht mal bei Dir aufgefallen."

      Naja, dann musste halt genauer hinlesen. Versuche generell meisten ungegenderte Ausdrücke zu benutzen und ab und an, unter anderem auch unter diesem Artikel, versuche ich mich auch am "Inklusivum". Sind aber (bewusst gewählt) auch Umsetzungen die weniger ins Auge fallen.
      Bin da andererseits aber auch alles andere als zu 100% konsistent.

      "Wird halt die Zeit zeigen, ob es historisch zum ersten Mal gelungen sein wird, sowas durchzuziehen."

      Meine das hier letztens mal das Beispiel der femininen Formen - Ärztin, Reporterin, etc.- gebracht hat, die es ursprünglich auch nicht gab und auf Wiederstand trafen, heute aber selbstverständlich sind.

    • Vor 2 Monaten

      Diese Formen, Movierungen, wurden aber spätestens ab dem 16. Jahrhundert schriftlich festgehalten. Es ist davon auszugehen, daß sie längst vorher im Sprachgebrauch waren. Da reden wir über natürliche Phänomene der grundsätzlich alles prägenden Alltagssprache. Das waren keine kleineren Gruppen, welche aktiv diese Alltagssprache verändern wollten. Man kann hier wohl auch kaum von feministischen oder ähnlichen fortschrittlichen Bemühungen sprechen, wie wir sie heute kennen.

      Gerade Dein Punkt, daß man sich teils bemühen muß, um sich wie gewünscht auszudrücken, macht es umgangssprachlich heikel. Wir neigen dazu, uns da eher direkt auszudrücken als zuerst einmal bei der Ausdrucksweise an sich einen Meta-Zwischenstopp zu machen.

    • Vor 2 Monaten

      Was meinst du denn genau mit heikel? Ansonsten ist das aber natürlich auch nur mittelfristig ein valides Argument. Eine neue Sprache lernen ist am Anfang auch schwer und wird später selbstverständlich. Und jemand, de im Schulalter oder früher bestimmte Sprachformen gelernt hat, übernimmt die in der Regel auch wie selbstverständlich.

      Ich glaube auch nicht, das groß viele Menschen erwarten, das man das alles sofort perfekt umsetzen soll. Die Frage ist halt eher, ob man die Argumente dahinter generell für sinnvoll erachtet oder nicht. Und wenn man das tut, gibt es eigentlich keine logisch besonderd stichhaltigen gründe, sich nicht mittelfristig etwas Mühe zu machen, das Umzusetzen auch wenn der realistische Umsetzungshorizont dafür eher Jahre und Jahrzehnte beträgt.

    • Vor 2 Monaten

      Mit "heikel" meine ich, daß Umgangssprache (im Gegensatz zur förmlichen Sprache, auf die sich die die aktuellen Bemühungen auch fast ausschließlich reduzieren) sich dadurch auszeichnet, direkt zu sein, und eher weniger Umwege über Metasprache und daraus abgeleiteten Formulierungen sucht. Man wird eher selten hören "Ich gehe mal eben zu Backenden / Bäcker*innen" als "Ich gehe mal eben zum Bäcker".

      Nun, über die Argumente dahinter wird erst einmal gestritten. Im Gegensatz zu Naturwissenschaften wird es hier auch nicht so schnell irgendeine Übereinkunft darüber geben, höchstens pragmatische Kompromisse. Historisch sind solche geisteswissenschaftlichen Fundamente ja schon öfter gescheitert oder zumindest stark eingeschränkt worden. Siehe: Linguistic turn, Positivismus, Postmodernismus usw.

      Wenn also in der Fachwelt schon vieles fraglich ist, bezweifle ich mal stark, daß sich die Sprache durch diese Bemühungen mehr verändern wird als sie es ohnehin dauernd tut. Wie gesagt: Abwarten.

    • Vor 2 Monaten

      'Man wird eher selten hören "Ich gehe mal eben zu Backenden / Bäcker*innen" als "Ich gehe mal eben zum Bäcker".'

      Gut, das Äquivalent wäre hier wohl eher "die Bäckerei", aber geschenkt.

    • Vor 2 Monaten

      Davon mal abgesehen ist es aber auch ein bisschen unfair formalsprachliche Lösungen der Umgangssprache gegenüberzustellen und zu meinen, die müssten da irgendwie hereinpassen. Es könnten sich ja auch alternative umgangssprachliche Lösungen etablieren, wobei ich da bei dir bin, dass sich so etwas nicht vorgeben ließe, sondern von sich entwickeln müsste. Bei Nachrichtenartikeln im Netz etc ist das natürlich etwas Anderes.

    • Vor 2 Monaten

      Ne, diese Ideen müssen da auch nicht reinpassen. Bin auch nicht pauschal dagegen, im Formalen Rücksicht zu nehmen. Was sich linguistisch durchsetzt, ist zum absoluten Großteil die nicht bewußt aufgenommene, verinnerlichte und dann gesprochene Alltagssprache. Ich finde es wunderschön, daß die immer unberechenbar bleibt.

      Bin auch vor allem in der Hinsicht kritisch wenn Leute ohne linguistische Kenntnisse meinen, sie kämen mit ihren beabsichtigten rationalen Versuchen besonders weit. Will auf keinen Fall so weit gehen wie zuletzt z.B. die Wagenknecht.

  • Vor 2 Monaten

    Hat anscheinend seit der Zusammenarbeit mit Schweiger bissl viel Honig im Kopf behalten. Hätte er sich die gespart, wer weiß?

    Vielleicht wäre er stattdessen wem begegnet bei dem noch was anderes mitzunehmen gewesen wäre außer wie mensch im höheren Alter nur noch durch dümmliche und provokative Äußerungen im Gespräch bleibt statt mit seinen künstlerischen Spätwerken...

  • Vor 2 Monaten

    Hallerorden legt den Finger in die Wunde. Linke Eliten wollen dem Volk ihre wirren Fanatasien aufzwingen nur interessiert es niemanden, was sich drei, vier Grünenwählerinnen ohne Haare in ihren Asta-Stübchen ausdenken. Das Volk denkt anders und will sich nicht von einer Minderheit diktieren lassen, wie es zu leben hat. Ist genau wie mit dem "Klimawandel": Linksgrüne, verwöhnte Wohlstandsgören wollen festlegen, was auf der Erde passiert, ohne den Hauch von Ahnung von Thermodynamik zu haben. Und nach der Demo gehts in den Flieger und wird Plastik gekauft. Das Volk vergist nicht.

    • Vor 2 Monaten

      @jpeterson:
      "Hallerorden legt den Finger in die Wunde."
      Wo genau singt er etwas von dem, was man man in Deinem Beitrag findet?

      "Linke Eliten"
      Roß und Reiter bitte benennen.

      "wollen dem Volk ihre wirren Fanatasien aufzwingen"
      Wo kann man das nachvollziehen?

      "Das Volk denkt anders"
      Wer ist das Volk? Du? Ist das nicht arg überheblich?

      "und will sich nicht von einer Minderheit diktieren lassen, wie es zu leben hat."
      Wer ist hier genau die Minderheit?

      "Ist genau wie mit dem "Klimawandel": Linksgrüne, verwöhnte Wohlstandsgören wollen festlegen, was auf der Erde passiert, ohne den Hauch von Ahnung von Thermodynamik zu haben."
      Was in aller Welt hat die Thermodynamik damit zu tun? Die Gesetze der Thermodynamik gelten nicht für ein offenes System wie etwa die Erde.

      "Und nach der Demo gehts in den Flieger und wird Plastik gekauft."
      Gibt's dafür Belege oder ist das nur wieder irgendein unbelegbares Vorurteil?

      "Das Volk vergist nicht."
      Ich halte diese Aussage für himmelschreiend naiv *und* überheblich ...
      Gruß
      Skywise

  • Vor 2 Monaten

    Hallervorden? Mich könnt ihr nicht verarschen - das sind doch die Kassierer!