10. Oktober 2009

"Noch zehn Jahre aushalten!"

Interview geführt von

Ganz unverhofft flatterte das Interview-Angebot mit den Goldenen Zitronen ins Mailfach und plötzlich ging alles ganz schnell.Aufregung in der fernen Redaktion, Motivationsmails an den Mann vor Ort, wichtiges Interview, bereite dich gut vor! Alles kein Problem, denn fragen muss man die Goldenen Zitronen kaum etwas. Wenn man Ted Gaier und Schorsch Kamerun vor sich hat, muss man nur ein Thema vorgeben.

Berlin, Kreuzberg. Es ist heiß, und so haben sich Ted Gaier und Schorsch Kamerun, Herz und Niere der Goldenen Zitronen, an einen Außentisch des Restaurants gesetzt. Während des Interviews wird das Mittagessen serviert.

Aber selbst das kann nicht verhindern, dass die Goldenen Zitronen tun, was sie immer tun. Mit vollem Mund geben sie ein Sittenbild der Zeit, eine kritische Bestandsaufnahme der letzten Jahre.

Wie lange habt ihr an eurer neuen Platte "Die Entstehung der Nacht" gearbeitet?

Ted: Letzten Sommer haben wir angefangen, also vor einem Jahr. Ich glaube, im Juli oder so.

Wie stark ist sie von der Finanzkrise beeinflusst?

Schorsch: Aus ökonomischer Sicht erstmal nicht. Kostet ja nicht so viel, das Studio. Ist ja fast nur die Miete. Inhaltlich muss das jeder selber rausfinden, aber ein paar Sachen spielen natürlich rein. Aber so ganz direkt sind wir erst mal nicht von der Finanzkrise betroffen. Alle Aktualitäten spielen natürlich mit rein, aber ohne dass es zu einem übergeordneten Thema würde. Die Goldis zur Krise, oder so.

Natürlich müssen wir trotzdem darüber reden. Ist der Kapitalismus tot?

Ted: Da gibt es ja einen Text auf der Platte: "Die Zuständigen klagten, zu viel Öl sei schon geflossen ... um es bei dem zu belassen, wie es seit Adams Zeiten war." So geht es ja. Die, die das alles angerichtet haben, sind auch die, die das alles wieder reparieren sollen. Schon erstaunlich, aber das hat man ja auch schon von Staaten gesehen, die bankrott gehen. Warum man da nicht die Führungskaste austauscht oder ein neues Prinzip an die Stelle setzt. Das ist das Paradox. Alle rätseln, woran es denn eigentlich liegt.

Schorsch: Es hat ja auch keiner das System in Frage gestellt. Man hat ja nur versucht, es zu reparieren. Das nennt sich dann Schutzschirm oder eine Bürgschaft dafür, dass es irgendwie weitergeht. Anstatt zu sagen, wir machen einen Cut, fangen neu an und ändern richtig was. Das System haben sie gerade wieder so zum Laufen gekriegt. Es scheint ja so zu sein, dass es jetzt so weitergeht. Und zum Teil ja genau so weitergeht. Niemand hat gesagt, dass der Kapitalismus nicht funktionieren würde, das war nicht das Thema. Wir haben Fehler gemacht, damit müssen wir umgehen und das verbessern, und dann gehts aber auch weiter. Im Großen und Ganzen ist das System nicht hinterfragt.

Ted: Das ist auch klassisch Kapitalismus, dass er sozusagen als Immunsystem reagiert. Es ist ja nur der falsche Kapitalismus der jetzt Armut produziert, Katastrophen und das Verschwinden der Mittelklasse. Und man würde das jetzt auf den Weg bringen, man reglementiert das und so weiter. Interessant ist halt, was einem ja auch selber auffällt, die neoliberale Logik ist so weit in uns herein geimpft worden, dass an so einem Nullpunkt wie jetzt gar keiner mehr da ist, der eine andere Theorie dagegensetzen könnte.

Das war in den 70er Jahren anders, da haben die ganzen jungen Leute Marxismus studiert und Ökonomie. Die haben sich damit beschäftigt und daran gebastelt wie es anders sein könnte. Die waren sozusagen mit den Plänen in der Tasche bereit. Kam dann nicht, aber naja ... (lacht)
Das ist heute ganz anders.

Schorsch: Es wird ja auch keine Alternative diskutiert. Ganz und gar nicht, von nirgendwo.

Gibt es denn eine?

Schorsch: Das ist schwierig. In den jetzigen Verhältnissen kann man wirklich schwer dran glauben.

Ted: Ich meine, wenn man es mal auf so einfache Beispiele runter bricht. Zum Beispiel der Einfluss von Corporations auf Musikjournalismus. Es ist mir ein Rätsel, wie das funktioniert. Zum Beispiel beim Musikmagazin Intro gibt es ja keine Trennung mehr zwischen den Interessen von Unternehmen, Marken und Musikjournalismus. Dass so etwas möglich wäre, hätte ich nie gedacht. Eigentlich völlig unverständlich, dass es dagegen keine Resistenz gibt und niemand sagt:

Sorry! Es ist dann auch nicht mehr cool eine Band gut zu finden, die mit einer coolen Marke operiert. Und die coole Marke findet die Band cool und so. Das ist dann nicht mehr cool im eigentlichen Sinne! Das Geheimnis ist weg. Aber trotzdem braucht es die Behauptung des Underground, des Rebellischen, als Gestus. Was sich dann an Piercings oder Tattoos zeigt. Aber warum die Leute da mit machen, das verstehe ich nicht.

Schorsch: Weil es vielleicht keine Kundschaft gibt. Wenn man sagt, wir berichten über etwas Alternatives, kriegst du dein Heft eben nicht voll.

Ted: Aber es gibt ja doch noch diese ganzen Mikrowelten, von Rockabilly bis ...

Schorsch: Aber die haben dann einen anderen Anspruch.

Die sind halt sehr spezialisiert.

Schorsch: Sehr spezialisiert!

Ted: Aber ein anderes Beispiel. Hast du zum Beispiel das Dockville Plakat gesehen? So ein Konzert in Hamburg. Das ist ja alles Ok, die Leute die das machen sind Ok, wir kennen die ja. Da soll ein ehemaliges Dock im Hamburger Hafen wieder aufgewertet werden, Gentrifizierung der Stadt und so. Aber wir haben gesagt machen wir nicht mit. Das fanden sie natürlich gemein, weil die Bands und alles sind ja in Ordnung.

Aber wenn man sich jetzt das Plakat anschaut, das ist einfach eine riesige Becks-Werbung. Erst mal ist das eine Werbung für Becks, und dann siehst du erst den Namen. Ich bin so heilfroh, dass wir das nicht mitgemacht haben. Obwohl es erst hieß: Ey Mann, ihr stellt euch immer so an! Da wird das wieder zu so einer Marke. Die Marke ist schon an die Stelle vom Act getreten. Das ist die Rolle von Kultur: Zulieferer und Anheizer für Konsum. Also dann hört es doch auf!

Schorsch: Und wenn man sich das Melt! Festival anschaut. Vom Setting ist das in Ordnung und da sind auch Leute dabei, die man sehr schätzt. Aber dass es gar keine andere Möglichkeit mehr gibt, als auf einer Converse- oder eine Becks-Bühne zu stehen, das finde ich echt schwierig. Ich weiß nicht, ob wir da überhaupt spielen würden, wo so massiv geworben wird. Aber wo kannst du dann überhaupt noch spielen? Und klar, wenn wir jetzt hier davon reden, dann gehe ich davon aus, dass auf eurer Internetseite irgendwelche Banner sind. Ohne das geht es ja auch gar nicht. Wir sind aber eigentlich eine Band, die auf solche Dinge verzichtet!

Gut, wir haben jetzt die Möglichkeit darüber zu reden, das bleibt uns. Wir können das vielleicht auch jeweils tun, wenn wir irgendwo auftreten, was wir auch machen. Ich könnte zum Beispiel in die Diskussion einwerfen, dass wir auf dem Melt! spielen sollten. Weil das ein Festival ist, auf dem ein guter Geist herrscht, mit dem man sich rein künstlerisch verwandt fühlt. Aber ich finde es trotzdem schwierig, wenn die Goldenen Zitronen auf einer Converse-Bühne auftreten. Das steht dann da riesengroß. Aber das geht mit unserer Ästhetik und mit unseren Inhalten nicht zusammen. Weil wir das ständig thematisieren in unserer Kunst. Das ist wirklich ein Problem.

Trotzdem darf man das nicht immer nur verteufeln, weil sonst hast du irgendwann gar keine Plattform mehr, auf der du das sagen kannst. Ich hab das mal erfahren, als wir im Pudel-Club in Hamburg waren. Mein Kumpel wollte mir für den Laden eine MySpace-Seite einrichten. Super, dachte ich, ist ja nett. Dann wollte ich mir das anschauen, aber bevor ich da reinkam, musste ich mich erst mal anmelden. Dann stand da auch Pudel-Club, aber oben war gleich ein Werbebanner. Es geht nicht ohne! Das finde ich wirklich undemokratisch.

Aber dass wir das ständig thematisieren, hat auch damit zu tun, wo wir herkommen. Wie wir sozialisiert wurden. Unsere Ideale waren mal ganz klar.

Ich habe auch das Gefühl, es bringt gar nichts, diese Superbewerbung. Da gibt es Plakate, da siehst du gar nicht mehr was stattfindet, weil da nur Bannerblöcke sind. Ich hab das Gefühl, das sieht auch scheiße aus. Die Labels kommen auch gar nicht mehr cool rüber in dem, was sie eigentlich wollen. Da ist Converse neben Becks, obwohl Converse ja so Streetware sein will, das funktioniert dann gar nicht mehr nebeneinander. Ich glaube, die machen da auch einen Fehler. Genauso jeweils die Plattform, auf der das stattfindet, die macht auch einen Fehler. Es geht dann eben doch um Kohle!

Ted: Das ist die Entwertung von Pop-Musik. Die Rückgänge der Plattenverkäufe haben ja nicht nur damit zu tun, dass die Leute sich Sachen brennen und so weiter. Ich glaube die Bedeutung von Pop-Musik als Identitätsfaktor für junge Leute ist verloren gegangen. Zu kommunizieren, rebellische Modelle auszuprobieren, ein anderes Leben. Dass das verloren geht, hat auch mit der Entwertung durch diese Branding-Geschichte zu tun. Wenn die Verheißung nur ist, dass ich ein geiler, tätowierter Typ bin, als Angebot, aber überall wo ich stehe, stehe ich vor irgendeinem Brand, das kann es nicht sein. Dann hast du nicht das Gefühl, selber etwas entdeckt, hinterfragt oder etwas auf die Beine gestellt zu haben.

Schorsch: Ich stehe explizit auf diesen Künstler, weil dieser Künstler anders ist. Aber der Künstler ist immer verbunden mit einem Label, das bei einem anderen Künstler auch auftaucht, den ich eben scheiße finde. Also hat man diese Nische freiwillig aufgegeben. Das ist genau das, was Ted sagt. Es ist entwertet, es bedeutet eben nicht mehr, dass man etwas Eigenes hat. Und es gibt auch nichts mehr zu entdecken. Das Geheimnis ist weg, und dann ist es auch irgendwann egal. Dann will ich auch irgendwann nichts mehr ausgeben für diesen Schrott. Also selbst freiwillig zu Schrott gemacht. Schon ein Problem. Das ist ja auch die Theorie der Ökonomie im weitesten Sinne.

Stolz auf Deutschland? "Totaler Blödsinn!"


Kommen wir zu einem anderen Thema. Was haltet ihr von Silbermond?

Ted: Sehr talentiert. (lacht)

Schorsch: Es ist jetzt kein Feindbild oder so. Ich finde eher problematisch, ich habe dieses Video gesehen, indem die Sängerin durch eine eingefrorene Demonstration läuft. Sie hat augenscheinlich etwas gegen diese unübersichtliche Welt und protestiert dagegen. Sie fordert ein, lass uns doch lieber zusammenrücken und mehr Halt geben gegenseitig. Das macht sie aber, indem sie das Moment des Demonstrierens gleich mit aufgibt, weil sie das scheiße findet. Das soll jetzt kein großen Dissen von uns sein, sondern eher eine Frage danach, ob das der richtige Zug ist. In meinem Verständnis sagt ihr Text an dieser Stelle, dass wir lieber aussteigen sollten. Und das ist schon ein Problem.

Ted: Vor allem nicht aussteigen in so einem Hippie-Sinne wie früher, das war ja auch eine Art, aufs Land zu ziehen, eine Landkommune aufzumachen. Sondern eine Zweierbeziehung und das kleine bürgerliche Private. Dass das die Lösung sein soll, ist reaktionär, anders kann man es nicht sagen.

Schorsch: Tatsächlich, ja. Es ist glaube ich die falsche Schlussfolgerung gegen diese -was ja wirklich schwierig ist- Überforderung, Hyperflexibilität und dieser ständigen Subjektivierung, dieses ständige Sich-darstellen-müssen. Das ist eher eine Beobachtung, dass ich glaube, dass es nicht der richtige Weg ist, sich da völlig rauszuziehen. Das geht nicht explizit gegen Silbermond, sondern ist eher vielleicht ein Generationsreflex. Silbermond ist ja schon eine der stärkeren aus einer bestimmten Generation. So würde ich es deuten, es ist eher eine Thematisierung davon.

Habt ihr auch Probleme damit, dass es modern wird, stolz auf Deutschland zu sein?

Ted: Ja! (bestimmt)

Schorsch: Das haben wir auch schon immer gesagt!

Ted: Also auf unserer "Fuck You"- Platte von 1990 steht: "Deutschland verrecke!" Wir dachten früher immer, das Schöne an Deutschland wäre, dass man nicht stolz darauf sein kann. Da kann man als Franzose oder Brite vielleicht Gründe finden, aber wir haben ja nun wirklich nichts! Auch historisch gesehen, wenn man die Reihe mal durchgeht, das sind alles Emigranten. Von Marx bis Marlene Dietrich und sonst wer.

Wir haben einfach nichts, also warum dann einen Identifikationspunkt setzen? Ne, wir sind darüber hinaus. Das habe ich in der alten BRD immer als ein Privileg empfunden, dass wir das Problem echt mal los sind. Dass wir über das nationale Scheuklappen-Ding hinweg sind. Ich finde es einfach nur lächerlich, dass dieses Bedürfnis jetzt wieder zurück kommt. Das ist so ein zivilisatorischer Rückschritt!

Schorsch: Es gibt ja auch verschiedene Dinge. Es gibt den radikalen Begriff davon und dann gibt es das, was Samy Deluxe auf seiner letzten Platte gemacht hat. Dass er plötzlich seine Wertschätzung herausarbeitet. "Ich muss auch mal sagen, dass es eigentlich Klasse ist, und dass ich etwas zurückzugeben habe, ich hatte hier all diese Möglichkeiten". Samy ist Afro-Deutscher, da ist es noch mal etwas anders in seiner Sichtweise.

Aber warum ich jetzt dankbar zu sein habe oder mich absetzen muss gegenüber anderen Nationen, das ist doch totaler Blödsinn! Aber das ist auch so eine komische Rückbesinnung, die ist so ähnlich zu empfinden wie bei Silbermond auch. Wenn ich mich hier so rüberstülpe, dann muss ich auch damit rechnen, dass ich rausfalle in dieser ganzen Multispurigkeit. Deshalb finde ich doch mal lieber meine Oma gut, oder das Land.

Ted: Das ist ja das, was man reaktionär nennt. Rückbesinnung auf diese Ideen aus dem 19. Jahrhundert, Familie und Volk. Das ist halt beides Schmarrn, was soll denn das?! Gerade für manche Bürger, also Bürger im klassischen Sinne, muss das Ziel eben sein, diese Kategorien zu überwinden. Da gibt es auch immer diese Diskussion, ob das bei letzten WM alles so schlimm war und so ...

Im Vergleich zu 1990 war es natürlich nicht schlimm, als es wirklich ein faschistischer Mob war, der diese Weltmeisterschaft und das "Wir sind wieder wer" zelebriert hat. Jetzt sind auch viele Immigranten dabei und so weiter. Nur, warum? Echt, warum? Das braucht es einfach nicht! Finde ich. Oder finden wir, das taucht in unseren Stücken zwischen den Zeilen öfter auf.

"Jung kaputt spart Altersheim"


Die Goldenen Zitronen stehen ja fast exemplarisch für Unabhängigkeit und Selbstständigkeit. Heutzutage ist der Druck auf die junge Generation enorm groß. Man muss funktionieren ...

Schorsch: ... Glaubt man jedenfalls ...

... Glaubt man jedenfalls, ja. Wie kann man da ausbrechen, wie kann man sich dem entziehen?

Ted: Ihr müsst noch ein bisschen warten! Die Bevölkerungskurve geht ja wieder nach unten, und dann braucht man Fachkräfte wie euch. Noch zehn Jahre aushalten (Gelächter), vielleicht ein bisschen studieren und ein bisschen rumhängen, durchhalten, und in zehn Jahren geht es dann richtig ab.

Schorsch: Es ist halt schwierig, eine Form zu finden, mit der man sagen kann, was einem nicht passt. Das ist kompliziert. Weil, und das ist ja keine neue These, weil der Mainstream das auch macht. Der Mainstream sagt, wir sind das andere Radio, oder etwas besonders Schrilles und Abseitiges. Von daher scheint es recht schwierig zu sein, überhaupt die Identität zu behaupten. Da hatten wir es noch leichter. Das liegt nicht nur an uns, sondern wir kamen auch aus einer anderen Zeit, in der man mit bestimmten Signalen sehr deutlich etwas gegen die Verhältnisse sagen konnte. Das scheint gerade sehr kompliziert zu sein.

Das kann man aber auch nachvollziehen, ich habe da schon Verständnis für. Wir haben da so einen Weg ausprobiert, auf den wir immer wieder zurückgreifen können. Und wir reiben uns an unseren eigenen Idealen, haben immer sehr an Ästhetik gearbeitet, und Die Goldenen Zitronen scheinen so eine Ästhetik gefunden zu haben, die tatsächlich nicht direkt zu vergleichen ist, weil wir immer wieder etwas Neues ausprobieren. Immer wieder versuchen, neu anzufangen, unser Handwerk zu verlassen und so weiter. Das könnte so ein Grund sein.

Ansonsten hat man es schwer. Wenn du jetzt sagst, ich mache eine kleine Erfindung, ganz platt gesprochen, und die ist wirklich besonders und anders, dann sind überall die kleinen offenen Kanäle und Scouts, die sofort was daraus machen wollen, das sofort aussaugen. Das war ja lange Zeit nicht so. Wenn man jetzt beispielweise Punk nimmt, das hat schon wirklich Jahre gedauert, bis man seine Lieblingsband mal im Fernsehen, Radio oder sonstwo zu sehen bekam. Jahre!

Heute ist es erst mal ein Mausklick, um unendlich mit Information vollgestopft zu werden, die man vielleicht gar nicht haben will. Da sind wir wieder am Anfang: Das Geheimnis geht verloren, es gibt quasi nichts zu entdecken und auszuleben, weil es sofort beschrieben und ausgeleuchtet wird. Das ist schwierig. Aber die falsche Reaktion wäre Eskapismus. Einfach zu sagen, dann lass uns eben ganz verschwinden. Das kann es ja auch nicht sein. Dann nimmst du dir deine Stimme.

Ted: Ich glaube eigentlich nach wie vor, auch wenn die Voraussetzungen heute andere sind, an diese 70er Jahre-Idee, eigene Strukturen aufzubauen. Sich weitgehend raushalten aus den etablierten Strukturen und vor allem gucken, dass man das in Kollektiven macht, wenn man ein gutes Gefühl hat. Wenn man nicht das Gefühl hat, dass jemand daraus Profit schlägt oder das vermarktet. Wie MySpace oder diese ganzen Netz-Erfindungen. Das sind ja auch alles so findige, lockere In-Zirkel, die so was erfinden, und plötzlich geht es halt um ein paar Milliarden. Im glücklichsten Fall. Sonst geht es halt darum, ob dein Fanzine so eine Art Intro wird oder ein Marken-Fanzine oder so. Aber das mit dem Rumhängen meine ich auch wirklich ernst! ...

Schorsch: ... Das glaube ich ehrlich gesagt auch ...

Ted: ... Die Kompetenzen, die man da lernt, im Rumhängen so zwischen 18 und 28, die man sich da erarbeitet, die sind total wertvoll. In unserer Generation war das ja auch verpönt, all zu sehr auf Marken und Konsum zu achten. Man ist halt getrampt. Diese Abschreckung heute, man kriegt nur noch teure Wohnungen, man kann nur noch verreisen, wenn man sich ein Zug- oder Flug-Ticket leisten kann, man denkt, man müsse Klamotten mit einer bestimmten Marke kaufen. Diesen ganzen Quatsch braucht es eigentlich alles nicht. Es gibt auch immer wieder Nischen in Städten, zum Beispiel Leipzig oder was weiß ich, da kriegt man auch ein Haus, wo man vielleicht für 80 Euro leben kann.

Das macht halt auch Spaß. Diesen Anti-Konsum-Purismus finde ich gar nicht das Interessante daran. Wenn ich zurückblicke, diese Art von Leben macht einfach Spaß! Und wenn du ausgehst, kennst du eben die Leute und dann gibst du kein Geld aus, wenn du saufen gehst. Du bist halt in einem funktionierenden sozialen Zirkel, in dem die Leute sich helfen. In dem die kommerzielle Welt ein stückweit ausgehebelt ist. Ich glaube, jeder von uns könnte mit einem Hartz IV-Ding besser leben, als jemand, der verinnerlicht hat, er brauche eine neue Küche, neue Klamotten und all das.

Das soll jetzt kein Aufruf sein, das Niveau runter zu schrauben. Aber für eine Selbstfindung und für eine Phase, in der man rausfinden muss, was einem wichtig ist im Leben, gerade wenn man jung ist, ist es total wertvoll, damit zu arbeiten! Die ganzen Finanzängste erst mal draußen zu lassen, wenn man kreativ schaffen will. Daran glaube ich nach wie vor. Und solche Leute gab es ja auch immer, die gibt es in jeder Generation, die so Organisationsformen jenseits der etablierten Strukturen schaffen. Aber man hat vor allem den meisten Spaß!

So was hört man nie. Man hört nur: du musst schnell sein, gut!

Schorsch: Man hat es irgendwie geschafft, den Leuten das Selbstbewusstsein dafür zu nehmen. Dass da jemand sagt, Ok, ich mach jetzt erst mal nichts. Das ist nicht drin, weil in dieser ganzen Vernetzung ist man auch schon irgendwie immer am Machen.

Ted: Du gehst jetzt nur noch zwölf Jahre in die Schule, bist früher mit deinem Studium fertig, und was hast du hinterher? Du hast nichts. All die Geologen, Sozialtherapeuten und sonst was, die sitzen dann erst mal da, arbeitslos. Mit 25 bist du dann schon auf Hartz IV-Niveau. Den ganzen Stress braucht es irgendwie nicht (lacht). Das ist mein Aufruf.
Früher gab es mal den Spruch "Jung kaputt spart Altersheim" von den Milchbubis (Punkband, Anm. d. Red.).

Schorsch: Ja, das muss man riskieren, aber das lohnt sich dann auch. Ich meine, du kannst auch einen Job machen und dir am Wochenende die Rübe zuknallen, das ist mindestens genauso anstrengend, wie wenn du irgendwie so gleichmäßig rumhängst und das Ding auf dich zukommen lässt. Aber überall flattern diese bescheuerten Beats und du glaubst, du musst denen nachgehen, aber das ist wirklich ein Irrtum. Es ist nicht so.

Ted: Vor allem macht der Mensch nicht nichts. Der Mensch baucht halt Muße. Wenn er die Muße hat, beschäftigt er sich mit Sachen, die schöpferisch sind. Das ist meine Überzeugung. Erst mal den Kopf frei kriegen, und das wirkt.

Aber es gibt ja auch den inneren Druck, den man sich macht.

Schorsch: Zum Teil wird man das Bürgerliche auch nicht los, das ist einfach so. Das ist auch sehr psychologisch, wem du wann was beweisen willst. Aber wer sagt dir eigentlich, dass du echt was schaffen musst? Wer sagt dir das? Das ist interessant. Irgendwann sagst du es dir anscheinend selber. Und das ist es eben, was man Subjektivierung nennt. Dieses Dabeisein und sich ständig zeigen. Es reicht ja nicht mehr, ein guter Schuster zu sein. Nein, du musst auch noch ein Schuster sein, der als Schuster auch noch cool rüber kommt. Das ist grausam, das musst du immer sein.

Wir haben in unserem Unterbewusstsein mittlerweile gelernt, dass man irgendwie auch als Persönlichkeit etwas hergeben muss. Es geht nicht um die Frage, mal sehen was der Typ jetzt so schreibt. Nein, wir fangen an zu lernen, darauf zu schauen, wie der Typ nun rüber kommt. Das ist grausam, weil du auch darüber noch ständig überprüft wirst. Das ist grausam, das macht man die ganze Zeit. Man wird echt zum Selbstmanager. Dazu ist man anscheinend aufgerufen.

Da muss man sich einfach mal fragen und befragen, was man da eigentlich treibt, und ob man das wirklich so will. Ich kann nicht behaupten, dass wir das so hatten. Wir sind eher in Nischen reingekommen, in denen man längere Zeit ausprobieren konnte, ohne dass man dadurch berührt wurde.

Ted: Wobei, in der Hippster-Szene bist du natürlich Profi im Vermarkten. Schon mit 18 in der New Wave Zeit musste man cool rüberkommen. Das war bei den Punks ne ganz wichtige Sache. Gerade so Lou Reed-mäßiges Zeug. Daher kommt ja die Vermarktung. Dass ein Schuster sich heute selbst promoten muss, liegt auch daran, dass Coolness ins Zentrum des Kulturverständnisses gerückt ist. Wir sind natürlich Vermarktungs-Profis auf eine Art und Weise. In einem besetzten Haus cool rüberzukommen, das hat uns gereicht.

Aber wenn man mal so schaut, was aus den ganzen Leuten geworden ist, da gehört Blixa Bargeld auch dazu (Frontman der Einstürzenden Neubauten, Anm. d. Red.), oder Daniel Richter, der unser Cover gemacht hat, der mittlerweile ein Malerstar in Deutschland ist mit Neo Rauch zusammen. Das Paradoxe ist, dass es uns jetzt hilft, reale Karriere zu machen, dass wir so Typen sind. Wir sind das Original oder so was. Das ist auch ein Paradox. Dass wir das bekämpft haben, aber mit dem Bekämpfen haben wir es eigentlich befördert.

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