laut.de-Kritik

Das Drama einer Kultur.

Review von

"Nun, da sich der Vorhang der Nacht von der Bühne hebt, kann das Spiel beginnen, das uns vom Drama einer Kultur berichtet." Ja, sie hatten schon ein Händchen, als sie das Eingangssample von "MfG" pickten. Als hätten sie 1999 schon geahnt, dass sie lange genug durchhalten würden, um beim Niedergang der Kultur, die seinerzeit gerade erst Wurzeln schlug, mittendrin statt nur dabei zu sein.

Hip Hop, damals noch dieses komische neumodische Zeug, das die Jungs mit den umgedrehten Kappen hörten, ist ein Vierteljahrhundert später allgegenwärtig und längst zu dem mutiert, als das es Thomas D, Smudo, Michi Beck und And.Ypsilon schon immer verkauft haben: Pop-pop-populär-Pop. Viele sind gekommen und gegangen, die Fantastischen Vier sind geblieben, schon so lange, dass es einem inzwischen sogar vorgestrig vorkommt, auf das Quartett einzudreschen.

Warum auch? And.Ypsilon hat dazu noch nie irgendeinen Anlass gegeben. Von Hausmarke bekomm' ich groß nichts mehr mit. Thomas D und Smudo altern sympathisch unbekümmert vor sich hin und hinterlassen, der eine in seinem Natur-Erklärbär-Format "Wissen vor acht", der andere in der Jury der herzerfrischend unprätentiösen Rateshow "Sag die Wahrheit", gleichermaßen einen angenehm geerdeten Eindruck. Ich hab' nix gegen die Fantas, ehrlich nicht. Sie füllen Hallen, sie machen ihr Publikum glücklich. Das ist doch schön.

Wen juckt da schon, dass ich sie schon vor über zwanzig Jahren so langweilig fand, dass das Abschlusskonzert ihrer "4:99"-Tour die erste Show (und bis heute eine von an einer verstümmelten Hand abzählbar vielen) war, bei der ich vorzeitig gegangen bin, weil es perfekt war - und entsprechend sterbensöde? Die Fantastischen Vier agierten schon damals so schwäbisch-akkurat durchprofessionalisiert, dass man sofort wusste: Diese Ansage, dieses Witzle, diesen Move, all das haben sie akribisch ausgetüftelt, penibel einstudiert und am Abend davor haargenau so gebracht - und an dem davor und davor, und an dem davor auch.

Ich hab' also echt nicht mit großartigen Überraschungen gerechnet, als sie "The Liechtenstein Tapes" ankündigten. Sich durch den eigenen Katalog zu covern, erscheint bei einer Formation wie den Fantas sogar irgendwie sinnvoll. Wozu sich unnötige Mühe machen und neue Songs schreiben? Die Leute wollen doch ohnehin die alten Hits hören. Weil sie die kennen und damit irgendwelche nostalgischen Kindheitserinnerungen verbinden. Ich versteh' aus Fansicht zwar nicht, warum man zu diesem Behufe nicht auf die Originale von damals zurückgreift. Aus Geschäftemacher-Perspektive ergibt aber natürlich total Sinn, die Zielgruppe noch einmal neu abzumelken. Mit Live-Aufnahmen ist das ja bereits mehrfach geschehen.

Es könnte ja durchaus künstlerisch interessant sein, die eigenen, größtenteils jahrzehntealten Tracks einer Frischzellenkur zu unterziehen. Sie, wie es im Vorfeld dieser Veröffentlichung hieß, zu entstauben und sie "so zu interpretieren, wie sie heute, im Jahr 2022, klingen müssen". Die Resultate, 15 an der Zahl, finden sich auf "The Liechtenstein Tapes", und danach soll wahrlich niemand mehr behaupten, die Fantastischen Vier hätten im Jahr 2023 nicht mehr das Zeug dazu, mich amtlich zu überraschen.

Oh, ich bin überrascht. Ich bin angesichts des Gebotenen sogar bis hart an der Grenze zur Fassungslosigkeit baff. Ich hab' irgendwie echt gedacht, jetzt, wo den Fantastischen Vieren als etablierten Popstars alle Türen offenstehen, wo Geld eigentlich nicht mehr der limitierende Faktor, wo personell wie produktionstechnisch alles möglich sein sollte, kriegen wir ihre Dauerbrenner wenigstens in fettem Sound kredenzt, aufgebrezelt vielleicht mal wieder mit Orchester, vielleicht auch mit dem einen oder anderen Gast, der ein frisches Lüftchen wehen lässt ... doch: Pustekuchen.

Stattdessen hören wir vier nicht mehr taufrischen Männern dabei zu, wie sie ihre hundertfach runtergenudelten Nummern ein weiteres Mal runternudeln und dabei - kein Wunder! - zwar routinierter wirken, aber auch unbeteiligter, regloser und schlicht müder denn je. Wie Sachbearbeiter, die zwar pflichtbewusst, aber doch mit minimalem Aufwand ihren Job erledigen, bis sie endlich Feierabend machen dürfen.

Schon das eröffnende "MfG" klingt dermaßen schwachbrüstig, den Stoßseufzer "Ohjemine" hab' ich sehr gefühlt. Jedenfalls mehr als doch langsam leicht peinlich wirkende Aufforderungen des Kalibers "Zieht die Sachen aus und rastet aus" in Tateinheit mit der versprochenen "Drogenparty bis zum Untergang". Aber unter den ungebrochen troyen Fans finden sich bestimmt auch wieder Dutzende, die sogar "Yeah Yeah Yeah" als Beleg dafür betrachten, dass es die Fantas "immer noch draufhaben".

Je jünger die wieder aufgegossenen Nummern sind, desso weniger tut es weh, immerhin. Das liegt vielleicht aber auch daran, dass man bei "Danke" oder "Einfach Sein" die Vorlagen nicht so genau im Ohr hat. Warum ich mir eine erschöpfte Version von "Der Picknicker" oder ein "Sie Ist Weg" anhören sollte, das den Liebeskummer so weit hinter sich gelassen hat, dass er nur noch eine blasse Erinnerung ist: keine Ahnung, ehrlich nicht.

"Tag Am Meer" hatten die Fantas mit der wahrhaftig fantastischen Version auf ihrem gelungenen "Unplugged"-Album vor über 20 Jahren schon durchgespielt: SO hätte man ein Cover-dich-selbst-Projekt angehen können. Das hätte dann auch etwas zu bieten gehabt. Statt dessen bekommen wir ein "Ernten Was Wir Säen", das, um es noch ein bisschen gestriger klingen zu lassen, ein minutenlanges zopfiges E-Gitarren-Solo aufgepfropft bekommen hat. Oder einen "Krieger", der wirklich alles von seinem schamanischen Zauber verloren hat. Thomas Ds Stimme war schon im Original das schwächste Element. Hier sumpft sie nun fast restlos im Hintergrundsound ab.

Wer hat denn das abgemischt, samma? Und wer hat es abgesegnet? Fragen, die einem immer wieder ins Gesicht springen, zusammen mit der größten von allen: Wer braucht diesen Aufguss? Was sind das für Leute, die sich einen gespielten Witz wie "Die Da!?!", den man einem Rudel alberner Jungs ja noch vergeben konnte, zum x-ten Mal ohne jede Variation von erwachsenen Männern erzählen lassen und das nicht wenigstens ein bisschen hängengeblieben finden?

Wenn man sein eigenes altes Material schon in die Jetztzeit zerren muss, hätte ich mir musikalische und textliche Überarbeitung gewünscht. Einen neuen Twist im Storytelling, vielleicht. Frische Akzente im Sound. Bläser, die funkeln, irgendeine Spur von Begeisterung versprühen, statt zu tönen, als hätte man halt die erstbesten Mietmusiker angeheuert, die minimalaufwändigen Dienst nach Vorschrift runterreißen. Wenn das alles nicht passiert, könnte man doch wirklich gleich bleibenlassen und einfach eine Greatest-Hits-Sammlung verhökern.

Hier hat sich ja noch nicht einmal jemand über eine sinnvolle Track-Reihenfolge Gedanken gemacht. Die Abschiedsnummer "Danke" klatschen sie direkt hinter einen Anheizer wie "Yeah Yeah Yeah". Danach ein bisschen zusammengewürfelter Hit-Salat. Mit "Troy" hätte sich der Sack sinnvoll zuschnüren lassen, auch wenn das zuvor Gebotene die Behauptung "Wir sind noch immer die Fittesten, Frischesten" Lügen gestraft hat. Die nächsten Zeilen, "sicher noch ewig im Business, mindestens solang wie ihr mit uns mitzieht", dagegen: q.e.d.

Danach folgen aber noch (leidlich funky) "Populär" und "Zusammen" mit Clueso. WM-Mitgröl-Schlager funktionieren hierzulande halt immer noch am besten. "Komm', lass' 'n bisschen noch zusammenbleiben. B-bisschen noch." So wirds wohl auch kommen, solange die Zielgruppe kriegt, was die Zielgruppe verlangt.

... und die Leute wollen ja offenbar diesen künstlerischen Offenbarungseid, wie der Blick in die Kommentarspalten zeigt: Die "Endlich-wieder-guter-deutscher-Hip Hop!!!"-Fraktion ergeht sich dort in Lobhudeleien, dass du denkst, soeben müssen mindestens Tupac und Biggie aus dem Rap-Olymp herniedergefahren sein, um die hiesige Szene in der Kunst der Imkerei zu unterweisen. Jesses.

Sie sahen: das Drama einer Kultur. Vorhang! Bitte, schnell!

Trackliste

  1. 1. MfG - Mit Freundlichen Grüßen
  2. 2. Yeah Yeah Yeah
  3. 3. Danke
  4. 4. Der Picknicker
  5. 5. Endzeitstimmung
  6. 6. Ernten Was Wir Säen
  7. 7. Einfach Sein
  8. 8. Sie Ist Weg
  9. 9. Tag Am Meer
  10. 10. Krieger
  11. 11. Hitisn
  12. 12. Die Da!?!
  13. 13. Troy
  14. 14. Populär
  15. 15. Zusammen feat. Clueso

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16 Kommentare mit 47 Antworten

  • Vor 14 Tagen

    Einmal mehr holt mich Dani Fromm mit der für mich grenzwertig "cool-metaphorischen" Sprache nicht nur nicht ab, sondern hier wird auch noch eins drauf gesetzt. Mit einem Seitenhieb am Ende der Rezension, dessen Inhalt nun wirklich nichts mehr mit dem Album zu tun hat, wirkt das auf mich gerade so, als braucht es die Meinung der unwissenden Leserschaft nicht. So lässt sich der Gnadenpunkt noch besser rechtfertigen, haben ja eh alle keine Ahnung, die anderer Meinung sind.

    Bewertung von Musik muss subjektiv sein, unbedingt. Doch schade ist, wenn hier eine nicht erfüllte Erwartung zu viel Raum beansprucht und gänzlich keine objektiven Bewertungspunkte mehr zulässt.
    So ist das Album durchaus handwerklich und technisch durch die Musiker und Studiotechniker sehr gut produziert. Was den Qualitätsanspruch der Künstler widerspiegelt wird hier leider als runtergenudelt, unbeteiligt, regungslos, schlicht und müde klassifiziert. Kein Hauch von Anerkennung, dass selbst nach so vielen Jahren der Bandgeschichte ja genau die Standard-Songs von den Fanta Vier mit einer solchen Aufmerksamkeit im Studio abgearbeitet werden. Wäre es anders, ja unprofessioneller, dann wären die Ohrfeigen von der anderen Seite mit voller Härte eingeschlagen. Gut, das ist nur Vermutung, doch lese ich mir den gesamten Bericht durch, so steigert sich die Autor:in in eine selbst gewählte emotionale Eskalation hinein, die eben darin mündet, sogar gegen die eigenen Leser zu schießen.... sehr schade. Meine Leserwertung dazu 0 von 5.

    Zurück zum Album. Ich war nie ein ausgesprochener Fan der Fanta Vier und habe nur am Rande die Hits mitgehört, wann immer sie liefen. Und ich hätte mir nie eine nur "Best of" mit einem Durcheinander an originalen Aufnahmen gekauft, die mich durch die Eigenheiten der jeweilig zur Veröffentlichungszeit angesagten Stile geführt hätte. Denn alle Songs der letzten Jahre wurden so eingespielt, wie es "in" war, was kommerziell auch einleuchtet. Umso begeisterter bin ich nun von den Liechtenstein Tapes und dem Ansatz, alle Songs so aufzunehmen, dass sie auch 2022/23 passen und Spaß machen. Ja, sie hätten einen Hauch weniger Kompressor vertragen, doch technisch sind sie alle sehr gut aufgenommen und auch künstlerisch höre ich keine alten Männer, die sich in ein Studio wie die erstbesten Mietmusiker geschleppt hätten.

    Ich muss an dieser Stelle wirklich hinterfragen, was die Autor:in hier geritten hat, ein Bashing vom Feinsten abzuliefern ohne einen Rest von Objektivität zu bewahren. Bei Cover-Aufnahmen gibt es keine textlichen Überarbeitungen. Und natürlich sind Variationen dabei. Das angesprochene Solo, die neue Instrumentierung, die durchaus feine Akzente bietet und den Fuß sofort mitwippen lässt.

    Ein Autor:in der das nicht gefällt, sollte umso mehr eine gewisse objektive Sichtweise wahren um dann am Ende darauf hinweisen, dass das alles nicht "my cup of tea" ist, oder besser noch, die eigene Lebenszeit und die der Leser nicht mit etwas verschwenden, was offensichtlich keinen Spaß zu machen scheint.

    Aus meiner Sicht sind die Liechtenstein Tapes genau das, was mich jetzt in 2023 zu einem Fan dieser Versionen der ursprünglichen Hits hat werden lassen. Für mich genau das, was mir bisher immer an den Fanta Vier gefehlt hat, um meinen Zugang zu den Songs zu finden. Von mir gibt es einen dicken Daumen hoch und auch mein volle Leserwertung!

    • Vor 14 Tagen

      Ersteinmal: Es heißt Autorin. Keine Ahnung, was die Doppelpunkte da zu suchen haben.

    • Vor 14 Tagen

      er hat aber nicht so ganz unrecht...einmal mehr fällt dani fromm durch das verleugnen von alten idolen auf

    • Vor 13 Tagen

      @Capslockft: Wenn das die einzige Kritik ist, da kann ich mit leben. Meine Meinung zu Reviews bezieht sich auch generell auf alle Autor:innen, hier zufällig Dani. Daher habe ich es sehr allgemein gehalten.

    • Vor 12 Tagen

      "Ein Autor:in der das nicht gefällt, sollte umso mehr eine gewisse objektive Sichtweise wahren"

      Wieso denn? Es ist ne Rezension, die darf und soll subjektiv sein. (alle paar Wochen dieselbe Diskussion, jemine. :rolleyes:)

      "oder besser noch, die eigene Lebenszeit und die der Leser nicht mit etwas verschwenden, was offensichtlich keinen Spaß zu machen scheint."

      Die Autorin wird ja dafür bezahlt. Alle anderen sind nicht gezwungen, es zu lesen. Und jetzt lösch dich.

  • Vor 12 Tagen

    "Für mich genau das, was mir bisher immer an den Fanta Vier gefehlt hat, um meinen Zugang zu den Songs zu finden. "

    -> Das ist leider ein Spiegel des deutschen Mainstream-Musikgeschmacks. Alles wird seichter, die Erwartungen können mit halber Kraft locker bedient werden. Warum dann anders?

    So muss übrigens eine objektive Rezension aussehen:
    https://www.laut.de/Mariah-Carey/Alben/1-T…

  • Vor 3 Tagen

    Ich mochte dieses Hotelbar-Video mit den singenden Oliven im Martini irgendwie.
    Das ist das Positivste, was mir zum Thema einfällt.