laut.de-Kritik

Gesellschaftskritik - krächzend, exakt und bitterböse.

Review von

2002 veröffentlichten die Desaparecidos, Landon Hedges, Matt Baum, Denver Dalley, Ian McElroy und Damals-Wunderkind Conor Oberst, "Read Music/Speak Spanish". Entstanden in der unmittelbaren Folgezeit von 9/11 nutzten die jungen Musiker die Platte um ihre Unzufriedenheit mit Politik und Gesellschaft auszudrücken. Das Resultat war anders als alles, was Oberst zuvor oder danach allein, mit Bright Eyes oder den Monsters Of Folk ablieferte: Ein rauer, harter Sound, der in Emocore, Noiserock und Punk wurzelt, mit einem Frontmann, der mehr schreit als singt. Trotz anfänglicher Irritation ist "Read Music/Speak Spanish" zu einem Kultalbum dieser Zeit geworden.

Nach 13-jähriger Pause kehren die Desaparecidos nun zurück. Ihr 'Comeback' bereiteten sie gleichwohl in mehreren Etappen vor: 2010 traten sie zum ersten Mal wieder gemeinsam beim Concert for Equality in Omaha auf. Seit 2012 erschienen sechs Vorabsingles. Jetzt folgt die zweite Platte "Payola". Der Grundtenor lautet: Rassismus ("MariKKKopa"), Feelgood-Onlinepetitionen ("Slacktivist"), staatliche Überwachung ("Search The Searches") und zu viele andere Dinge stoßen ihnen sauer auf. Mittlerweile ist die Verbindung aus politischer Positionierung und populärer Musik eher ungewohnt. Einige Künstler wollen sich bewusst enthalten. Die Band aus Omaha gehört nicht dazu.

Als wären sie nie weg gewesen, legen sie mit Gitarre und Keyboard im poppigen Punk-Opener "The Left Is Right" los. Der Song, bereits 2013 erschienen, umreißt den Verlauf der Occupy-Bewegung und macht klar, auf welcher Seite die Desaparecidos stehen: "If one must die to save the 99, maybe it's justified". Die Kluft zwischen privilegierter Oberschicht und dem Rest greift auch "Golden Parachutes" auf, für das Laura Jane Grace von Against Me! hinzustößt: "It's a frat house full of silver spoons watching pornography of busts and booms / It's a locker room for CFOs telling racist jokes".

Dazu krachen die Gitarren wie in einem Clash-Song. Wie im darauffolgenden "Radicalized" geht Oberst dazu über, seine Lyrics hervorzugrölen statt zu singen. Die Desaparecidos haben nichts an wütender Verzweiflung und Empörung eingebüßt. Und auch wenn ihre Mitglieder Mitte 30 plus sind, sitzen ihre Schläge immer noch wie vor 13 Jahren. Das liegt nicht nur am Inhalt, sondern vor allem an der energischen Instrumentierung, die die Botschaften zum Knallen bringt.

Dabei folgen sie weiter den Pfaden des totgeglaubten Emo-Gitarrenrock, etwa in der Abrechnung mit der Musikindustrie "Backsell" oder hauen mit "Anonymous" eine 70er-inspirierte Punkhymne für das Hackerkollektiv raus. Assoziationen rufen sie an anderen Stellen mit den Pixies oder Cursive hervor. Tim Kasher, der Kopf Letzterer, schaut in alter Verbundenheit beim eingängigen "City On The Hill" vorbei, der jüngsten, sarkastischen Vorabsingle.

Was Baum, Dalley, Hedges und McElroy ihren Instrumenten entlocken, verstärkt das vernichtende Fazit von "Payola". Einem Vorbild wie der chilenischen Politikerin und studentischen Aktivistin Camila Vallejo ("Te Amo Camila Vallejo") steht Maricopa Countys Sherriff Joe Arpaio gegenüber, dessen Name mit Machtmissbrauch, Rassismus, illegalen Einwanderungsgesetzen und anderen Verstößen in Verbindung gebracht wird ("MariKKKopa"). Der Song stammt zwar schon von 2012. An dessen Position als Sheriff hat sich trotz allem nichts geändert.

Dazu müssten Menschen wieder mehr Aktion zeigen, glauben die Desaparecidos. Mit den Punkrockern The So So Glos kritisieren sie den neuen Typus des "Slacktivist": "Just 'like' this and the problem is solved", "We are trending towards a cause". Auf der anderen Seite finden sie in "The Underground Man" die Politikverdrossenen, die sich ihrem Schicksal fügen: "And you toe the party line even though it makes you sick".

Mit "Payola" fordern die Desaparecidos Engagement: Beschäftigt euch mit der Welt und dann handelt. Inhaltlich ist das schwere Kost, die Themen sind komplex und mit Anspielungen versehen, z.B. auf das Fairview Surveillance Program, die auf Anhieb vielleicht nur verschwommene Schlagzeilen-Erinnerungen wecken. Das verstärkt die Botschaft "Interessiert euch" aber nur. Anstrengend ist "Payola" deswegen nicht, sondern interessant und mit ausreichend Spielfreude, Dynamik und Melodien gespickt. Die Desaparecidos treffen den Nerv der Zeit. So krächzend, exakt und bitterböse führt Weltpolitik, Gesellschaftskritik und individuelle Vorurteile sonst kaum einer vor.

Trackliste

  1. 1. The Left Is Right
  2. 2. The Underground Man
  3. 3. City On The Hill
  4. 4. Golden Parachutes
  5. 5. Radicalized
  6. 6. Marikkkopa
  7. 7. Te Amo Camila Vallejo
  8. 8. Ralphy's Cut
  9. 9. Blacksell
  10. 10. Slacktivist
  11. 11. Search The Searches
  12. 12. 10 Steps Behind
  13. 13. Von Maur Massacre
  14. 14. Anonymous

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1 Kommentar mit einer Antwort

  • Vor 4 Jahren

    Kennt vom jungen Gemüse heute wahrscheinlich keiner mehr. (Endlich alt! Endlich Sätze mit "Früher, als..." anfangen!)
    Schöne Platte, tolle Melodien, viel Energie. Und trotz der ernsten Texte auch ein richtiges Sommeralbum.