laut.de-Kritik

Das Black Album des Synthie-Pop.

Review von

Die Frage nach der Zukunft wird Dave Gahan kurz vor der Veröffentlichung des Albums gestellt, im Februar 1986. Eben noch in den Hansa Studios, treffen sich Depeche Mode mit einer britischen TV-Moderatorin auf dem Rollfeld in Berlin-Tempelhof, gemeinsamer Flug über die Alpen, Ankunft in Nizza. Danach schnell rüber nach San Remo zum Festival della Canzone Italiana, einer Art italienischem ESC mit internationalen Gästen, wo der neue Song "Stripped" vorgestellt wird. Davor: Kurzes Interview an der ligurischen Küste. Die Journalistin fragt Gahan, woran man sich in zehn Jahren beim Namen Depeche Mode erinnern sollte. Der 24-Jährige antwortet: "An eine der großartigen Pop-Bands der 80er Jahre."

Recht hatte er, und doch wieder nicht. Denn selbstverständlich konnte niemand ahnen, welche fatalen internen Auswirkungen der Welterfolg der nachfolgenden drei Alben auf das Bandgefüge haben sollte und wie sich damit auch die externe Sicht auf die Gruppe veränderte. Zu Gahans Verteidigung: Im Februar 1986 wissen Depeche Mode noch nicht mal, wie die Öffentlichkeit Ende des Jahres auf sie blicken würde. Denn plötzlich schleppte der Songwriter der eben noch im prätechnoiden Wellblech-Pop-Segment reüssierenden Posterboys Songs an, deren Qualität sich schlecht in Chartsplatzierungen messen lässt.

Sie klingen vielmehr, wie es ein Album namens "Black Celebration" einfordert: ernst und düster, bisweilen bedrohlich. Dass Martin Gore hier zu einer Jahre anhaltenden Hochform aufläuft, erkennt glücklicherweise der experimentierfreudige Mute Records-Boss Daniel Miller, der - wenn auch selbst zunächst verzweifelt nach einer Hitsingle suchend - schützend die Hand über die Band hält. Mit dem eingespielten Studioteam um Gareth Jones entsteht das dritte Album in Folge in West-Berlin, wie bei David Bowie ist es das letzte, die Hansa-Trilogie des Industrial-Pop damit perfekt - und ähnlich einflussreich.

Unprätentiös, direkt und doppelbödig formuliert Gore existenzielle Gefühle von Einsamkeit über Zurückweisung bis zu lustvoller Romantik, durchzogen von diffusen Ängsten hinsichtlich Liebe und Sterblichkeit. Mit diesen lyrischen Grundlagen und den hinkelsteinschweren Stimmungsbögen der Emulator-Soundschmiede Alan Wilder/Daniel Miller mausert sich "Black Celebration" Mitte der 80er Jahre zu einem Coming-of-age-Vorzeigealbum. Es verfehlt seine Wirkung nicht. Die Zielgruppe sitzt in tendenziell einsamen Jugendzimmern in Austin, Göteborg und (mit zeitlicher Verzögerung) Zwickau, wo sich zwischen Busladungen von Haarspray drängende Fragen zu Körper und Sex angestaut haben, die sich im endlosen Abspielen von Songs wie "A Question Of Lust" entladen. Pain and suffering in various tempos: Es ist das Album, das Fans zu Obsessiven macht. Der Nährboden für den zwei Jahre später eintretenden Triumph von Pasadena.

Die ersten drei Songs "Black Celebration", "Fly On The Windscreen (Final)" und "A Question Of Lust" gehen ineinander über und verstärken den Eindruck eines Konzeptalbums. Die Zeiten der Singles-Band Depeche Mode scheinen gezählt zu sein, und tatsächlich überfordert die spätere Hymne "Stripped" mit seinem dramatischen Gothic-Metal-Arrangement große Teile ihrer britischen Laufkundschaft. Platz 15 gilt als herbe Enttäuschung. Als Sire Records die Entscheidung trifft, in den USA stattdessen lieber die B-Seite "But Not Tonight" als Single zu veröffentlichen, scheint das Tischtuch mit Amerika zerschnitten. Tatsächlich ist der Song ein übersehenes Synthie-Pop-Juwel, in seiner gutherzigen Pop-Ausrichtung dem ambitionierten "Stripped" aber nicht ebenbürtig. Gores Verdikt zur Label-Entscheidung klingt eine Spur vernichtender: "Bei 'Stripped' saßen wir allein neun Tage am Mixing, 'But Not Tonight' war nach drei Stunden komplett fertig.".

Der Titeltrack "Black Celebration" leitet das Album mit einer feierlichen Tristesse ein, die trotz massivem Reverb-Einsatz eine ähnlich spröde Faszination aussendet wie das minimale The Cure-Album "Seventeen Seconds". Die Gothic/Wave-Szene steht entsprechend Gewehr bei Fuß, zumal Chefstyler Gore seinen nackten Oberkörper neuerdings vorwiegend in Bondage-Outfits hüllt und viel Zeit vor dem Kosmetikspiegel verbringt.

"Death is everywhere / there are flies on the windscreen" ist eine Schlüsselzeile des Albums. Später erweitert um "there are lambs for the slaughter" packt Gore hier die Ausweglosigkeit des Seins in harsches Vokabular und nimmt den Faden des Openers wieder auf, in dem es heißt: "To celebrate the fact that we've seen the back of another black day". Die einzige Herausforderung des Lebens besteht darin, der Freude über einen weiteren überstandenen Scheißtag Ausdruck zu verleihen, am besten mit Alkohol oder Sex (was man sich allerdings dazu denken muss). Der gebührende Sicherheitsabstand zum "verlogenen Optimismus" des sterilen Popgeschäfts der Mittachtziger, wie Gore es bezeichnete, war mit solcherlei Zeilen jedenfalls hergestellt.

"Fly On The Windscreen (Final)" ist soundtechnisch zunächst ein leichter Rückfall in orgiastische Sample-Gelage, entwickelt sich aber mit zunehmender Dauer zu einem Manual für klaustrophobische Sci-Fi-Keyboardteppiche. Grandios an dieser Stelle einmal mehr der Harmoniegesang von Gahan und Gore, hier wieder als Echo-Effekt inszeniert: Während der Sänger die morbiden Strophen im Refrain mit "Come here, kiss me, now" kontert, hechelt Gore ihm wie der angesprochene Liebhaber unentwegt "Touch Me" entgegen - kein Wunder spielte die Gay-Community spätestens ab diesem Album verrückt.

Die Stimmung ist creepy und wird nur noch getoppt vom lüsternen wie beklemmenden "A Question Of Time", in dem sich Gahan zum hämmernden Discobeat und einem ihrer eingängigsten Synth-Riffs schützend vor eine 15-Jährige stellt, um Schlimmeres zu verhindern. Alles weitere überlässt Gore der Fantasie der Hörer*innen. Live etabliert sich zu dem Song schnell ein von Gahan erfundener Klassiker der modernen Performance Art: "Pirouetten-Tango mit Mikrofonständer".

Auf ein und demselben Album einen anderen Song dann "A Question Of Lust" zu nennen, zeugt auch nicht von mangelndem Selbstwertgefühl: Es ist Gores Meisterballade, die auch Jahrzehnte später keinen Rost angesetzt hat. Entgegen seiner Gewohnheit singt er drei weitere Songs auf dem Album: Das sakrale und an seinem verschleppten Echoeffekt leidende "Sometimes", sowie die von Schwermut gezeichneten Balladen "World Full Of Nothing" und "It Doesn't Matter Two".

Gahan liefert mit dem melodischen Stimmungsaufheller "Here Is The House" einen Fan-Favoriten ab, der es lange nicht in Konzert-Setlists schafft, um gleich danach mit "Dressed In Black" den Dresscode vorzugeben, der sich schnell auf DM-Konzerten etabliert. Die Band nennt ihre deutschen Fans später halb belustigt den "Black Swarm". Im tanzbaren "New Dress" benutzt Gore Lady Diana als Metapher für das Desinteresse einer hochrangigen Politikerschicht an der Lösung weltweiter Katastrophen. Gleichzeitig attackiert er die Boulevardpresse, die ihrerseits lieber jeden Schritt der Medienikone abbildet. Ein Song, der Gore später peinlich ist, nachdem er von Dianas umfangreichem sozialen Engagement erfährt.

"Violator" mag das zu Recht als Klassiker verehrte, weltweit erfolgreichste und soundtechnisch am besten gealterte Album ihrer goldenen Ära sein. "Black Celebration" ist die Saat dieser Entwicklung und hievte Depeche Mode und elektronische Musik auf ein neues Level. Ziemlich genau zehn Jahre nach dem unbekümmerten Interview am Mittelmeer ist von der großartigen Pop-Band der 80er nur noch eine leere Hülle übrig, die sich scheinbar wehrlos dem Verfall hingibt. Nach einer desaströsen Tournee von 18 Monaten geben Depeche Mode ein groteskes Zerrbild einstiger Größe ab. Gore ist suchtkrank, Fletcher leidet an Depressionen und Gahan unternimmt einen letzten Selbstmordversuch. Allein sein Habitus zeigt an, dass ihm nichts mehr zuwider ist, als mit einer großartigen Pop-Band der 80er assoziiert zu werden. Words are meaningless and forgettable. Wilder, der einzige mental halbwegs stabile im Bunde, war schon im Jahr zuvor entnervt von Bord gegangen.

Der Ausstieg des Emotionsdirigenten wird heute von Fans als das Ende jener Ära bezeichnet, die mit "Black Celebration" ihren Anfang nahm. Auf der damaligen Tour steht in Cleveland der junge Trent Reznor im Publikum und ist vom Zusammenspiel von Mensch und Maschine begeistert: "I left that show grateful, humbled, energized, focused, and in awe of how powerful and transformative music can be ... and I started writing what would eventually become 'Pretty Hate Machine'." Wenige Wochen zuvor besuchte UK-Radio-Legende John Peel eines der Londoner Wembley-Konzerte und gab gewohnt visionär zu Protokoll: "I left Wembley a bit of a fan. If we are to have bands filling the world's stadiums, then let them be like Depeche Mode."

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Black Celebration
  2. 2. Fly On The Windscreen (Final)
  3. 3. A Question Of Lust
  4. 4. Sometimes
  5. 5. It Doesn't Matter Two
  6. 6. A Question Of Time
  7. 7. Stripped
  8. 8. Here Is The House
  9. 9. World Full Of Nothing
  10. 10. Dressed In Black
  11. 11. New Dress

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2 Kommentare

  • Vor 7 Tagen

    Tatsächlich eins ihrer besten Alben, sehr besondere Stimmung. Danach wurden sie für meinen Geschmack bisschen zu größenwahnsinnig.

  • Vor 6 Tagen

    Ich hab es damals zusammen mit Music for the Masses rauf und runter gehört. Die Atmosphäre hat mich einfach gefesselt … und der Witz war, ich kein Wort von den Lyrics verstanden :D Mit Violator und den Folgealben war die Fazination irgendwie weg.

    Danke für die sehr interessante Review! Endlich mal was über die Lyrics gelernt :D