laut.de-Kritik

Black Metal-Parts so voller Wärme hat man zuvor noch nie gehört.

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Bei "New Bermuda" sah es trotz des grandiosen Endergebnisses fast ein wenig danach aus, als würden sich Deafheaven in eine Sackgasse manövrieren. Der grenzoffene Blackgaze zog sich nach dem Durchbruch mit "Sunbather" wieder etwas zurück in seine düstere Schale. Die Kalifornier drohten, sich einzuigeln und zu wiederholen. Mit "Ordinary Corrupt Human Love" stoßen sie allerdings in eine gänzlich andere Richtung, lassen viel Licht in ihr Reich, schlagen die softesten Töne ihrer Karriere an, verabschieden sich teilweise komplett vom Metal – und liefern ihr bis dato wohl ausgereiftestes Album.

Die wichtigste Neuerung im Vergleich zum bisherigen Schaffen ist der stark intensivierte Einsatz von Klavier. Das Instrument entzerrt die Kompositionen an vielen Stellen enorm, fungiert quasi als Prisma, das die Zutaten des Songwritings Deafheavens transparent offenlegt. Noch immer pflegt die Band hie und da Raserei, doch während früher bei den Black Metal-Parts manchmal auch monotoner Durchzug begann, klingen die Patterns diesmal insgesamt pointierter, rifforientierter und schlicht griffiger. "Böse" bleiben Deafheaven dabei trotzdem – darin unterscheiden sie sich nach wie vor deutlich von den Genrepionieren Alcest, die selbst in ihren schwarzen Passagen nie wirklich aggressiv werden.

Bis die auf "Ordinary Corrupt Human Love" erklingen, dauert es jedoch eine ganze Weile. Das Album eröffnen Deafheaven mit friedlichem Klangfeld aus Meeresrauschen, Pianoarpeggios und Dreampop-Gitarre. Dazu spricht Gast Nadia Kury einen Spoken-Word-Auszug aus einer Kurzgeschichte des Autors Tom McElravey – Romantik pur. Shoegazer läuft ob der Weichzeichnerkulisse wohl schon jetzt der Saft aus den Lefzen; spätestens wenn George Clarke dieses perfekte Gemälde als verkrüppeltes Horrorwesen infiltriert und die Idylle mit seinem Black Metal-Gurgeln untergräbt, schweben auch die Blackgazer und Fans der ersten Deafheaven-Platten im siebten Himmel.

Untrennbar verknüpft mit dem Auftakt "You Without End" (immerhin schon über sieben Minuten pure Schwelgerei) ist der Elfminüter "Honeycomb". Bei dem kommt zunächst die harte Fraktion auf ihre Kosten. Nun versehen Deafheaven Clarkes Gekeife nämlich wieder mit Distortion, Tremolos, Blastbeats. Trotzdem entsteht mehr das Gefühl von Sonnenbrand als von nordischer Unterkühlung. Ganz ehrlich: Black Metal-Parts voll solcher Wärme habe ich tatsächlich noch nie gehört.

Unbedingt erwähnt seien auch die Lyrics George Clarkes. Er bezieht sich damit oft explizit auf bestimmte Schriftsteller, etwa Graham Greene und Julio Cortázar. Seine Texte erinnern in der Folge auch deutlich mehr an Kurzprosa oder Gedichte denn an Songtexte. Dabei spiegelt er den musikalischen Stil der Band – Kitsch und Abgründiges gehen bei Deafheaven Hand in Hand. So heißt es in "Glint": "Imagining you growing older / Somehow more beautiful / Surrounded by your children and children's children / The midnight blue of your calmness like evening / Chamomile, peppermint / Eyes as morning rosewater / I'm shrinking into your gown, tearing the pink linen / Of your belly, burying into your abdomen, and / Sewing the seam of your skin".

Abgerundet wird "Ordinary Korrupt Human Love" vom schwelgerischen Popsong "Night People". Chelsea Wolfe veredelt diesen, laut Clarke zeichnen sie und ihr Co-Writer Ben Chissholm für etwa 50 Prozent des Songs verantwortlich. Clarke hält sich hier zurück und tilgt somit in diesem Song auch den letzten Rest Metal. "Ordinary Corrupt Human Love" zeigt, dass Deafheaven auch außerhalb davon bestens zurechtkommen.

Trackliste

  1. 1. You Without End
  2. 2. Honeycomb
  3. 3. Canary Yellow
  4. 4. Near
  5. 5. Glint
  6. 6. Night People
  7. 7. Worthless Animal

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