laut.de-Kritik

Sylvians Meisterwerk erstmals auf Vinyl.

Review von

Der Weg von David Sylvian führte vom Pop mit Japan bis zum Ambient. Auf halber Strecke erschuf er um die Jahrtausendwende sein ultimatives Meisterwerk "Dead Bees On A Cake". Die Platte verzaubert mit wundervollen Liedern, die Glücksseligkeit und Melancholie zu reiner Poesie der Nacht verschmelzen. In erweiterter Ausgabe erscheint dieses Juwel nun erstmals als Doppel-LP samt Downloadcode.

Dass dieses Album 1999 überhaupt erscheint, mutet wie ein kleines Wunder an. Bis auf ein paar Projektarbeiten mit Langzeitfreunden wie Robert Fripp, Holger Czukay oder Ryuichi Sakamoto blieb der scheue Genius die gesamten 90er auf Tauchstation. Sein ebenfalls hervorragender Vorgänger "Secrets Of The Beehive" datiert von 1987. Im Frühjahr 1999 kehrt Sylvian inmitten aufkeimender Milenniumseuphorie zurück und setzt dem hektischen Trubel eines der unaufgeregtesten Werke der Musikgeschichte entgegen. Kaum jemand füllt die Position des großen Entschleunigers so souverän aus wie dieser entrückte Engländer.

Eine zentrale Schlüsselrolle spielen die beiden wohl wichtigsten Gefährtinnen in Sylvians Leben: Yuka Fuji und Ingrid Chavez. Erstere war einst Trennungsgrund für Japan, da sowohl Sylvian als auch Mick Karn mit ihr anbandelten und Karn hierin Verrat an der Freundschaft erblickte. Die Japanerin blieb auch nach Ende ihrer amourösen Beziehung Vertraute wie Freundin. Sie kümmert sich um das Artwork seiner Alben und veröffentlichte einen Fotoband über ihn. Noch wichtiger: Fuji vermittelte ihm den Zugang zum Jazz. Ohne ihren Einfluss hätte er hier weder zu entspanntem Jazzgroove gefunden noch Edeltrompeter Kenny Wheeler als Gast angeheuert.

Bei Chavez handelt es sich um seine damalige Gattin. Sylvian befindet sich auf Wolke 7, lebt mit der Amerikanerin in den USA und entdeckt dort erstmals den Blues. Dezent, aber bestimmt webt er mit filigranem Duktus den einen oder anderen Faden ein. Die intensive "Midnight Sun" legt er als bewusste Hommage an John Lee Hooker an. Gerade weil man ausgerechnet diese erdige Richtung am wenigsten von Sylvian erwartet, berührt dessen simultan so ernsthafte wie entspannte Herangehensweise erheblich. "They've stolen the moon, god only knows why."

Sylvians intensives Studium indischer Religion, Philosphie und Musik fließt als warmer Strom ein, der Zeilen wie Klänge gleichermaßen umspült. Als besonderer Anspieltipp kristallisiert sich die tiefgründige Anmut in "Krishna Blue" heraus. Mit traumwandlerischer Geschmeidigkeit verströmt das Kleinod eine sehr individuelle, erlesene Harmonie fernab jedes gängigen Weltmusik-Klischees. Mit Nachdruck schleicht sich der Hauch typischer Wehmut in seine Stimme und senkt sich wie ein Schleier über die Atmosphäre. "It's all in the way that she moves. The grace and the light will see me through."

Die synergetische Allstar-Besetzung dieser Platte besteht ausnahmslos aus Koryphäen von Weltrang wie Marc Ribot, einmal mehr Kumpel Ryuichi Sakamoto, Bill Frisell oder Bruderherz Steve Jansen. Jeder einzelne steuert sein Scherflein bei, gegenseitig spornen sie sich zu künstlerischen Höchstleistungen an. Sakamoto etwa fügt eine Handvoll orchestraler Passagen und Streicher-Arrangements hinzu, deren virtuose Unaufdringlichkeit bemerkenswert klingt.

In "All Of My Mother's Names" wandeln Ribots Gitarre und Sylvians Keyboards sogar auf Miles Davis' "Bitches Brew"-Spuren, wobei der eine den Level John McLaughlins erreicht und der andere die Handschrift Joe Zawinuls trifft. Gemeinsam erzielt das Team über die volle Spielzeit weit mehr als die Summe ihrer Einzelteile.

Die hier zusätzlich untergebrachten Stücke fügen sich nahtlos ein. Obwohl sie aus denselben Sessions stammen, sortierte Sylvian sie damals aus, um das Material auf einer CD unterbringen zu können. Virgin veröffentlichte die Tracks später auf der Zusammenstellung "Everything And Nothing". In erster Linie sticht hier das famose "The Scent Of Magnolia" heraus; ein Juwel, das sogar unter passionierten Sylvianern weitgehend unbekannt blieb.

"Opened up the pathway to the heart ..." Kein Meisterwerk ohne passenden Übersong! "I Surrender" ist womöglich das wundervollste Lied, das Sylvian je schrieb. Auf zwei Gitarren (Ribot, Sylvian), einem Rhodes-Piano (Sakamoto) und Strings (Sylvian, Sakamoto) plus Jansens Percussion gleitet man hinein. Das Stück lädt nicht nur ein. Es verführt regelrecht und klingt wie die Verheißung einer wohlig-warmen Stube, die den von Frost wie Nässe müden, ausgezehrten Wanderer als Oase des Glücks erwartet. Spätestens sobald Wheelers Flügelhorn und Lawrence Feldmans Flöte erscheinen, wird man unwillkürlich Teil dieses fein gesponnen Kokons.

Auch textlich legt er den Track als Ziel einer langen, entbehrungsreichen, teils sogar bitteren Reise an. Die Erlösung manifestiert sich in Form einer unbekannten Schönheit – zweifellos Sinnbild von Chavez – deren Machtfülle den Erwählten aus dem Käfig seiner Traurigkeit befreit. Ein Kummer, der nicht einmal durch Weisheit und Erkenntnis gemildert werden konnte. Sie entzündet all seine gelehrten Bücher, wirft deren lodernde Fetzen ins Meer und deklamiert: "Come find the meaning of the words inside of me."

Trackliste

  1. 1. I Surrender
  2. 2. The Scent Of Magnolia
  3. 3. Dobro #1
  4. 4. Midnight Sun
  5. 5. Cover Me With Flowers
  6. 6. Krishna Blue
  7. 7. Albuquerque (Dobro #6)
  8. 8. Thalhiem
  9. 9. Alphabet Angel
  10. 10. Godman
  11. 11. Cafe Europa
  12. 12. Aparna And Nimisha (Dobro #5)
  13. 13. Pollen Path
  14. 14. The Shining Of Things
  15. 15. Wanderlust
  16. 16. All Of My Mother's Names (Summers With Amma)
  17. 17. Praise (Pratah Smarami)
  18. 18. Darkest Dreaming

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5 Kommentare mit 17 Antworten

  • Vor einem Jahr

    Surrender, was ein Monstersong!

  • Vor einem Jahr

    seit 10 jahren wollte ich unbedingt über sylvian-solo schreiben. das japan-porträt hier zu verfassen hat zwar auch spaß gemacht. aber vor allem solo und besonders mit dieser scheibe gehört er zu meinen allzeit-helden auf dem level bowie, reed, cale, waits, cohen, murphy, friday.

    insofern bin ich außerordentlich erfreut über diese veröffentlichung, die mir endlich die ersehnte chance dazu gab.

    nun handelt es sich offiziell bei der rezi zwar um keinen bestandteil der meilenstein-rubrik. in gewisser weise und rein qualitativ kann man diese platte jedoch getrost als sylvians meilenstein betrachten und bezeichnen.

    absolute kaufempfehlung meinerseits für jedermann, egal was man sonst so hört.

  • Vor einem Jahr

    Merci beaucoup, Herr Anwalt! Oft treffen die Gothic-Sachen und ähnliches, die du hier öfters besprichst, nicht so meinen Geschmack. Aber der tolle Text zu diesem Album hat mich neugierig gemacht und was soll ich sagen: Es ist wunderbar! Dieser entspannte Vibe, der trotzdem nie auch nur im Ansatz ins Uninteressante abdriftet, das super Songwriting mit grandiosen Melodien und diese vielen musikalischen Details und Spielereien, ein Bläser hier, eine Gitarre dort.. Klasse!
    Warum gibts eigentlich nur 4 Punkte? Das liest sich eher wie 8 von 5 :D

  • Vor einem Jahr

    Elitäre Mucke für Eliten?! Stimmt schon alles was der Anwalt so schreibt, beim ersten reinem drüber stolpern kam mir nunmal der Gedanke und da ich auf meine ersten Gedanken was gebe....blub.

    Nein Anwalt ist schon ein feiner Tippgeber bezogen auf gute Mucke, süffisant nicht unerwähnt bleibend dürfen, wenn es nicht gerade der angestaubte schwarze Ledermantel ist, den er dir andrehen will.

    Back to the future, der erste Gedanke. Es tut mir leid, auch wenn der Anwalt in dem Fall klar 4 Points vergibt, so richtig zünden will das Album bei mir nicht. Liegt sicher an mir! Jaaaaazzzzzzz will nicht in die Ohren. Doch, hat Anwalt ja auch verbrochen das richtig lebendiger, luftiger, tragischer, mir eine Geschichte erzählender Jazz meine Ohren erreichen kann. Siehe hier: https://www.laut.de/Keith-Jarrett/Alben/Th…

    Nun gut, es ist Jahresausklang, las uns friedlich bleiben und dem Anwalt seine Selbstbeweihräucherung vergönnt sein. Er ist halt etwas elitär. ;)

    Gruß Speedi

    • Vor einem Jahr

      "dem Anwalt seine Selbstbeweihräucherung vergönnt sein."

      nun ist dieser geniestreich von einem album ja nicht von mir, sondern von sylvian.
      und die rezi als ein berechtigt idealistischer kniefall vor solcher kunst eigentlich das gegenteil von selbstbeweih....

      mein tipp: immer eher deinem zweiten gedanken vertrauen. denn die musik ist dermaßen enotional und unverkopft, dass der elitenvorwurf gen sylvian fast schon einem sakrileg gleichkommt.

    • Vor einem Jahr

      ps: weit verbreizteter denkfehler:

      es gäbe rezis zugunsten elitärer musik.

      jede positive rezi dient doch ihrer funktion nach der verbreitung und der erweiterung des kreises von hörern. damit ist die bresprechung das gegenteil elitärer haltung. denn letztere würde ja darauf achten, dass der zirkel möglichst eng und begrenzt bliebe.

      mit musik isses doch genau so. der sylvian hat das bestimmt nicht gemacht, um möglichst wenig leute zu begeistern. der macht einfach, was in ihm ist und kehrt es nach außen. wie alle aufrichtigen musiker.

      insofern sagt die stets abwertend gemeinte verwendung des begriffs "elitär" für kunst eighentlich mehr über deren verwender aus als über das jeweilige werk.

    • Vor einem Jahr

      Nur weil man etwas verbreiten möchte oder faktisch verbreitet ist es aber noch lange nicht nicht elitär. Man kann es ja auch in elitären Zirkeln verbreiten oder in der Rezi deutlich machen, was für einen distingierten Geschmack das Werk doch erfordert und wie es der Pöbeln bestimmt nicht zu schätzen weiß. Dass hat dann halg z.B. den Effekt, dass sich 90% der Leute von dem ganzen Geaffe abwenden und die schnöseligen 10% das ganz toll finden. Oder so. Auf jeden Fall ist das doch alles lange nicht so digital, wie du es hier darlegst, werter Anwalt. So oder so, aber schon einmal einen guten Rutsch ins neue Jahr und so.

    • Vor einem Jahr

      "es gäbe rezis zugunsten elitärer musik"

      Nö Anwalt, natürlich gibt es die! Jetzt ist es ja nicht so, das ein gewisser Stolz dich nicht begleitet, wenn dir eine Rezi schlüssig gelingt. Das ist doch auch völlig in Ordnung so, nur zündet das oben bewertete Album bei mir halt nicht.

      Den Begriff "elitär" bewusst eingesetzt um den roten Teppich aus zu rollen, über den der Rezensent dann erhabenes Schrittes schreitet. Also hab dich nicht so, nur weil ich mal wieder einen etwas anderen Geschmack beweise.

      Das mein Geschmack oft genug, eine Leitschnur oft bildet und selbst beim zweitenmal Hören (zweiter Gedanke) diagnostiziert, das selbst der völlig richtig liegt. Was soll es? Deine Perspektive, meine Perspektive.

      "I surrender", höre lalala, kein Höhepunkt, keine Steigerung, saubere und glatte Musik auf einem hohen mir nichts sagendem Niveau. 5-6 min zu lang. "Dobro #1" Wtf nur 1:30 beim ersten Song wo ich denke das könnte was werden, auch mit der etwas zu nasalen Stimme, die mich nicht berühren will. Bis "Thalheim" hab ich dann auch beim zweiten mal durch gehalten, danach gings mir voll auf dem Sack. Ok das ist dann doch etwas elitär, kann ja nicht jeder so ein Prachtstück an Gemächt haben wie meine Wehnigkeit. Das ist übrigens immer mein erster Gedanke, beim selbst betrachten. Angelangt bei "God Man" irgendwie passend, Prince enteiert oder so? :)

      P.S.: Für die Mitleser, als der Anwalt und meine Wehnigkeit letztemal aus einander gegangangen sind, war er noch der festen Überzeugung, das eine gewisse Audienzdistanz ihm ganz gut zu Gesicht stehe. Das ist nicht Elitär? Was kann ich für mein gutes Gedächtnis?

    • Vor einem Jahr

      Einen hab ich noch! Mittlerweile bei "The Shining Of Things" angelangt und der funzt. Guter Song, eventuell eines dieser Alben die erst sehr langsam ins Hörhirn tröpfeln um zum reissenden Strom sich zu steigen. Erinnert langsam an "TalkTalk - Spirit of Eden" in Zeitlupe. Das ist 1000% elitär! Geh weg du näselnder Prince ohne Eier!

    • Vor einem Jahr

      Ach wie der Zufall es will, heute im neuen Jahr über einen Artikel gestolpert der meine These stützt. Was bisher eine Ahnung wird nun Gewissheit: https://www.scinexx.de/news/medizin/gute-k…

    • Vor einem Jahr

      Was ein Trauerspiel wieder.

    • Vor einem Jahr

      Morphologe,hast dich im Faden vertan? Unter dem ist das stimulierende Folterinstrument erwähnt. Und bestimmt auch einer deiner Fakeaccount´s!

  • Vor einem Jahr

    ich lese immer "David Sybian" habe falsche erwartungen und bin dann traurig :o :(