laut.de-Kritik

Dem Anathema-Songwriter fehlt der Bandkontext.

Review von

Seit den Anfangstagen Anathemas zeichnet Daniel Cavanagh für das Gros der Kompositionen verantwortlich. Dass sich die Ausrichtung der Band in inzwischen über 25 Existanzjahren von progressivem Metal mit Death-Anleihen zu ätherischem Ambient-Rock wandelte, ist damit sicher wesentlich seiner Songwriting-Entwicklung geschuldet. So verwundert es wenig, dass Cavanaghs neues Soloalbum "Monochrome" stilistisch im Kosmos der Hauptband verankert bleibt. Der Urheber selbst ließ verlauten, er hätte sich einige Songs gut auf Anathema-Alben vorstellen können. So fühlt man sich zum einen sofort heimisch, andererseits kommt man nicht um Vergleiche herum.

Nimmt man die jüngsten Anathema-Werke als Fixpunkt, fällt zunächst auf, dass auf "Monochrome" elektronische Elemente und Gitarre stark in den Hintergrund rücken. Tragend ist in jedem Track – ausgenommen "Dawn" – das Klavier. Diesem lässt Cavanagh viel Raum zum Atmen. "Soho" lebt von langen, stehenden Tönen, über denen er und Gastsängerin Anneke van Giersbergen Gesangslinien ausbreiten, die stark an das "Weather Systems"-Duett "Untouchable" erinnert, auch wenn es düsterer ausfällt. Die zunächst sparsame Instrumentierung bauscht sich folgerichtig später zu einer Wall Of Sound auf.

Genau hier offenbaren sich allerdings deutliche Defizite. Die dynamische Steigerung erfolgt lange nicht explosiv und emotional wie bei Anathema, sondern wirkt oft formelhaft und limitiert. "The Silent Flight Of The Ragen Winged Hours" bildet hier eine Ausnahme, doch dessen überzeugender Klimax schlägt zu früh ein – Cavanagh kann und will die Intensität nicht halten, sondern zieht den Spannungsbogen schon nach dreieinhalb von neun Minuten wieder nach unten. Ein Noise-Ausbruch am Ende klingt willkürlich und aus der Not heraus platziert, einen zweiten Höhepunkt zu schaffen.

Oft wünscht man den Stücken zudem die Expression Vincent Cavanaghs. Im Gegensatz zu seinem Bruder agiert Daniel eher reserviert und verharrt in Melancholie. Nur in "Oceans Of Time" traut er sich, etwas aus sich herauszugehen. Momentär vermittelt auch sein Stil das nötige Gefühl, auf Dauer gewinnt Lethargie allerdings Überhand.

Anneke van Giersbergen kompensiert das zum Teil, singt aber ohnehin nur in "Soho", "This Music" und "Ocean Of Time". Den monotonen Vocals entsprechend gestalten sich auch die meisten Gitarrensoli. In "The Exorcist" und "Oceans Of Time" passen die Melodien zwar hervorragend zum Soundbett, statt sich von hier aus zu entwickeln und der Komposition zum Höhepunkt zu verhelfen, verharren sie aber leider auf einer dynamischen Stufe und verklingen nach getaner Arbeit unspektakulär.

Überraschend gestaltet sich "Dawn". Ungewohnt knackig frönt der Musiker hier seinen Folk-Einflüssen. Dabei unterstützt ihn Violinistin Anna Phoebe (Trans-Siberian Orchestra), die mit erdigem Ton und fast schon unbeschwerter Attitüde die Atmosphäre auflockert. Hier grenzt sich "Monochrome" zum ersten Mal deutlich von Anathema ab – auch was die Songstruktur angeht. Niemand erwartet, dass Cavanagh ausschließlich unter drei Minuten spielt, doch etwas kompaktere Herangehensweise hätte wohl so manchem der übrigen Songs gut getan. "The Silent Flight Of The Raven Winged Hours" zum Beispiel bietet tolle Parts, nur dauert es einfach zu lang, bis man von einem zum nächsten kommt. Immerhin beim positiv eingestellten "This Music" klappt die Balance, obwohl auch hier der behäbige Aufbau – und vor allem Abbau! – ein Scheitern geradezu herausfordert.

Auf "Monochrome" herrscht insgesamt eine wesentlich dunklere Stimmung als auf den jüngeren Anathema-Alben – "The Optimist" eingeschlossen. Insofern dürften sich Freunde der gotischeren Bandzeit, die aber den Klavierreichtum neuerer Werke nicht missen möchten, pudelwohl fühlen. Daniel Cavanagh präsentiert hier bestimmt keine Ausschussware an Ideen und Songwriting hat der Mann nicht verlernt. Was fehlt, sind Feinheiten im Arrangement, die das Paket aufs nächste Level heben. Womöglich hat Cavanagh teils sogar bewusst darauf verzichtet, um die Lieder möglichst intim zu halten. Zumindest das gelingt.

Trackliste

  1. 1. The Exorcist
  2. 2. This Music
  3. 3. Soho
  4. 4. The Silent Flight Of The Raven Winged Hours
  5. 5. Dawn
  6. 6. Oceans Of Time
  7. 7. Some Dreams Come True

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1 Kommentar

  • Vor einem Jahr

    Ich mag Anathema sehr gerne aber es wird Zeit mal etwas vom Schema bei den Arrangements abzurücken.
    Das klingt für mich auch hier leider bisher nicht nach mehr als ausrangiertem Material. The Optimist hat mich bisher auch noch nicht überzeugt.