laut.de-Kritik

Als wäre er nie weg gewesen.

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Nur noch sehr wenige Plattenaufleger interpretieren ihre Rolle als DJ derart stilgemäß wie DJ Stylewarz. Soll heißen: er spielt seine Musik an den Turntables nicht bloß über einen USB-Stick ab. Michael Whitelov legt noch Vinyls erster Güte auf und sorgt dabei für gepflegte Übergänge, wilde Scratches und die gewisse Portion Feintuning. Mit dieser Berufsauffassung darf sich Stylewarz in jedem Fall schon vorab das Abzeichen als einer der letzten seiner Art an die Brust heften.

Der 48-Jährige ist ein Urgestein der deutschen Hip Hop-Szene. In den 90er Jahren sorgte er mit der deutsch-englischen Combo No Remorze für roughen Britcore-Sound. Ebenso machte er sich ab Ende des Jahrzehnts als DJ von Ferris MC einen Namen. 2002 erschien sein Solodebüt "The Cut", auf dem er u. a. mit Torch, D-Flame und Eißfeldt kooperierte. "Der Letzte Seiner Art" ist der direkte Nachfolger - satte 17 Jahre später.

Für das Intro cuttet Stylewarz Shoutouts diverser MCs an ihn zusammen. Direkt im Anschluss steigt Lakmann in den Ring. In "Die Besten" lässt er den Veteranen-Status auflodern und droppt Zeilen wie: "Heutzutage im Zeitalter der Vagina / Fängt jede Pussy an zu rappen, ich komm gar nicht klar". Stylewarz schustert ihm dafür einen sehr cleanen Beat zusammen, der gemütlich, aber durchaus dope vor sich dahinplätschert. Nach dem Prinzip "1 DJ & 1 MC" geht es weiter mit einer Neuauflage des gleichnamigen Tracks von "The Cut" gemeinsam mit Ferris MC. "DJ Stylewarz und Ferris MC – never change a winning team" ist hier die Devise – und die funktioniert. Ferris' raue Stimme fügt sich passgenau auf dem kratzigen Beatteppich ein.

Dass der Song bereits aus dem Jahr 2017 stammt belegt einmal mehr die Gelassenheit des Bremerhaveners hinsichtlich seines Veröffentlichungszyklus. Stylewarz sammelt seine Diamanten lieber und presst sie zum richtigen Zeitpunkt auf Platte. Bei "Styles We Make" spittet El Da Sensei englische Zeilen über wummmernde Töne. Für einen weiteren Flashback steht sodann Crak bereit. Der Ex-No Remorze-MC rappt jetzt fast ausschließlich auf türkisch – so auch hier. Auf "Yapma Ya" zersägt er das von Stylewarz vorgelegte Brett regelrecht.

Auf feinste Battle-Lyrik folgt entspannter Sound. Delano referiert in "Was Wir Lieben" relaxt über die Werte von Hip Hop: "Wir tun nur das, was wir lieben, Kumpel / Ich würde sagen, wir haben das Ziel gefunden / Hip Hop bleibt für uns Kulturgeschichte / Keine Songs über Kokain und Huren ficken / Supporten Breaker und paar Writer aus der Gegend hier / Schwärmen für Cyphers bei nem Gläschen Bier". Dass Stylewarz auch den aktuellen Zeitgeist beherrscht, zeigt er mit "Balance": Trettmann und Megaloh flowen und stylen gekonnt, was die Trap- und Autotune-Küche so hergibt.

Wie vor 17 Jahren verankert Stylewarz auch hier rein instrumentale Songs. Mit der Fortsetzung des Tracks "Fresh Aahh, Pt.2" zelebriert er mit ein paar Kollegen die DJ-Kultur. "Phantasie" und "Yes Yes" als Solostücke bieten entspannte Klänge und laden fast schon zum Träumen ein. Torch und Flo Mega auf einem Track: Was eine wahnsinnig interessante Kombi hätte werden können, entpuppt sich auf "Mehr" leider mehr oder weniger als Mogelpackung. Der jazzig angehauchte Track ist bei Gott nicht schlecht, Torch darf aber nur ein paar Worte ins Mikro rufen – von rappen ist hier keine Rede.

Die "Zeit Wird Knapp", als Samy Deluxe noch für eine Entgleisung sorgt. Zunächst fegt der Wickeda MC in alter Battle-Manier über den wild flackernden Beat: "Ich bin ein komischer Rapper / Ein ironischer Texter / Ein heroischer Mann, das Idol deiner Schwester / Dieter Bohlen in besser / Sieh mal her wie ich dem King seine Krone zerschmetter / Auf den Thron raufkletter / Ess mein Brot mit Lätta / Das ist so, so lecker".

Auf diese Zeilen folgt aber dann: "Ihr seid Homo-Rapper / Pimmel in den Popo-Stecker – ihhhh". Eine im Jahr 2019 unglückliche Zeile von Samy, die man in dieser Form nicht unbedingt von ihm erwartet hätte. Auch wenn es schwierig ist, ihm hier Homophobie zu unterstellen, da die Zeile wohl einfach in Samys klassischem Battle-Kontext entstanden ist. Bevor das Album mit einem gebührenden Scratch-Outro endet, liefern Olli Banjo, BOZ und Jaill mit "Was Los?!" nochmal fast sechs Minuten Battle-Rap par excellence ab.

Hip Hop hat sich in den letzten 17 Jahren öfter und schneller um die eigene Achse gedreht, als Stylewarz' flinke Finger hinter seinen Turntables. Trotzdem legt er als einer der dienstältesten deutschen DJs im Jahr 2019 eine Platte vor, die absolut hörenswert ist und entspannt gute Laune zelebriert. "Der Letzte Seiner Art" transportiert Hip Hop so leicht, als wäre er nie weg gewesen.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Die Besten
  3. 3. 1 MC & 1 DJ Reloaded
  4. 4. Fresh Aahh, Pt. 2
  5. 5. Styles We Make
  6. 6. Was Wir Lieben
  7. 7. Yapma Ya
  8. 8. Phantasie
  9. 9. Balance
  10. 10. Mehr
  11. 11. Red Sie Dir Schön
  12. 12. Yes Yes
  13. 13. Zeit Wird Knapp
  14. 14. Laut Denken
  15. 15. Was los?!
  16. 16. Outro

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11 Kommentare mit 7 Antworten

  • Vor 11 Monaten

    Wenn Samy homophobe Scheiße rappt, rappt Samy homophobe Scheiße. Da gibt's eigentlich nix groß einzuordnen. "Keine Gnade / No remorse"

  • Vor 11 Monaten

    Diese Popo Pimmel Zeile hätte Samy sich wirklich sparen sollen! Fast noch schlimmer ist aber diese Lätta Zeile, da Beweis dafür, dass er echt nicht mehr mitbekommt, was er für ne Scheisse rappt! Nach Schwarz/Weiss war er wirklich teils schwer zu ertragen. Der alte Flow, der ihn damals von den anderen abgehoben hat irgendwie weg und durch Gestammel ersetzt. Beats, die er selbst produziert sind meist ne Katastrophe und dann diese Phase (insbesondere bei "Männlich"), wo er immer ein Wort falsch ausgesprochen hat, damit es sich reimt, und darauf dann immer "ich meine..." um das Wort dann zu berichtigen. Wie gesagt, war mal mein absoluter Lieblingsrapper auf Deutsch, die Alben der letzten ca. 8 Jahre allerdings mehr als enttäuschend...

  • Vor 11 Monaten

    Musste gerade noch daran denken, wie Stylewarz so vor ca. 15 Jahren mal mit Ferris bei Viva war und als DJ Style-"Warze" angekündigt wurde! ;-)