23. Februar 2007

"Frauen und Kinder haben sich aufgehängt"

Interview geführt von

In Ostasien haben sich Chthonic während ihrer fast zwölfjährigen Bandgeschichte eine stetig wachsende Fangemeinde aufgebaut. Das vierte Album der taiwanesischen Black Metaller, "Seediq Bale", erschien auf englisch nun auch hierzulande. Im Telefon-Interview steht mir Frontmann Freddy aus dem fernen Stuttgart Rede und Antwort, etwa zu Fragen über die taiwanesische Kultur und den Black Metal in Asien. Da können zwischendurch auch mal die Köpfe rollen.Nicht nur die taiwanesische Herkunft ist ein guter Grund, Chthonic journalistisch auf den Zahn zu fühlen. Immerhin sieht sich die Band als Vermittler längst vergessener Traditionen und Mythen, die mit der Vereinnahmung ihrer Kultur durch andere Länder in der Versenkung der Geschichte verschwunden ist. Neben den Texten sind auch die Instrumente von landestypischer Folklore geprägt. So kommt eine orientalische Violine zum Einsatz - laut Freddy das Instrument mit dem traurigsten Klang.

Hallo Freddy. Wie geht es dir?

Gut. Aber es war ein langer Tag. Ich habe eine Frage: Wo wohnst du?

In Wien.

Okay. Wie lange würdest du von da nach Stuttgart brauchen?

Huh. Ich bin mal mit dem Zug in die Nähe von Stuttgart gefahren. Das hat etwa zwölf Stunden gedauert.

(lacht). Das ist ziemlich weit. Also, ich vergebe dir. Nein, nein. Das war nur ein Scherz.

Da bin ich froh. Warst du schon mal in Stuttgart?

Oh nein. Es ist unser erstes Mal hier.

Und wie gefällt es dir?

Ich mag das Wetter hier. Morgen haben wir einen freien Tag und können uns die Stadt ansehen.

In Asien seid ihr ja kein Underground-Tipp mehr. Ihr habt auch schon einen Preis gewonnen.

Ja. Aber das ist etwas schwierig zu sagen. Denn die Bevölkerung umfasst etwa 23 Millionen Menschen und wir können nur etwa 10.000 Kopien verkaufen. Also nicht so viel. Aber wir sind auch kein Untergrund mehr. Eher irgendwo in der Mitte. Aber ja, wir haben einen Preis gewonnen, wurden als beste Rockgruppe ausgezeichnet und alle behandeln uns wie Superstars. Aber sie bieten uns nicht an, live zu spielen. Sie ziehen es vor, dass wir Reden halten, zum Beispiel vor Schülern. Sie respektieren unsere Einstellung. Die Leute in Taiwan, sie … wie soll ich sagen: Black Metal ist nicht groß in Taiwan. Weißt du, was ich meine?

Ja, das wäre auch meine nächste Frage gewesen. Ich habe mich gefragt, wie verbreitet dieser Stil bei euch ist.

Ich schätze, es gibt in Taiwan zehn Black Metal-Bands. Aber die gesamte Metalszene muss die größte in den mandarinsprachigen Ländern sein. Die taiwanesische Metalszene ist größer als in China, Hongkong oder Singapur.

Ich habe gehört, du organisierst Konzerte und Festivals?

Ja, ich habe das größte Rock-Festival in Taiwan organisiert, das Formol-Festival. Wir, Chthonic, haben das bisher jedes Jahr gemacht. Wir haben Dark Funeral und manch andere ausländische Band geholt und die Metalszene Schritt für Schritt aufgebaut. Wir organisieren die Bands, gestalten die Szene, die Festivals, die Shows und wir versuchen, Veranstaltungsorte zu finden.

Hattet ihr wegen eurer Musik auch Probleme in eurer Heimat, etwa Verbote?

Du meinst Probleme, Black Metal in Taiwan zu spielen? Ja. Am Anfang gab es sehr viele Probleme. Viele Leute verstehen es nicht. Es gibt auch nicht so viele Menschen mit langen Haaren. Für die waren wir halt Spinner mit verrückter Musik. Wir haben zum Beispiel in einer Schule gespielt und man hat uns gebeten, aufzuhören. Es gab Probleme. Aber wir haben einfach dafür gekämpft, zu tun, was wir wollen. Dann begannen die Leute uns zu akzeptieren. Immer mehr verstanden allmählich etwas von Black Metal.

Kannst du mir über die Bedeutung eures Bandnamens erzählen?

Oh, ja. Er kommt aus der griechischen Mythologie und bedeutet 'Gott der Unterwelt'.

Wie kam es dazu, dass ihr einen Gott der griechischen Mythologie gewählt habt?

Weil ich Mythologie sehr mag. Als wir einen Namen finden wollten, beschlossen wir einfach, im Mythen-Lexikon zu suchen. Wir dachten, Chthonic sieht cool aus. Auch wegen der Aussprache, denn es klingt auch gut, wenn man es ins taiwanesische übersetzt. (Übersetzt ins Mandarinische heißt es Shan-ling, Anm. d. Verf.).

"Es geht nicht nur ums Überleben. Denkt darüber nach, was ihr wollt!"


Euer Bandkonzept sieht vor, den alten Geist eurer Heimat und die damit verbundenen Legenden wieder aufleben zu lassen. Liege ich damit richtig?

Ja. Am Anfang gab es so viele asiatische Bands, die in die Fußstapfen der westlichen Bands treten wollten. Sie schrieben über Satan und den Anti-Christen. Für uns machte es keinen Sinn, über so was in Asien zu schreiben, weil die Christen nicht mal ganze fünf Prozent der Bevölkerung ausmachen. Also haben wir darüber nachgedacht, über was wir schreiben könnten. Es gibt in der taiwanesischen Geschichte so viele Mythen über Gott und Geister. Dabei gibt es so viel Spezielles, zum Beispiel, dass die Taiwanesen Tragödien lieben. Unsere Geschichte beinhaltet so viele tragische Mythen und Legenden. Das ist das, was ich im Metal machen will. Ich möchte meine Gefühle im Heavy Metal ausdrücken und unsere eigenen Geschichten schreiben. Also beschlossen wir, taiwanesische Mythologie zu benutzen und ganz besonders die tragischen Teile.

Es klingt also, als wärt ihr eher in der Tradition des Folk Metal.

Oh ja, ziemlich. Obwohl, es ist schwierig zu sagen. Es ist so, wie wenn skandinavische Bands darüber schreiben, dass ihr Land vor hunderten von Jahren von der christlichen Kultur eingenommen wurde. In Taiwan drang die chinesische Kultur ein und wir wurden von so vielen Ländern eingenommen. Wir haben hier eine ziemlich ähnliche Situation. Also könnte man es schon Folk Metal nennen. Aber ich denke, es ist einfach Extreme Metal mit den ähnlichen Ereignissen als Hintergrund.

Was denkst du über die europäischen Black Metal-Bands? Sie haben ja auch euren Sound beeinflusst.

Ja. Am Anfang, 1995, als ich die Band gründete, war ich inspiriert von Emperor, Enslaved und Immortal. Alle diese Bands waren meine Favoriten. Dimmu Borgir, Marduk, Dark Funeral. Sie haben mich sehr beeinflusst. Als ich über Tragödien schreiben wollte, suchte ich ein einzigartiges Instrument, dass das Gefühl der Sorge ausdrücken konnte. 1998 beschloss ich, Er-Hu zu verwenden, eine orientalische Violine. Ich fand heraus, dass es den sorgenvollsten Klang der Welt hat. Anfangs versuchte ich es auch mit der westlichen Violine und vielen unterschiedlichen Instrumenten. Aber es war einfach nichts traurig genug.

Seitdem benutzen wir die orientalische Violine. Wenn die Leute unserer Musik klar und detailliert zuhören, erkennen sie auch, dass wir häufig die Pentatonik-Skala verwenden. Die Pentatonik ist eine ganz einzigartige Tradition der orientalischen Melodien. Wir fanden heraus, dass es für uns als Asiaten viel einfacher ist, etwas zu schreiben, das vertrauter klingt. Die Pentatonik taucht in der orientalischen Musikwelt immer wieder auf.

Euer neues Album "Seediq Bale" erzählt vom Kampf der Seediq gegen die japanische koloniale Regierung. Wie können wir uns die Kultur der Seediq vorstellen?

Die Seediq waren einer der brutalsten Stämme in Taiwan. Sie sind geborene Kämpfer, geborene Krieger. Ihre Zeremonien sind sehr brutal. Ein junger Mann musste, um sich zu behaupten, den Kopf seines Gegners abhacken. Den Wein trank er aus seinem Nacken, er trank also Wein mit dem Blut seines Feindes. Ziemlich brutal. Dieser Stamm kämpfte gegen die Kolonialregierung. Der ärgste Teil der Geschichte ist, dass während des Krieges tausende Kinder und Frauen Selbstmord begingen. Sie wollten, dass die Krieger sorgenlos kämpfen; dass sie sich auf den Kampf konzentrieren können und nicht Frau und Kinder beschützen müssen.

Also haben tausende Frauen und Kinder sich umgebracht und hingen auf den Bäumen im tiefen Wald. Das ist ein ziemlich ergreifender Punkt. Von Tausenden sind heute in Taiwan nur mehr zweihundert übrig. Bezogen auf ihre Einstellung während des Krieges gibt es so viel, das uns in der modernen Welt inspirieren kann. Der Anführer des Stammes wurde nach Tokio gebracht, um die moderne Welt zu sehen. Moderne Waffen und so. Am Anfang wagte er es nicht, gegen Japan zu kämpfen. Zuerst bat er sein Volk, nicht gegen Japan zu kämpfen.

Sie sollten den aufgestellten Regeln folgen und die Tattoos auf ihren Gesichtern entfernen, wie es die Japaner von ihnen verlangten. So haben sie die Seediq-Tattoos von ihren Gesichtern genommen. Anfangs ging es ihnen nur ums Überleben. Dann bemerkten sie, dass kein Stammesangehöriger mehr das Seediq-Tattoo auf dem Gesicht trug. Sie wollten, dass der Seediq-Stamm überlebte. Nicht nur die Menschen, sondern auch die Traditionen, die Kultur. Sie beschlossen, sich ihre Tattoos wieder auf die Gesichter zu malen und gegen Japan zu kämpfen. Auch, wenn sie wussten, dass sie als Verlierer aussteigen würden.

Ich denke, das ist sehr wichtig für die modernen Menschen. In Japan, Hongkong und Singapur kümmern sich die jungen Leute nur mehr um die Ökonomie. Sie wollen Geld verdienen und überleben, gutes Essen und gute Kleidung. Sie denken nur über diese Dinge nach. Wir wollen diese Geschichte mit den jungen Leuten teilen und ihnen sagen: Seht euch unsere Ahnen an! Es geht nicht nur ums Überleben. Denkt darüber nach, was ihr wollt! Was ist euer Seediq-Geist? Zu sein, was man sein möchte, ist viel wichtiger als nur zu überleben und zu essen.

Das ist also eure Message?

Ja, das ist unsere Haupt-Message an die Menschen. Sie sollen herausfinden, was sie wollen und darüber nachdenken, wer sie sind.

"In Taiwan ist Juli der 'Geistermonat'. Jeder lädt Geister zu sich nach Hause ein"


Ihr habt ja auch eine spezielle Version des Corpse Paint.

Ja, das ist sehr lustig. Am Anfang versuchte ich nur, Corpse Paint im Immortal-Stil auf mein Gesicht aufzutragen. 1995 fühlte ich mich einfach nur cool, ich wollte so sein wie Immortal. Ich malte mir das Gesicht an und erkannte, dass es einfach nicht richtig ist. Die Gesichter von uns orientalischen Menschen sind flach. Wenn wir nun so große schwarze Flächen auf unsere Gesichter geben, können die Menschen nicht mehr sehen, ob du lächelst oder böse bist. Mit Corpse Paint wie von Immortal kann niemand mehr dein Gesicht erkennen. Es passt für uns einfach nicht. Als mich eines Tages meine Mutter damit sah, sagte sie zu mir 'Was zur Hölle machst du? Willst du einer der Acht Generäle vor dem Tempel sein? Willst du ein Priester sein?'

Zu dem Zeitpunkt realisierte ich: Wow, wir haben tatsächlich unser eigenes Corpse Paint? Haben wir unsere eigene Kultur der Gesichtsbemalung, die so ähnlich aussieht? Meine Mutter wusste rein gar nichts über Immortal oder Black Metal. Sie fragte nur, ob ich einer der Acht Generäle sein will, die in Taiwan ihre Kultur haben. Ich habe dann mehr über diese Tradition herauszufinden versucht. Und ich habe festgestellt, dass diese Art des Make-Ups passender ist. Es sieht besser aus, es ist schön und brutal. Das wichtigste ist aber, dass diese Art des Make-Up nicht nur dazu da ist, um jemanden zu erschrecken. Nein, überhaupt nicht. Sie brauchen es, um ihre Kraft zu stärken. Um die Geister in deinen Körper zu lassen und dich zu stärken. Das ist es, was ich möchte, um so die ganze Kraft dem Publikum zu übermitteln.

Welche Funktion haben die Acht Generäle?

Da gibt es so viele unterschiedliche Funktionen. In Taiwan verbanden sie sich mit Gott und Geistern. Mit dem Make-Up fühlten sie sich, als könnten sie mehr über die Unterwelt verstehen und als könnten sie mit den Ahnen sprechen. In Taiwan ist Juli der 'Geistermonat'. Jeder lädt Geister zu sich nach Hause ein. Die Menschen brauchen dann die Bemalung, um mit ihnen zu kommunizieren beziehungsweise, um sie überhaupt zu finden.

Wie denkt ihr über die japanische Visual Kei-Szene?

Das ist ein Teil der asiatischen Rock-Szene. Wir verstehen nicht viel davon. Aber wir wissen, dass es viele Visual-Rock-Fans gibt, die auch Chthonic-Fans sind. Viele denken wohl, wir kommen aus ihrer Szene. Ich finde das okay. Denn es ist einfach ein Part des asiatischen Rocks. Und wir sind eine Familie, die ganze Rock-Szene in Asien.

Habt ihr in Europa und besonders in Deutschland schon Feedback zu eurer Platte bekommen?

Ja, sehr viel. Allein auf MySpace haben schon viele Fans das Album vorbestellt, auch in den USA. Das Feedback ist viel besser als ich es erwartet hätte. Viele Leute schreiben mir und wollen mit mir das Feeling der Platte teilen und mehr über die Texte erfahren. Sie versuchen, mehr über die Geschichten mitzubekommen, die Historie dahinter. Per Mailorder bestellen sie auch mehr taiwanesische Musik. Als wir das Wacken Open Air bestätigten, haben uns sehr viele deutsche Fans geschrieben und uns erzählt, sie würden extra aufs Wacken kommen.

Welche Erwartungen hattet ihr?

Ich habe mir erhofft, dass die Menschen mehr über die taiwanesische Kultur lernen und erfahren wollen und dass sie über den asiatischen Metalstil nachdenken. Dass die Menschen kreativer und sie selbst sind. Solche Dinge. Viele Elemente haben im Heavy Metal Platz.

Sind schon mehr Gigs in Europa geplant?

Ja, wahrscheinlich nach dem Wacken Open Air. Wir hoffen, im August oder September durch Europa zu touren.

Wie lange bleibt ihr noch in Deutschland?

Übermorgen fliegen wir nach Schweden. Dann geht es zurück nach Taiwan, dann haben wir in Japan zwei Shows. Ein ziemlich dichter Plan.

Vielen Dank für das Interview.

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