laut.de-Kritik

Die Tore zum Extreme Metal weit aufgestoßen.

Review von

Es sei ein schwer fertigzustellendes Album gewesen, sagt Celtic Frost-Frontmann Thomas Gabriel Fischer alias Tom G. Warrior rückblickend über "To Mega Therion". Im Studio fehlte ihm sein treuer Compagnon, Bassist Martin Eric Ain, der schon in der kurzlebigen Vorgängertruppe Hellhammer mit am Start war. Auch beim Ausarbeiten der neuen Songs war er involviert, doch kurz bevor es 1985 an die Aufnahmen ging, zog er sich wegen privater Probleme sowie Differenzen innerhalb der Band zurück. "Ich sah mich Herausforderungen gegenüber, für die ich noch nicht bereit war – doch ich musste sie überwinden", erinnert sich Warrior.

Doch selbst im erzwungenen Mehr-oder-weniger-Alleingang gelang ihm ein vielschichtiges Werk, das düstere Erhabenheit und rasendes Weltunterganginferno vereint. Vom Artwork über die okkulten Texte bis zum Sound, auf allen Ebenen setzten die Schweizer Maßstäbe und machten Celtic Frost zu einem festen Begriff in der Metalszene.

Wobei es der schwammige Oberbegriff "Metalszene" ganz gut trifft: Celtic Frost machten so vieles vor, was später in der Black-, Death- oder Doom-Szene weiterkeimen sollte. Die Einbindung weiblichen Gesangs, Growls, Corpsepaint – you name it. Man muss sich nur einmal in Erinnerung rufen, welche anderen Kapellen Celtic Frost als Einfluss nennen oder ihre Songs schon gecovert haben: Die Liste reicht von Opeth über Paradise Lost, Sepultura, Vader und Obituary bis hin zu Mayhem. (Metallicas von Tom so verhasste Live-Verhunzung von "The Usurper" sei hier besser nur als Klammerbemerkung nachgeschoben.)

Die Verästelung der Szene hatte damals erst begonnen, und so darf man auch Celtic Frost keinem Lager zuordnen, sondern sollte generell von Extreme Metal sprechen. Denn extrem war es Mitte der Achtzigerjahre zweifellos, was die Jungspunde aus dem kleinen Alpenland da fabrizierten.

Das beginnt schon beim Plattencover aus der Feder des nicht minder düsteren Schweizer Künstlers H. R. Giger – wobei der Leibhaftige inhaltlich nicht so recht zu Celtic Frost passt, da Warrior sich stets von Satanismus distanzierte und das Okkulte in den Vordergrund stellte. Sei's drum, rein optisch passt der böse Blick des Gehörnten perfekt zur bösen Musik.

Und was für Musik da geboten wird. Mindestens die Hälfte der Songs hat sich zu Evergreens der schwarzen Musik gemausert. Das Intro "Innocence And Wrath" ebnet mit Hornklängen und theatralischen Paukenschlägen den Weg in "The Usurper", ein Prachtstück von einem Opener. Warrior gibt seinen Mitstreitern, Bassist Dominic Steiner und Schlagzeuger Reed St. Mark, mit einem herzhaften 'Ugh!' den Befehl zu einem rasanten Höllenritt. So groß ist der Tatendrang, dass die mächtige Gitarre an manchen Stellen über die eigenen Riffs zu stolpern scheint. Einige Gitarrensolos und ein abschließendes 'Ugh!' später fällt so unvermittelt wie diskussionslos der Vorhang.

"Jewel Throne" kommt etwas langsamer aus der Startbox, dafür mit einem bleischweren Riff, das auch von Obituary stammen könnte. Im Verlauf des Songs legen Celtic Frost einen Zacken zu, dann noch einen – und ein wackliges Solo macht das Chaos perfekt.

Mit "Dawn Of Megiddo" kehren Celtic Frost erstmals ihre doomige Seiter hervor: Schleppend geht es los, Horn und Pauke aus dem Intro finden ihren Weg zurück ins Klangbild, dazu zaubert Reed St. Mark einige prägnante Drumrolls aus seinen Fellen. Über die sich wandelnde, trostlose Soundkulisse bellt Warrior düstere Lyrics: "The frost / It bites / Your inner heart / Frozen is the flame / In every eye / The Lord will come / Broken ice / The fire will burn / Gleaming ways / We'll never be reborn".

Solche Zeilen sind nicht etwa plumpe Gimmicks, sondern gespeist von echter Abscheu gegenüber Menschen und der Welt, die der erst 22-Jährige da schon angesammelt hatte. Eine schwere Kindheit in prekären Umständen, dazu die (damals noch) fehlende Anerkennung für Hellhammer – da kam einiges an Frust zusammen. Mit Bassist Ain hatte er aber auch nächtelang über Okkultes, Gott und die Welt diskutiert, was in vielschichtigen Lyrics resultierte statt einer stumpfen 'Fuck you all'-Abrechnung.

Auf "Eternal Summer", das die A-Seite der Platte beschließt, finden Celtic Frost wieder zurück in den Schweinsgalopp. Die Doublebass ballert herrlich, der Frontmann verschluckt jedes zweite Wort – dass trotz des vermeintlich sonnigen Titels von zerstörerischen Gottheiten die Rede ist, ist klar. Erst im Mittelteil wird der Song langsamer, und das Gitarrensolo bringt kurzzeitig sogar so etwas wie eine Melodie ein. Ein Tempogewitter beendet dann die Nummer.

"Circle Of The Tyrants" ist noch so ein unverwüstlicher Song: Mit verzerrten Vocal-Effekten und hohem weiblichem Gesang erzeugen Celtic Frost eine unheilvolle Stimmung, ohne die Wirkung dieser Elemente über Gebühr zu strapazieren. Vom Riffing her ist hier wieder viel Todesmetall herauszuhören.

Auch zum Schluss hin lahmt die Platte keineswegs: "(Beyond The) North Winds" und "Fainted Eyes" zischen beide thrashig vom Leder und lassen vor dem geistigen Auge sofort einen Circle Pit entstehen. Das instrumentale "Tears In A Prophet's Dream" klingt mit irrem Gelächter und bedrohlichen Geräuschen wie ein Kurztrip ins Horrorfilmgenre und ist der einzige Kandidat auf die Skiptaste – aber nur, wenn man es rasch zum abschließenden Brocken "Necromantical Screams" schaffen will.

Erneut gesellen sich hier klassische Elemente und weiblicher Gesang zu Riffs, Growls und Drumsalven. Die Band wütet in sechs Minuten nochmals durch alle Tempi und Facetten ihres Könnens, ehe Tom G. Warrior den Hörer mit einem unheilvollen Gitarrensolo in die Nacht entlässt - und der Kreis sich schließt.

Natürlich sollte "To Mega Therion" nicht das letzte große Album von Celtic Frost bleiben, doch haben sich damit ein Denkmal gesetzt. Die Tore zum Extreme Metal haben sie weit genug aufgestoßen, dass man bis heute problemlos den Einstieg – oder eher: Abstieg - in ihre Welt findet. Und der einzige Makel, Ains Absenz, wurde auf späteren Wiederveröffentlichungen teilweise getilgt, ohne respektlos gegenüber Dominic Steiner zu sein.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Innocence And Wrath
  2. 2. The Usurper
  3. 3. Jewel Throne
  4. 4. Dawn Of Megiddo
  5. 5. Eternal Summer
  6. 6. Circle Of The Tyrants
  7. 7. (Beyond The) North Winds
  8. 8. Fainted Eyes
  9. 9. Tears In A Prophet's Dream
  10. 10. Necromantical Screams

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