9. Februar 2006

"Wir klingen wie eine Schwulen-WG, in der A-ha und Korn leben"

Interview geführt von

In der Heimat Dänemark gelten Carpark North bereits als größte Popgruppe, die das Land jemals hervor gebracht hat. Nun erschien hierzulande mit "All Things To All People" ihr zweites Album als Debüt.Im Rahmen der Popkomm in Berlin, wo Carpark North am dänischen Abend mit Kashmir und anderen Bands auftraten, treffen wir Lau Højen (Gesang, Gitarre), Søren Balsner (Gesang, Bass) und Morten Thorhauge (Drums, Programming) zum Interview, um über ihre Vorbilder und die Studioluft in Los Angeles zu sprechen.

Euer Album klingt nach einem Durchlauf sehr professionell und opulent arrangiert. Die rocklastigen Stücke sind oft mit haufenweise Elektro-Gimmicks versehen.

Søren: Wir arbeiten im Studio so, dass jeder für sich an Songstrukturen tüftelt, ich also an einem Basslauf arbeite, während Morten nebenan am Piano und Lau in einem anderen Raum am Laptop sitzt. Vor allem auf diesem Album wollten wir, dass jede einzelne Spur bis auf die Snaredrum perfekt klingt.

Wonach entscheidet ihr, wann ein Song noch etwas mehr Gitarre oder Elektronik benötigt, da es doch sehr verschiedene Songansätze auf dem Album gibt.

Lau: Im besten Fall gibt der Song das selbst vor. Es ist also ein natürlicher Prozess.

Søren: Unsere Aufgabe als Songwriter ist es, dem Song das zu geben, was er von uns fordert. Es ist in Dänemark schon seit einer Weile ziemlich in Mode, den Songs eine Portion Darkness mitzugeben. Die Raveonettes beispielsweise komponierten auf ihrem ersten Album fast nur Songs in B-Moll. Wir wollten uns nicht derart einschränken lassen, machten uns frei von Dogmas und taten einfach das, worauf wir gerade Lust hatten.

Seid ihr in eurer Jugend eher mit der Rock- oder der Elektroschiene groß geworden?

Lau: Ich habe mit etwa sechs Jahren angefangen, Jean-Michel Jarre zu hören. Aber das ist bei jedem von uns unterschiedlich. Ich glaube auch, dass unser Sound deshalb nicht so einfach festzumachen ist.

Søren: Wir sind stilistisch auch wirklich für alles offen. Wenn wir denken, dass ein 40-köpfiger Chor dem Refrain zuträglich ist, müssen wir halt schauen, dass wir einen kriegen.

Sind die zahlreichen elektronischen und symphonischen Überleitungen auf dem neuen Album Neuland für euch?

Morten: Nein, aber wir lieben sie. Im Vergleich zu unserem ersten Album sind es sogar weit mehr geworden. Für mich klingt das Album dadurch erst geschlossen. Die Interludes entstanden damals, als wir ewig an einer Ballade herum spielten. Da gab es am Schluss ein Synthesizer-Arpeggio, das wir runterschrauben wollten, da im Anschluss ein elektronischer Song kam. Der dänische Radiosender B3 kürte es damals als das beste Interlude, das jemals komponiert wurde. Also dachten wir uns: Hey, dann lasst uns mehr von den Dingern schreiben. (lacht)

Depeche Mode und Europe? Cool!


In Deutschland seid ihr ja noch ziemlich unbekannt, weswegen ich jetzt nach einem Hördurchlauf der neuen Platte mal versuche, eure Soundmischung zu beschreiben. Also da ist natürlich Depeche Mode und A-ha erkennbar, irgendwo habe ich auch den schönen Vergleich zu Europe gelesen und naja, The Rasmus und HIM kann man wohl auch nicht leugnen. Was gefällt euch davon denn am besten?

Søren: Wow, klingt nach 'nem coolen Crossover.

Lau: Also mit Depeche Mode und Europe fühle ich mich mal nicht in meiner Ehre verletzt, denn ich liebe Depeche Mode und ich liebe "Final Countdown". Mit diesen Vergleichen kommt man schon etwas an unseren Sound heran, in manchen Songs tauchen sie wiederum überhaupt nicht auf. Selbst mir fällt es schwer, dir eine sinnvolle Beschreibung an die Hand zu geben. Wir müssen schauen, dass wir den Leuten unsere Musik live vorspielen, so dass sich jeder seine eigene Meinung bilden kann.

Søren: Unser Produzent meinte, das Album klingt wie eine Kollaboration von A-ha und Korn, die zusammen in einer Schwulen-WG leben. Was für ein absolut großartiger Vergleich!

Stimmt, an A-ha dachte ich vor allem in "Fireworks". Ist es eigentlich wahr, dass euer Produzent schon mit den Beastie Boys gearbeitet hat?

Morten: Nicht der Produzent, du meinst Michael Patterson aus L.A., er hat das Album gemixt. Sein Lebenslauf klingt ziemlich fett mit Namen wie Smashing Pumpkins, J-Lo, BRMC, Duran Duran und so. Zu ihm kamen wir durch den Kontakt zu Chris Athens, der unser Album gemastered hat. Außerdem waren wir eh gerade drüben, so dass das gut gepasst hat.

Lau: Es war klasse in L.A. zu arbeiten. Die Leute sagen ja immer, dass dort so ein "Everything can happen"-Vibe in der Luft liegt und das stimmt tatsächlich. Wie die Leute dort mit dir reden, wie sie deine Musik beurteilen, da glaubt man für eine Sekunde wirklich, dass man die größte Band der Welt ist. Aber man darf eben nicht vergessen, dass diese Leute ohne Ende von früh bis spät am quatschen sind. Amis eben. Und trotzdem ertappst du dich manchmal bei dem Gedanken "Hey, hier drüben könnten wir richtig abräumen". Im Moment laufen sogar tatsächlich Gespräche von ein paar Leuten mit unserem Manager, was US-Pläne betrifft, aber daraus muss nicht zwangsläufig etwas werden. Für uns sind die Staaten einfach nur ein kleiner Spaß, nichts ernsthaftes.

Wie fühlt man sich eigentlich, wenn man daheim vor 5.000 Leuten spielt und auf der Berliner Popkomm vor etwa 150?

Morten: Das ist beides lustig. Wir haben in Dänemark schon vor 60.000 Menschen gespielt, was geil ist, weil du auf einer riesigen Bühne stehst, das Licht dich komplett durchdrehen lässt und die Menschen schreien. Ehrlich gesagt kann einem da aber der Drang verloren gehen, ein Publikum richtig überzeugen zu müssen. Es ist einfach etwas anderes, wenn die Leute auf dein Konzert kommen, weil sie deine Lieder nicht kennen. Es ist aufregend, den Leuten von der Bühne aus ins Gesicht sehen zu können. Mitzubekommen, wie sie beim dritten Song beginnen zuzuhören, und beim zehnten dann mitgrölen. Solche Auftritte sind unbezahlbar, auch vor 30 Leuten.

"Bier ist in Dänemark billiger"


Auf der Popkomm habt ihr auf dem dänischen Abend gespielt. Gab es mit den anderen Bands eine Art freundschaftliches Wiedersehen?

Søren: Ja, das war so etwas wie die Rock- und Popelite aus Dänemark. Kashmir waren dabei, eine tolle und schon ziemlich alte dänische Band, Nephew und Diefenbach, die ich auch interessant finde. The Movement kenne ich nicht so gut, ich glaube, die spielen öfter bei euch als bei uns. Das hat großen Spaß gemacht, gerade Kashmir habe ich schon eine Weile nicht mehr live gesehen. Ausverkauft war es auch, viele deutsche Zuschauer, ein paar Dänen, super.

Skandinavische Bands sind ja seit Jahren sehr erfolgreich in Deutschland. Habt ihr aus der dänischen Warte eine Erklärung dafür parat?

Morten: Bands wie die Raveonettes und Mew haben da sicher Vorarbeit geleistet, da sie um 2002 mit als erste weltweite Majordeals unterzeichneten. Dänischen Musikern hat das eine Menge Selbstvertrauen gegeben. Plötzlich war es cool, aus Dänemark zu kommen, es war mehr als Aqua.

Lau: Man darf nicht vergessen, dass die dänische Regierung in den vergangenen vier Jahren dänische Radiostationen dazu verpflichtet hat, Newcomerbands zu spielen. So viel Mist-Demos es auch geben mag, nur wer sucht, der findet auch Perlen. Und es gibt sie. Ich meine, wir waren zunächst auch nur eine Demoband und plötzlich liefen unsere Songs im Radio. So kamen wir ins Gespräch.

In Deutschland gibt es auch eine unsägliche Debatte hinsichtlich einer Radioquote, die allerdings nicht unterscheidet, ob nun deutschstämmige oder deutschsprachige Bands zu fördern sind.

Lau: Das hat sicher auch mit der Größe des Landes zu tun. Dänemark war lange Zeit weit hinter Schweden, was qualitative Musikerzeugnisse angeht. Als dann der erste Hoffnungsschimmer am Erfolgshorizont erglimmte, also vor einigen Jahren, warfen sich die Dänen der Länge nach drauf. Bands aus Dänemark mussten plötzlich nicht mehr hinter schwedischen hintanstehen. Es gab sogar geflügelte Worte in den Medien wie "Dänemark ist das neue Schweden" und so. Heute wird auch für dänische Bands viel Geld ausgegeben.

Seid ihr in den übrigen skandinavischen Ländern denn genauso erfolgreich?

Lau: Die Schweden hassen uns, glaube ich. Ich habe ernsthafte Bedenken, dort überhaupt nochmal zu spielen. (lacht) Nein, aber in Schweden werden wir's wohl nicht schaffen. Die haben einfach schon genug gute Musik. Es ist sehr schwer, aus Dänemark zu kommen und in Schweden Erfolg zu haben. Norweger und Finnen mögen dagegen unsere Musik. Es ist schon witzig in Helsinki zu stehen und Autogramme an Kids zu verteilen, die du überhaupt nicht verstehst.

Ich möchte nochmal auf diese scheinbar doch konfrontative Haltung zu Schweden zurück kommen.

Lau: Tja, altes Blut, alter Hass. (Gelächter)

Morten: Sagen wir so, es herrscht kein Krieg zwischen Dänemark und Schweden. Ich liebe ja auch einige schwedische Bands. Es ist einfach so, dass sich die Leute dort lieber auf die eigene Musikszene konzentrieren.

Eure neue Platte erscheint dort aber auch?

Morten: Ja, ich denke schon. Aber egal, das Bier ist eh billiger in Dänemark. (lacht)

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