laut.de-Kritik

Auf der Suche nach dem Alleinstellungsmerkmal.

Review von

In einem Genre, in dem Bands unter Generalverdacht stehen, sowieso alle gleich zu klingen, ist ein Alleinstellungsmerkmal Gold wert. Egal, ob sich das gewitzte Songwriting vom Rest abhebt, der Sound mit einem Patent versehen scheint oder eben der Sänger unter Tausenden heraussticht: Im Metalcore braucht es Wiedererkennungswert, um nicht in der generischen Masse unterzugehen. Bury Tomorrow hatten das Glück, genau diese eine unvergleichliche Stimme in ihren Reihen zu wissen, die schon beim leisesten Ton jeden Raum heller strahlen lässt.

Die Betonung liegt auf "hatten", denn Gitarrist und Goldkehlchen Jason Cameron verkündete 2021 seinen Ausstieg. Nun waren die Briten nicht um die Herausforderung zu beneiden, einen Ersatz zu finden, um die entstandene Lücke zu füllen. Damit sich Tom Prendergast, aka der Neue, keinem aussichtslosen Vergleich mit dem Ex stellen muss, setzt "The Seventh Sun" alles daran, die eigene Identität abzuwandeln. "Erase me, completely. Start over, set finally free", bringt "Begin Again" den Anspruch auf den Punkt. Sicher die einzig richtige Strategie, doch so recht gelingt es nicht, den schweren Verlust zu kompensieren.

Versuchen wir, dennoch eine faire Chance zu geben. Die hat vor allem Prendergast verdient, der mutig in die großen Fußstapfen tritt. Mit ihm gewinnt der Mix aus Härte und hymnischer Melodie tatsächlich einen völlig anderen Anstrich. Im Titeltrack beweist er rasch ein gutes Gespür für eingängige Hooks. Check! Neben den wuchtigen Shouts von Danny Winterbates wirkt seine Stimme allerdings weniger organisch, sondern profitiert auffallend von der fetten Produktion. Entfernt erinnert seine Phrasierung an Matthew Heafy (Trivium) oder Josh Gilbert (As I Lay Dying). Darf er durchaus als Kompliment verstehen.

Der Neuling bringt nicht nur sein Stimmchen ein, sondern entlockt auch dem Keyboard einige Hintergrund-Samples. So fügen sich atmosphärische Synthie-Effekte immerhin instrumental getarnt in Persona in den Sound ein. Das Ergebnis klingt massiv, mit dunklen Stimmungen aufgeladen und sehr viel weniger minimalistisch als die bisherige DNA der Truppe.

Einzig Winterbates brunftige Growls thronen weiterhin unantastbar klar, stabil und druckvoll über dem mächtigen Sound. Sein Organ schlägt die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Kein Wunder, dass ein vernichtender Breakdown wie etwa in "Abandon Us" weiterhin traumwandlerisch leicht gelingt. Es ballert also hart wie eh und je. Darüber hinaus hat sich viel verändert.

Mit fortschreitender Spielzeit distanziert sich der Klargesang zunehmend vom Metalcore. Stattdessen befeuern "Begin Again" oder "Boltcutter" gar New Metal-Assoziationen, und so mancher Refrain ("Abandon Us") kokettiert mit den hochgestreckten Fäusten des Stadion-Publikums. Nicht falsch verstehen: All das löst kein mulmiges Gefühl aus, knüpft aber leider allenfalls im Ansatz an die erfrischenden Kompositionen der letzten Platte an. Gespickt mit Referenzen zu anderen Bands und Genres, plätschert ein Track nach dem anderen dahin.

Potenzial deutet sich etwa an, wenn "Forced Divide" wild entschlossen drauflos stürmt. "Wrath" hält zumindest gegen Ende einige unvorhergesehene Wendungen bereit und "Recovery" mausert sich dank aufgeweckter Melodien zu einem der besten Tracks. Die Hoffnung auf den einen, alles überstrahlenden Hit erweist sich als Sackgasse. Daran ändern auch die verspielten Experimente mit leiseren Tönen nichts. Im Gegenteil, spiegeln "Carkass King" oder "Majesty" eher die Findungsphase der Band wieder. Gänsehaut-Gefühle wollen einfach nicht überschwappen, trotz aller krampfhaften Bemühung.

Mit Cameron fehlt nicht nur eine der besten Stimmen seiner Zunft, sondern auch die nötige Finesse, Tiefe und Verletzlichkeit im Songwriting. "If empathy is the enemy, we're lost eternally." Seltsam gezwungen statt wie selbstverständlich fließen Zeilen wie diese in den Sprech der Platte ein. Möglich, dass die Briten noch etwas Zeit benötigen, um sich beim Übergang in ein neues Kapitel einzupendeln. Nicht jede Lücke lässt sich eben schulterzuckend schließen. Das ist auch gut so!

Trackliste

  1. 1. The Seventh Sun
  2. 2. Abandon Us
  3. 3. Begin Again
  4. 4. Forced Divide
  5. 5. Boltcutter
  6. 6. Wrath
  7. 7. Majesty
  8. 8. Heretic
  9. 9. Recovery
  10. 10. Care
  11. 11. The Carcass King

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2 Kommentare

  • Vor einem Jahr

    Ich finde nicht, dass Finesse im Songwriting fehlt. Im Gegenteil, "Cannibal" war von Anfang bis Ende ein Nummer-sicher-Album, das keine Risiken eingegangen ist. "The Seventh Sun" ist im Vergleich deutlich erfrischender und vielfältiger angelegt - auch weil der neue Sänger vielseitiger ist, als es Cameron war (dessen wunderbar markante Stimmfarbe natürlich trotzdem irgendwo vermisst wird).

  • Vor einem Jahr

    Das "Alleinstellungsmerkmal" wird irgendwie auch am häufigsten im Metalcore gefordert, hmm. Manche Bands können machen, was sie wollen und trotzdem soll das "Alleinstellungsmerkmal" fehlen. Vielleicht sollte man einfach mal die übertriebene Erwartungshaltung überdenken.