laut.de-Kritik

Eklektik-Pop, der mit jedem Anhören reift und immer besser wird.

Review von

80er-Fans werden den alten The Range-Bruce in den fetten Keyboards-Orgel-Samples im stark elektronifizerten Jazzrock "Bucketlist" wieder erkennen, der auch einem Peter Gabriel-Album der Eighties oder Platten der Triffids gut stünde. Wenn man zwischen manchen Dissonanzen eine eingängige Melodie sucht, braucht man mehrere Hör-Anläufe. Denn gerade Simplizität war keineswegs Ziel der Platte. Hornsby wollte in allererster Linie Neues ausprobieren, wie er im Interview erläutert.

An "Days Ahead ft. Danielle Haim" kommt dann keiner vorbei, der ein bisschen Pop-Hit-Digging auf dieser CD betreibt. "Remember when you learnt German" mauschelt der Text nostalgisch, weibliche akzentuierende Vocals veredeln das mit Engelszungen. Folk-Elemente finden sich hier im Choral-Arrangement, dito in den Harmonien und der Instrumente-Auswahl von "Lidar". Dort dreht sich's inhaltlich um Radar-Technik, 3D-Ansichten und technologischen Fortschritt. Im Pulsieren von "Maybe Now" spiegelt sich am meisten, dass cinematoskopische, Spike Lee-induzierte Ideen zugrunde liegen. Unheimlich brodelnde Düster-Brummel-Bounces (Klavierpedal, Synth-Drums, Cello, Bass) prallen kontrastreich auf hellen Falsett-Gesang (Hornsby perfekt bei Stimme!) und Upbeat unter Hochdruck-Dampf.

Die ganze Platte ist schnell. Dass dabei aus dem Rock'n'Roll-Klassiker "Too Much Monkey Business" ein Synth-Bass-Jojo-Spoken Word in der Ästhetik der Sparks und Fun Lovin' Criminals wurde, lässt von Urheber Chuck Berry nur das Skelett des Lieds übrig.

Selten genug, dass Hornsby mal covert. Eindrücklich erlebt man, wie Noten auf Papier und Töne grundverschiedene Welten sind und Bruce einen ziemlich neuen Song aus der Vorlage heraus schält. Die maximal freie Neuaufnahme folgt immerhin dem Original-Text. Die Hornsby-Trademark, sein Piano-Synkopenspiel, untermalt mit Schwung.

"Had Enough" zeigt wieder den perfektionistischen, studierten (Film-)Komponisten in ihm. Er arbeitet mit Streicher-Crescendo, Tonleiter-Chromatik, Jazzrock-Glissando an den Tasten. Im Gesang überrascht er mit einer Tremolo-Technik. Die Vorliebe dafür wurzelt im Psychedelic-Pop der späten Sechziger, wie er im Gespräch erläutert. Der Ostküstler reizt das Klangtiefe-Spektrum zwischen zirpenden Höhentönen und Bassgründeln in "This Is It" produktionstechnisch clever aus - für mich bisher das Beste in punkto Audio-Afficionados-HiFi-Nerd-Kunst, was ich 2022 technologisch wahrgenommen habe.

Es gibt noch viele weitere großartige Moves im Detail auf dieser differenzierten, filigran gebastelten Scheibe. Sie sieht Hysterie ("hysteria") im Umgang mit der Pandemie am Werk, den "fever pitch", dokumentiert im Opener "Sidelines ft. Ezra Koenig + Blake Mills". Man merkt schon im ersten Track: Zu Professor Lauterbach und dessen Freunden wird Hornsby eher keinen Draht finden.

Viel lieber ist ihm die Abstraktion, zum Beispiel dezent flirr-fiepende Elemente der Minimal Music. Da keimt mancher David Sylvian-Moment auf, wenn etwa "The Hound" das Piano stolpern lässt und die Textflut wie im Wasserfall darüber strömt und Streicher insbesondere als Rhythmus-Eckpfeiler dienen. Bewusst spröde, sperrig, dissonant gehaltene Tracks wie das Mellotron-dominierte, schlagreich kontrastierte "Tag" viben zwar rhythmisch, verlangen aber viel Toleranz beim Zuhören. Wenn man überhaupt so recht weiß, wo man hinhören soll. Im dramatisch designten "Point Omega", wehmütig mit slighter Afrojazz-Percussion, könnte es auch der mysteriöse Text über Magnetfelder sein, ein wiederkehrendes Motiv in Hornsbys Gesamtwerk.

Auch die Musik wirkt bei aller Komplexität magnetisch anziehend, weil sie Drive und Vielschichtigkeit besitzt. Gipfelpunkt ist das anmutig-erhabene Klassik-Duett "Single Prayer II" - der 'Hidden Hit' einer tiefgründigen, herausfordernden und gelungenen Experimental-Platte.

Trackliste

  1. 1. Sidelines ft. Ezra Koenig + Blake Mills
  2. 2. Tag
  3. 3. The Hound
  4. 4. Too Much Monkey Business
  5. 5. Maybe Now
  6. 6. Bucket List
  7. 7. Days Ahead ft. Danielle Haim
  8. 8. Lidar
  9. 9. Is This It
  10. 10. Had Enough
  11. 11. Simple Prayer II ft. Z. Berg, E. Gruska, R. Moose
  12. 12. Point Omega

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