laut.de-Kritik

Erste Abnutzungsspuren in der Dunkelheit.

Review von

Seit jeher sind Breaking Benjamin-Alben immun gegen zeitgenössische Anpassungszwänge musikalischer Art. Anno 2015 vertraut das Songmuster noch immer den Versatzstücken des Karrierebeginns: Schüchterne Strophe, ein aufbegehrender Zwischenteil zum Warm-Up und schließlich der umarmende Hymnen-Chorus. Mal balladesk, mal aggressiv und mal radiotauglich vorgetragen, wacht der grungig-mechanische Stimmapparat des heimlichen Solohelden Benjamin Burley über die strenge Einhaltung der ebenso schlichten wie wirksamen Zauberformel.

Dass seine künstlerische Vision auch das neueste Kapitel überstrahlt, ist keine Selbstverständlichkeit. Sechs Jahre, ein Best Of-Album und einige undurchsichtige Band-Scharmützel nach "Dear Agony" wurde die instrumentale Besetzung nämlich komplett neu zusammengewürfelt. Ungeachtet dessen führt die neue Formation den patentierten Breaking Benjamin-Stil erneut über die Ziellinie.

An Überzeugungskraft haben die Kompositionen jedoch eingebüßt. Dem Zugpferd am Mikro gelingt es diesmal nicht, erste Abnutzungsspuren im Songwriting zu übertünchen und ein erneut homogenes Gesamtwerk zu präsentieren, wie dies noch bei den starken Vorgänger-Platten "Phobia" und "Dear Agony" der Fall war.

Gemessen am eindimensionalen Songkonzept hatte das Post-Grunge-Ensemble eine solche Stagnation erstaunlich lange bravourös abgewendet. Nun bremsen abgedroschene Déjà-vus die Freude über das unverhoffte Comeback zuweilen aus.

Dabei zelebriert das atmosphärische Intro "Dark" den Sonnenuntergang noch als vielversprechenden Einstieg in eine ereignisreiche Nacht. Ein unbeirrtes Riff kämpft sich durch unverständlich rauschende Cockpit-Durchsagen, über zurückhaltende Vocals und einen maschinellen Beat, bis hin zur energetischen Inbrunst Burleys durch. Gepusht und vollgepumpt mit Adrenalin, entlädt das Gitarrenbrett in "Failure" die angestaute Power in alter Tradition. Durchzogen von gezielten Breaks in der Strophe, manifestiert sich ein Breaking Benjamin-Song, der das Fanherz zu euphorischen Sprüngen anstacheln dürfte.

Dagegen reiht sich das folgende "Angels Fall", neben "Hollow" und "Bury Me Alive" in die Riege enttäuschender Gegenentwürfe ein. Was "Failure" noch als erfrischende Neuauflage der alten Formel verkauft, erstickt hier an eigenen Redundanzen. Schlagworte wie "angels", "broken wings" oder "goodbye" aus dem Breaking Benjamin-Wortschatz, drängeln sich als pseudo-pathetische Floskeln in den Vordergrund. Auch "Never Again" erinnert nur verschwommen an alte Glanzarien.

Zu allem Überfluss versprüht der obligatorische Feuerzeug-Schwenker "Ashes Of Eden" dem Titel gemäß klebrig-hollywoodreifen Kitsch. Wer auch immer der Adressat der wiederkehrenden Botschaft "Stay with me / don't let me go" sein sollte, das lyrische "You" dürfte, vom gepitchten Chorus penetriert, das Weite suchen.

Dicht gefolgt von "The Great Divide" und "Defeated" schwingt sich "Breaking The Silence" zum Dampfhammer unter den besseren Songs auf. Zwischen den ernüchternden Zeilen "We all fall down, the pain goes on" bäumt sich in "Defeated" der vielleicht packendste Refrain zum hoffnungsvollen Abschluss auf: "As I drag the devil down / I will stand alone / no longer defeated". Sobald der "Dawn" die ersten Sonnenstrahlen auf einen neuen Tag loslässt, muss der hin und her gerissene Hörer für sich entscheiden, ob er auf eine denkwürdige Nacht zurückblickt.

Trackliste

  1. 1. Dark
  2. 2. Failure
  3. 3. Angels Fall
  4. 4. Breaking The Silence
  5. 5. Hollow
  6. 6. Close To Heaven
  7. 7. Bury Me Alive
  8. 8. Never Again
  9. 9. The Great Divide
  10. 10. Ashes Of Eden
  11. 11. Defeated
  12. 12. Dawn

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6 Kommentare

  • Vor 5 Jahren

    Für die meisten Lieder kann ich noch nicht sprechen, aber bei der 2. Single Angels Fall ist jedem dem ich das Lied gezeigt habe und auch mir das Hers aufgegangen. So ein emotionaler Refrain und einfach ein tolles Lied. Für mich also alles andere als ein "enttäuschender Gegenentwurf"

  • Vor 5 Jahren

    Für die meisten Lieder kann ich noch nicht sprechen, aber bei der 2. Single Angels Fall ist jedem dem ich das Lied gezeigt habe und auch mir das Hers aufgegangen. So ein emotionaler Refrain und einfach ein tolles Lied. Für mich also alles andere als ein "enttäuschender Gegenentwurf"

  • Vor 5 Jahren

    Ich finde, das neue Album ist gut gelungen. Für BB-Fans genau das, was sie erwartet haben, nämlich die Aufrechterhaltunng des bandtypischen Klangs mit neuer Besetzung. Große Vielfalt wie man es kennt, es gibt sowohl ruhigere Songs wie z.B. 'Ashes to Eden', der wohl ruhigste Song vom ganzen Album, als auch härtere Stücke wie z.B. 'Bury me alive' als auch 'Breaking The Silence'. Das Album wird also nie wirklich monoton.

  • Vor 5 Jahren

    Ich denke, dass die Antwort, ob es ein gutes Album ist, als einfacher Hörer schnell gegeben werden kann: Möchte ich dass die Band sich weiter entwickelt, experimentiert, Neues ausprobiert? Dann sollte ich dieses Album eher meiden.
    Habe ich die bisherigen Alben inzwischen zum hunderttausendsten Mal gehört und möchte einfach nur dasselbe nur eben auf nem neuen Album? Dann werde ich meine wahre Freude damit haben.

    Keiner der beiden Ansätze ist falsch.

  • Vor 4 Jahren

    Ich habe so unendlich lange darauf gewartet, dass es in neues Album gibt, dass mich sofort in die Scheibe in meinem CD Regal verliebt habe. Jetzt ist einige Zeit vergangen und ich muss sagen, dass nicht jeder Titel ein Kracher ist, aber es ist schön, dass es immernoch bands gibt, die sich und ihrem sound irgendwie treu bleiben

  • Vor einem Jahr

    Ich denke dieses Album ist alles andere als eine Enttäuschung. Es verbindet alte Elemente der Band mit neuen unbekannten Ideen wie Gesangsharmonien oder noch mehr Melodie als Dear Agony, da häufiger auf Powerchords verzichtet wird und das musikalische Gerüst an Komplexität gewinnt. Als ich das erste mal Failure auf der Gitarre spielte brauchte ich nach dem Chorus erstmal einen Moment der Stille aufgrund dieser Vielschichtigkeit. Breaking Benjamin beeindruckt mich seit (gerade mal 2 Jahren!!) mit einer Fülle in ihren Liedern wie ich sie nie zuvor erlebte und einer unantastbaren Dynamik im Gesang. Endlich mal nicht nur Fryverzerrung sondern die gute alte Hietfield Methode, die für mich nach Curt Cobain nur ausgereifter klingt. Und dieses Album ist der Höhepunkt, da mir auf Ember diese Sachen etwas fehlen. Es bekommt 5 Sterne von mir, und der einzige Kritikpunkt von mir Ashes Of Eden, wovon ich lieber Liveversionen höre, da es nach meinem Geschmack übertrieben scharfe Pitch Correction enthält und auch schon mehr nach Ember klingt was die Verzerrung angeht. Ja ich weiß, jetzt wo so viele Harmonien drauf sind kann es nervig sein wenn immer irgendwas nicht gut genug harmoniert und man den Pitch dann künstlich erzeugt, aber da wars unnötig und zu viel des guten. Ich liebe die Natürlichkeit an Burnleys Gesang, da kann ich mit Autotune nichts anfangen