laut.de-Kritik

Große Hymne an die Freundschaft.

Review von

Die vier kommen auf die Bühne, Applaus brandet auf. Nicht überschwänglich, aber doch standesgemäß. Damon Albarn lächelt viel an diesem Abend, Alex James auch, bei Drummer Dave Rowntree ist das schwer zu sagen, und für den Gitarristen interessiert sich eh keine Sau. Fast die Hälfte der gespielten Songs stammen vom aktuellen Album "Think Tank".

So war das damals, an einem kalten Oktoberabend 2003 im Circus Krone in München. Graham Coxon war ausgestiegen oder ausgestiegen worden, die Show trotzdem okay, zumal mein erstes Blur-Konzert. Gut, das Merchandise war ein Witz: "Crazy Beat"-Shirts, obwohl der Song nicht mal gespielt wurde. Was soll's.

Seitdem verging viel Blur-lose Zeit, in der einen die Gorillaz immer nur partiell, The Good, The Bad And The Queen schon ein bisschen umfassender trösteten.

Hält man nun dieses DVD-Dokument der nicht für möglich gehaltenen Blur-Reunion 2009 in den Händen, bestehend aus dem gigantischen Hyde Park-Gig und einer sprachlos machenden Band-Dokumentation (die beste seit dem Pixies-Film), dann fühlt man als Fan einfach nur ... Glück. Das eigene Alter und Glück. Also genau das, was auch die Blur-Typen fühlen, wenn man sie mal zwei Stunden am Stück so reden hört.

Die Dokumentation ist natürlich das Herz der Veröffentlichung, aufgenommen ab dem ersten Wiedersehen der vier Ex-Kumpels über ihre ersten gemeinsamen Auftritte (in einem Eisenbahnmuseum oder dem Rough Trade Shop im Londoner East End) bis hin zu Glastonbury und Hyde Park.

Und es werden so einige seit Jahren unter den Nägeln brennende Fragen beantwortet. Etwa wer 2002 jetzt eigentlich der Stinkstiefel im Bandsplit-Hickhack war, als Coxon zuerst mit in Marokko war, dann aber wieder nicht, weil eigenes Soloalbum wichtiger oder zu besoffen oder Halb-Producer Fatboy Slim ein leidiges "fatmouth".

Dass es keine eindeutige Antwort auf diese Frage gibt, ist eine generelle Stärke der Doku. Jedes Bandmitglied erzählt seine eigene Geschichte, bis sich dem Zuschauer ein Gesamtzusammenhang erschließt, aus dem heraus er sich intuitiv eine Person auswählt, deren Argumentation er am glaubwürdigsten oder nachvollziehbarsten empfindet.

In besagter Streitfrage geht Albarn, der ohne Umschweife seinen Frust rüberbringt, den er fühlte, als er zum vereinbarten Termin im marokkanischen Studio ankommt und dort nur 75% seiner Band antrifft, mit leichten Feldvorteilen raus.

Coxon wiederum erzählt von der Reha, aus der er damals nach vier Wochen kam und von der damit zusammenhängenden "seltsamen Stimmung im Studio", über die er sich scheinbar auf einem spontanen Rückflug nach London noch mal Gedanken machen wollte. Albarn wollte diese Gedanken dann bekanntlich nicht mehr hören.

Über zehn Jahre hing man da schon zusammen und schließlich hatten nach diesem Album auch alle anderen voneinander genug. Warum es trotzdem noch eine Tournee gab, ist allerdings eine nicht beantwortete Frage, denn Albarn nennt "Think Tank" ein Album, "das ich nicht wirklich machen wollte, für das ich aber eingewilligt habe".

Hierzu passt die einhellige Meinung von Rowntree/James/Coxon, dass die Karriere von Blur ohne den "Terrier Damon" niemals diese Entwicklung genommen hätte. Albarn selbst bestätigt sein Leader-Standing innerhalb der Band mit der Anekdote, wie er 1989/90 voller Wut auf (vermutlich) Coxon und James zu ihnen nach Hause fuhr, um ihnen die Türe einzutreten, nachdem diese nicht zum allerersten Studiotermin antanzten, den der Sänger von seinem spärlichen Taschengeld klargemacht hatte.

Angereichert mit seltenen wie lustigen Live- und Interview-Ausschnitten der 90er Jahre ist "No Distance Left To Run" ein herzerwärmendes Portrait einer begabten Rockband, vielmehr aber noch einer innigen Freundschaft geworden. Der heute im Käse-Exil lebende Basser James vermisste Damon, aber fast noch mehr seinen Kumpel Coxon, dieser vermisste irgendwann dann auch Albarn, vor dem er sich noch vor Jahren panisch im Londoner Zoo versteckte.

Es gelingt Blur, viel besser als beispielsweise den Pixies, ihre Reunion als ausschließlichen Akt gegenseitiger Ehrerbietung darzustellen, als den Drang nach einem gemeinsamen Nostalgierausch, der sich fernab von finanziellen Aspekten abspielte. Weshalb nach den wenigen Konzerten auch Schluss war. Schlecht für mich, gut für die glücklichen Festival-Zeugen. "Live In Hyde Park" ist dann setlistentechnisch auch noch genau das Konzert geworden, das man sich immer von seiner Band gewünscht hat. Kurzum: Hammer-DVD.

Trackliste

DVD 1: No Distance Left To Run (Documentary)

DVD 2: Hyde Park, July 2009

  1. 1. Intro
  2. 2. She's So High
  3. 3. Girls & Boys
  4. 4. Tracy Jacks
  5. 5. There's No Other Way
  6. 6. Jubilee
  7. 7. Badhead
  8. 8. Beetlebum
  9. 9. Out Of Time
  10. 10. Trimm Trab
  11. 11. Coffee and TV
  12. 12. Tender
  13. 13. Country House
  14. 14. Oily Water
  15. 15. Chemical World
  16. 16. Sunday Sunday
  17. 17. Parklife
  18. 18. End Of A Century
  19. 19. To The End
  20. 20. This Is A Low
  21. 21. Popscene
  22. 22. Advert
  23. 23. Song 2
  24. 24. Death Of A Party
  25. 25. For Tomorrow
  26. 26. The Universal

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